Kritik von Naturschützern und Jägern

Niedersachsen schränkt Jagd auf Wildgänse ein

Das Land Niedersachsen will Wildgänse schützen - durch die Intervalljagd. Alle zwei Wochen wechseln sich Jagd- und Schonperioden ab. Das sorgt sowohl bei Naturschützern als auch bei Jägern für Empörung.
24.05.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Niedersachsen schränkt Jagd auf Wildgänse ein
Von Silke Looden
Niedersachsen schränkt Jagd auf Wildgänse ein

Die Intervalljagd in den Vogelschutzgebieten soll Ruhebereiche für Wildgänse schaffen, ohne die Jagd ganz zu verbieten.

dpa

Das Land Niedersachsen will Wildgänse schützen - durch die Intervalljagd. Alle zwei Wochen wechseln sich Jagd- und Schonperioden ab. Das sorgt sowohl bei Naturschützern als auch bei Jägern für Empörung.

Das Land Niedersachsen will die Wildgänse in den EU-Vogelschutzgebieten durch die sogenannte Intervalljagd schützen. Ein entsprechender Gesetzentwurf ist nicht nur im Agrarausschuss des Landtags umstritten. Naturschützern geht der Kompromiss nicht weit genug, Landwirten und Jägern hingegen zu weit. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) indes hält an seinem Vorschlag fest: „Wir haben in Niedersachsen eine hohe Verantwortung für nordische Gänsearten, die hier ihre Rastgebiete aufsuchen.“

Bei der Intervalljagd wechseln sich Jagd- und Schongebiete im Rhythmus von zwei Wochen ab. Geplant ist diese Form der Jagd in den Hauptrastgebieten während des Vogelzugs im Oktober und November. Ziel ist es, den Vögeln Schonräume zu geben, ohne die Jagd ganz zu verbieten.

Wattenrat fordert: Kein Kompromiss beim Artenschutz

Von einem „faulen Kompromiss“ spricht der Wattenrat. Sprecher Manfref Knake kann nicht verstehen, warum der Normalbürger die Vogelschutzgebiete nicht einmal betreten darf, während Jäger darin töten dürfen. Für den Zusammenschluss unabhängiger Naturschutzgruppen gibt es keinen Kompromiss beim Artenschutz. Die Vögel würden durch die Jagd aufgescheucht. Die Intervalljagd führe zu einer Dauerbeunruhigung in den EU-Vogelschutzgebieten während des Vogelzugs, sodass die Tiere sich für den Weiterflug nicht stärken könnten.

Die Landesjägerschaft hingegen will keine weiteren Einschränkungen der Jagdzeiten hinnehmen. „Das ist angesichts der hohen Bestandszahlen schlichtweg nicht nachvollziehbar“, meint der Justitiar der Landesjägerschaft Clemens Hons. Der Jurist sieht in der Intervalljagd einen Eingriff in das Jagdausübungsrecht und in das Eigentumsrecht.

Gänsebeobachtung soll Erkenntnisse über Intervalljagd bringen

Die Landesjägerschaft will gegen die Einführung der Intervalljagd in den EU-Vogelschutzgebieten notfalls klagen. Gegen die Verkürzung der Jagdzeiten durch die neue Jagdzeitenverordnung ist bereits eine Klage vor dem Oberverwaltungsgericht in Lüneburg anhängig. Die Landesjägerschaft fordert die Landesregierung auf, erst einmal die Klage und das Ergebnis des Gänsemonitorings abzuwarten. Die 1,2 Millionen Euro teure wissenschaftliche Beobachtung der Gänse soll auch Aufschlüsse über die Intervalljagd geben. Der Wattenrat kritisiert, dass die Daten teils durch Jäger erhoben werden.

„Wie dann die Ergebnisse ausfallen werden, lässt sich schon jetzt unschwer erahnen“, meint Knake. Die Jägerschaft weist entsprechende Vorwürfe zurück. Während Naturschützer sich fragen, warum in den EU-Vogelschutzgebieten überhaupt Jagd auf Gänse gemacht werden darf, meinen die Jäger, dass fremde Arten hierzulande bereits zu sehr heimisch geworden sind, sodass sie heimische Arten verdrängen. Eine Bestandsregulierung aber steht laut Gesetzentwurf im Widerspruch zur Vogelschutzrichtlinie.

„Gänse richten massiven Schaden in der Landwirtschaft an“

Der ehemalige Landwirtschaftsminister Heiner Ehlen (CDU) aus Kalbe (Landkreis Rotenburg) verweist unterdessen auf die „massiven Schäden, die Gänse in der Landwirtschaft anrichten“. Im Landtag forderte der Abgeordnete, dass Rot-Grün die Verkürzung der Jagdzeiten auf Gänse zurücknehmen müsse. Durch Gänsekot verschmutzte Weiden könnten weder zur Futtergewinnung noch zur Beweidung genutzt werden. „Um zu einem vernünftigen Ausgleich zwischen Vogelschutz-Aspekten und den wirtschaftlichen Belangen der Landwirte zu gelangen, müssen Gänse in einem ausreichenden Maß bejagt werden dürfen“, meint Ehlen.

Der Gesetzentwurf wird voraussichtlich im Juni-Plenum des Landtags beraten. Die Novelle sieht eine Ermächtigung der Landkreise vor, die alternierenden Jagdgebiete festzulegen. Der Wattenrat glaubt nicht daran, dass die Jäger sich an die neuen Vorgaben halten werden. Zu oft schon hatten Wattenrat-Aktivisten am Dollart Jagdverstöße mit der Kamera festgehalten. Insbesondere bei schlechter Sicht würden auch streng geschützte Arten wie die Zwerggans abgeschossen, so die Naturschützer. Ob versehentlich oder absichtlich, ist im Nachhinein kaum zu klären.

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