Schutz für Tiere

Niedersachsen plant Abschussverbot für Hauskatzen und Hunde

Niedersachsens Landwirtschaftsminister will das Jagdrecht ändern und den Abschuss wildernder Katzen verbieten. Jäger und Tierschützer tragen die Grabenkämpfe aus.
10.11.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Martin Wein

Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) will mit der geplanten Änderung des Jagdgesetzes in Niedersachsen den Abschuss wildernder Katzen untersagen. Während Jäger und Tierschützer die zu erwartenden Grabenkämpfe austragen, reagieren Wissenschaftler auffallend verhalten. Die Forscher fragen vor allem nach aussagefähigen Daten.

300 Meter vom nächsten Haus entfernt wird es für Hauskatzen gefährlich: Wenn sie nicht Opfer von Autofahrern geworden sind, droht ihnen der Lauf eines Gewehrs. Jäger dürfen streunende Katzen schießen, ebenso Hunde, die nicht in Begleitung eines Halters oder als Diensthunde erkennbar sind. So steht es im niedersächsischen Landesjagdgesetz und soll den Einfluss der Streuner auf natürliche Vogel- und Säugetier-Populationen begrenzen.

Bis jetzt: Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) möchte den entsprechenden Paragrafen 29 im Zuge einer Novellierung des Jagdrechts 2016 streichen. Meyer sehe keine Notwendigkeit mehr dazu, und das Eigentumsrecht der Katzenhalter sei damit unnötig betroffen, sagt Ministeriumssprecher Manfred Böhling.

Was Katzenbesitzer mit Erleichterung hören werden, sorgt unter Wissenschaftlern für verhaltenes Echo. „Diese Thematik ist vor allem ein emotionales Problem“, sagt Niko Balkenhol, Professor für Wildbiologie und Jagdkunde an der Universität Göttingen. Mit einem modernen Gewehr fachgerecht erlegt, sei auch eine Katze oder ein Hund sofort tot – ohne zu leiden. Rein technisch betrachtet, sei ein Abschuss mithin durchaus ein geeignetes Mittel, um die Zahl streunender Katzen zu dezimieren.

Kleine Raubtiere

„Man sollte sich da auch nicht vom niedlichen Stubentiger täuschen lassen: Katzen sind kleine Raubtiere, die Gelegenheiten zum Jagen nutzen“, sagt die Fachtierärztin Adelheid Prüfer von der Tierärztlichen Hochschule Hannover. Katzen jagten zudem oft wesentlich mehr als sie fressen könnten. „Gerade deshalb hat man sie ja auf den Höfen gehalten, um Mäuseplagen zu vermeiden.“

Allerdings sei das stark von der Passion und dem Charakter der jeweiligen Katze abhängig: „Die eine jagt gerne und viel – die andere ist eher faul.“ Hochrechnungen seien also schwierig. Balkenhol ergänzt, lokal könne bereits eine einzige Katze Schaden anrichten, wenn sie sich etwa auf die Jagd einzelner Vogelarten spezialisiert habe. Allerdings wanderten die betroffenen Arten wieder nach, wenn ihr Lebensraum keine Insel sei.

Katzen mit Jagdglück

Völlig unklar ist, wie die Lage in Niedersachsens auf Feldern, Wiesen und in Wäldern überhaupt aussieht. Deshalb mögen beide Experten auch nicht klar Position beziehen. „Mir ist keine Studie bekannt, die hier verlässliche Zahlen liefert“, sagt Balkenhol. Abgeschossene Katzen und Hunde sind nicht meldepflichtig. In Nordrhein-Westfalen, wo das Jagdrecht nun analog geändert werden soll, werden im Jahr rund 10 000 Abschüsse von Katzen und 70 von Hunden registriert. Über den Schaden, den sie anrichten, gibt es nur Schätzungen.

Aufschluss brachte allein eine Studie im US-Staat Georgia, für die 60 freilaufende Katzen mit Videokameras ausgerüstet wurden. Anschließend konnten die beteiligten Wissenschaftler die Tiere bei der Jagd auf Vögel, Reptilien und Streifenhörnchen beobachten – und ihr unterschiedliches Jagdglück. Die beteiligten Forscher um Scott Loss vom US-Fish and Wildlife Service haben Angaben mehrerer Studien hochgerechnet und kommen dabei auf 1,4 bis 3,7 Milliarden durch Katzen erlegte Vögel in den USA.

Datengrundlage unklar

Allerdings verweisen sie selbst darauf, dass diese Zahl nicht ohne Weiteres auf Europa übertragbar sei. „Hier müsste die Hauptforderung sein, zunächst valide Daten zu sammeln“, sagt Balkenhol. Oft würden solche Fragen im Rahmen von Bachelor- oder Masterarbeiten untersucht. „Aber da fehlt es naturgemäß an der nötigen Datenmenge, Zeit und den finanziellen Mitteln für allgemeingültige Aussagen.“

Die Zahl der Hauskatzen habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen, beobachtet zumindest Tierärztin Prüfer in ihrer Sprechstunde. Viele Halter hätten inzwischen zwei oder mehr Katzen. Damit die Stubentiger nicht den ganzen Tag alleine sind, wenn ihre Besitzer arbeiten gehen. Der Zentralverband Zoologischer Fachbetriebe stützt diese Beobachtung. Er schätzt die Zahl der Hauskatzen in Deutschland auf rund 12,3 Millionen.

Kastration besser

Der Umsatz für Katzenfutter ist von 1999 bis 2012 jedenfalls von 929 Millionen Euro auf 1,5 Milliarden angestiegen. Eine Kastration freilaufender Katzen hält Veterinärin Prüfer deshalb für absolut geboten. „Katzen können zwei- bis dreimal im Jahr sechs bis acht Junge bekommen. Da vervielfacht sich schnell das Problem.“ Auch für die Tiere selbst sei die Kastration besser, da die meisten Hauskatzen einen solchen Wurf in der Natur gar nicht ernähren könnten. Allerdings scheuten viele Besitzer vor den Kosten von mindestens 80 Euro zurück. „Es ist ja oft schwierig zu sagen, welche Katze einem wirklich gehört, wenn sie zugelaufen ist oder nur gelegentlich vorbei kommt.“

Die Landesregierung will auch dieses Thema deshalb 2015 gesetzlich regeln. Sobald ein laufender Pilotversuch ausgewertet sei, werde über Art und Umfang der im Koalitionsvertrag vereinbarten Kastrationsverordnung beschlossen, kündigt Ministeriumssprecher Böhling an.

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