Wegen sinkender Akzeptanz

Niedersachsens CDU will Windräder im Wald

Um die Klimaziele zu erreichen, möchte die CDU nun Windräder im Wald errichten lassen. Die SPD und der Bundesverband Windenergie begrüßen diesen Vorstoß.
16.02.2020, 22:53
Lesedauer: 4 Min
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Von Reimar Paul
Niedersachsens CDU will Windräder im Wald

Zahlreiche, vom ­Borkenkäfer ­befallene Fichten stehen nahe der ­Rangerstation ­Königskrug im Harz. Die kahlen Flächen könnten in Zukunft vielleicht ander­weitig genutzt ­werden: Wenn es nach der CDU geht, sollen Windräder dort stehen, wo keine Menschen ­leben.

Swen Pförtner/dpa

Beim Thema Windkraft gelten CDU und CSU eigentlich als zurückhaltend. In Bayern etwa gilt seit fünf Jahren die sogenannte 10H-Regel: Neue Windräder dürfen nur dann errichtet werden, wenn ihr Abstand zur nächsten Siedlung mindestens das Zehnfache der Höhe der Anlagen beträgt. Da Windräder inzwischen oft 200 Meter vom Fuß des Turms bis zur Spitze ihrer Flügel hoch sind, beträgt der Pflichtabstand dort zwei Kilometer. Die Folge ist, dass in Bayern praktisch keine Windräder mehr gebaut werden. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier von der CDU will, dass in Deutschland ein Abstand von 1000 Metern zur nächsten Wohnbebauung gilt.

Einigermaßen überraschend kam daher jetzt ein Vorstoß der CDU in Niedersachsen. Sie spricht sich für den Bau von Windrädern im Wald aus. Bislang lässt das Bundesland in seinem Raumordnungsprogramm Waldflächen für die Windenergienutzung grundsätzlich außen vor, nur eine Handvoll Windräder steht im Wald.

Wenig Akzeptanz für Windenergie

Grund für die Initiative des CDU-Landesverbandes ist die Einsicht, dass es im sogenannten Offenland immer schwieriger und aufwendiger wird, Windkraftanlagen genehmigen zu lassen. Vielerorts schwindet die Akzeptanz für Windenergie. Andererseits führt am massivem Ausbau dieser Energieform kein Weg vorbei, sollen Klimaziele und Energiewende nicht vollends aus dem Blick geraten. Die CDU schränkt ihren Vorstoß aber gleich wieder ein. Der größte Teil des Waldes in Niedersachsen soll auch künftig frei von Windrädern sein, betont Fraktionschef Dirk Toepffer. In Natur- und Landschaftsschutzgebieten sei die Errichtung solcher Anlagen ohnehin tabu. Zudem müssten mindestens zehn Prozent eines Gemeindegebietes bewaldet sein, bevor dort gebaut werden dürfe – und dann auch nur auf zehn Prozent der Fläche.

Das SPD-geführte Umweltministerium zeigt sich offen für die Initiative. Insbesondere in von den Stürmen der vergangenen Jahre und Borkenkäfern zerstörten Waldgebieten seien Windparks denkbar. Im Harz und im Solling warfen Kyrill & Co Millionen Bäume um. Die von der CDU vorgeschlagenen Beschrän­kungen hält das Ministerium für sinnvoll. Beim Bundesverband Windenergie rennt man damit offene Türen ein. Forstflächen seien weitestgehend unbesiedelt und böten auch Standorte mit hohem Anwohnerschutz, weil der hohe Bewuchs „sichtverschattend wirksam“ sei und Geräusche dämpfe. Mit der Nutzung von Windenergie sieht der Verband auch die wesentlichen forstlichen Funktionen als gesichert an: Waldökologie, Forstwirtschaft, Erholung und Jagdbetrieb.

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Skeptisch bis ablehnend äußern sich dagegen die Umweltverbände. Der Umstieg auf regenerative Energien sei zwar notwendig, um die Klimaziele zu erreichen, sagt der Landesvorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu), Holger Buschmann. Er bedeute aber auch einen „tiefgreifenden Transformationsprozess“. Dieser wiederum erfordere eine zuverlässige Raumplanung und „kann nicht ernsthaft meteorologischen Zufälligkeiten oder dem Borkenkäfer überlassen werden“. Nur weil Sturm und Borkenkäfer nicht vor Landschaftsschutzgebieten oder Naturparken Halt gemacht hätten, dürften diese jetzt nicht geopfert werden, um mit Aktionismus über anderweitige Versäumnisse hinwegzutäuschen.

Immerhin kann sich Buschmann Windräder an Waldrändern, an Wäldern direkt an Autobahnen oder in der Nähe von Gewerbegebieten vorstellen. Sein Stellvertreter Carsten Böhm sagt: „Naturnahe Bestände, Lebensräume seltener Arten, historisch alte Waldstandorte und geschlossene Waldgebiete müssen, ebenso wie Schutzgebiete aller Art, unangetastet bleiben.“ Gerade die Landschaftsschutzgebiete leisteten dabei unverzichtbare Dienste. „Eine brachiale Energiewende auf Kosten unserer letzten Landschaftsreserven würde irreparable Schäden verursachen und die Akzeptanz der Energiewende zerstören.“

Ähnlich äußert sich der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Waldgebiete für die Energiegewinnung zu öffnen, sei der falsche Weg, meint BUND-Landesvize Axel Ebeler. Windräder versiegelten Waldböden, Konflikte mit dem Artenschutz seien vorprogrammiert. Zudem seien Wälder Orte der Erholung und erfüllten eine wichtige Klimaschutzfunktion. Von Sturm oder Borkenkäfer betroffene Waldflächen müssten daher zu naturnahen und stabilen Wäldern entwickelt werden – und nicht zu Windparks.

Windpark in Gorleben geplant

Der faktische Ausbaustopp für die Windenergie wird dem BUND zufolge durch Defizite in der Raumplanung und Hemmnisse in den Genehmigungsverfahren verursacht. In Niedersachsen fehle die konsequente Ausweisung von Vorranggebieten für die Windkraft, wichtige Datengrundlagen seien völlig veraltet und unvollständig. Zudem gebe es im Offenland noch viele unausgeschöpfte Potenziale für Windenergie-Standorte, die zügig erschlossen werden müssten.

Im Wendland hat der Konflikt bereits die konkrete Ebene erreicht. Der Großgrundbesitzer – und erklärte Gegner der Gorlebener Atomanlagen – Fried Graf von Bernstorff möchte im Forst hinter dem Endlager-Erkundungsbergwerk einen Windpark errichten. Gegen das Vorhaben und generell gegen Windräder in Wäldern zieht die im Nachbarort Marleben ansässige Bürgerinitiative „Wald ohne Windkraft“ (WoW) zu Felde.

„Der Wald muss unangetastet bleiben und darf nicht geopfert werden“, so WoW-Sprecher Horst Hauster. Er leide schon genug unter den bereits vorhandenen Klimaveränderungen. Wälder seien Erholungs- und Erlebnisorte für Menschen sowie Lebensraum für Tiere und Pflanzen: „Dieses hohe Allgemeingut dürfen wir nicht den Interessen einzelner preis­geben.“

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