Ministerin befürchtet massive Ausfälle Niedersachsen sucht verzweifelt nach neuen Lehrern

An Niedersachsens Schulen drohen im neuen Schuljahr massive Stundenausfälle. Das Land findet einfach nicht genügend Lehrer.
04.08.2016, 00:00
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Niedersachsen sucht verzweifelt nach neuen Lehrern
Von Peter Mlodoch

An Niedersachsens Schulen drohen im neuen Schuljahr massive Stundenausfälle. Das Land findet einfach nicht genügend Lehrer.

Die Unterrichtsversorgung werde im Durchschnitt nur 98 Prozent erreichen, kündigte Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) am Mittwoch in Hannover an. „Das ist ohne Zweifel kein zufriedenstellender Wert. Der Pflichtunterricht ist aber gesichert“, betonte die Ressortchefin. Mit einem 17-Punkte-Plan will sie nun Quereinsteiger gewinnen, Mehrarbeit ermöglichen, Pensionierungen hinausschieben und bereits ausgeschiedene Lehrkräfte reaktivieren. „Wir werden wirklich jeden Stein umdrehen“, sagte die Ministerin.

Von den 2700 zum Schuljahresbeginn ausgeschriebenen Stellen konnte die Landesschulbehörde bisher lediglich 2040 besetzen. „Der Markt ist nahezu leergefegt“, klagte Heiligenstadt. Und das gelte für alle Bundesländer, die ebenfalls einen hohen Mehrbedarf wegen der vielen Flüchtlingskinder und der Inklusion von Schülern mit Lernschwächen hätten.

Seit März 2015 seien 36.000 neue Kinder mit geringen oder gar keinen Deutschkenntnissen an die niedersächsischen Schulen gekommen. Unklar ist daher vorerst auch, wie Niedersachsen die 2160 weiteren von Rot-Grün im Doppelhaushalt für 2017 und 2018 bewilligten Lehrerposten auffüllen will. „Es scheitert nicht an Stellen, es scheitert nicht an Geld. Wir müssen nur die geeigneten Menschen für die Aufgaben finden“, flehte die Ministerin.

Quereinstieg soll erleichtert werden

Das versucht sie nun mit einem Mix aus finanziellen Anreizen, mehr Freiheiten für die Schulen und vereinfachten Wegen in den Lehrerberuf. So will das Ministerium künftig auch Akademiker ohne spezielle Lehramtsausbildung unbefristet als Angestellte für den Dienst an Grundschulen einstellen. Auch der Quereinstieg für Bewerber ohne Lehramtsstudium in den Vorbereitungsdienst (Referendariat) wird durch weniger strenge Fächervorgaben erleichtert. Referendare selbst können nach bestandener Prüfung sofort die volle Stundenzahl eines fertig ausgebildeten Lehrers arbeiten.

Vollbeschäftigte Lehrkräfte können nach dem Aktionsplan freiwillig mehr unterrichten und die Zusatzstunden entweder auf einem Arbeitszeitkonto ansparen oder sich auszahlen lassen. Wer trotz erreichter Altersgrenze weiterarbeiten kann und will, wird mit einem achtprozentigen Zuschlag auf die Bezüge belohnt. Ganztagsschulen können ihr Kontingent für die Nachmittagsstunden flexibler einsetzen, um so den Pflichtunterricht zu sichern.

?"Aktionsplan wird die Probleme nicht lösen"

„Das ist ein Katalog von Notmaßnahmen, aus dem die ganze Verzweiflung dieser Ministerin spricht“, erklärte CDU-Schulexperte Kai Seefried. Auch mit den 17 Punkten werde es Heiligenstadt nicht gelingen, den drohenden Stundenausfall zu verhindern. Der Aktionsplan werde die hausgemachten Probleme nicht lösen, sondern neue Hypotheken für die Zukunft schaffen.

Der FDP-Abgeordnete Björn Försterling warnte vor Abstrichen an der Bildungsqualität durch Quereinsteiger und prophezeite „trübe Aussichten“ für Lehrer, Eltern und Schüler. Sie hätten schon im vergangenen Jahr unter Mehrarbeit und überfüllten Klassenzimmern gelitten. Im neuen Schuljahr werde aber alles noch viel schlimmer.

Run auf die Gymnasien

Eine genaue Gesamtzahl der Lehrer in Niedersachsen nannte das Ministerium nicht. Der zuständige Referatsleiter sprach von „70.000 Köpfen an den allgemeinbildenden Schulen“, nannte aber keine Aufteilung in Vollzeit- und Teilzeitstellen. Auch bei präzisen Angaben über die Schüler tat sich das Kultusressort sehr schwer. Den Zuwachs während des laufenden Schuljahres durch Flüchtlingskinder könne man nur grob schätzen, da die Schulen nur dann neue Schüler melden müssten, wenn dadurch auch die Bildung neuer Klassen notwendig werde.

Auf derzeit rund 850.000 Schüler bezifferte das Ministerium die Zahl der Schüler an den allgemeinbildenden Schulen. 69.100 Jungen und Mädchen werden laut Prognose vom vergangenen September neu eingeschult. „Diese Zahl wird aber mutmaßlich höher liegen als ursprünglich erwartet“, teilte das Ministerium mit.

Über exakte Werte werde man erst in einigen Wochen verfügen. Ungebrochen ist der Run auf die Gymnasien; deutlich mehr als 40 Prozent der Schüler wechseln nach der Grundschule dorthin. „Das ist und bleibt die beliebteste Schulform“, betonte Heiligenstadt. Von dem von der schwarz-gelben Opposition an die Wand gemalten Gymnasiumsterben sei jedenfalls nichts zu spüren. Die Gesamtzahl der öffentlichen Gymnasien bleibe konstant bei 220.

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