Großes Impf-Wochenende in Niedersachsen

„Die besonders Gefährdeten haben Vorrang“

Zahlreiche Bundesländer haben den Impfstoff von Astra-Zeneca für alle Altersklassen freigegeben, Niedersachsens Gesundheitsministerin Daniela Behrens will vorerst an Impfpriorisierungen festhalten.
24.04.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Die besonders Gefährdeten haben Vorrang“
Von Peter Mlodoch
„Die besonders Gefährdeten haben Vorrang“

Gesundheitsministerin Daniela Behrens will vorerst an der Impfpriorisierung festhalten: „Ich bin sehr, sehr dagegen, diese Priorität zu früh zu verlassen.“

Sina Schuldt/dpa
Frau Behrens, Sie sind jetzt seit sieben Wochen Gesundheitsministerin in Niedersachsen. Haben Sie Ihren Karrieresprung schon bereut?

Daniela Behrens: Nein, auf keinen Fall. Ich habe zwar ein manchmal belastendes, aber auch ein äußerst spannendes Amt übernommen, das ich mit großer Freude ausübe.

Was hat Sie bisher denn am meisten gefreut?

Dass ich mit einer hochmotivierten Mannschaft hier im Ministerium ganz viel bewegen kann. Dass ich einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung dieser Pandemie leisten kann. Und dass jetzt die Impfkampagne endlich Fahrt aufnimmt.

Und was hat Sie am meisten geärgert?

Ich ärgere mich über die große Ungeduld so mancher Akteure. Natürlich ist Corona ein hochemotionales Thema. Aber das rechtfertigt nicht unbegründete oder überzogene Kritik.

Einer dieser Kritikpunkte lautet, Niedersachsen agiere beim Testen und Impfen viel zu bürokratisch. Ist da nichts dran?

Das ist ein pauschaler Vorwurf, der so überhaupt nicht stimmt. Wir halten uns an exakt die Spielregeln, die uns der Bund vorgibt. Wir haben keine zusätzlichen Regeln draufgesattelt. Von anderen Bundesländern unterscheidet uns vielleicht, dass wir nicht so sprunghaft sind. Wir wechseln nicht so schnell die Pferde, sprich die Maßnahmen. Sondern wir versuchen, mit Ruhe und Ordnung durch dieses Pandemie zu steuern. Das einzige, das die Arbeit der Impfzentren und Arztpraxen erschwert, ist doch die Mangelverwaltung beim Impfstoff. Diese ist das große Problem, nicht die Bürokratie.

Andere Bundesländer werfen in großen Sonderaktionen Astra-Zeneca-Dosen für über 60-Jährige ohne besondere Priorisierungsmerkmale auf den Markt, Nordrhein-Westfalen über Ostern, Hamburg in dieser Woche. Warum nicht Niedersachsen?

Bei uns stellt sich diese Problemlage mit übrig gebliebenen Impfstoffen so gar nicht. Jetzt steht das große Impf-Wochenende mit rund 70.000 Terminen an, wo wir ganz gezielt Astra-Zeneca an Berechtigte verimpfen. Das entspricht unseren Lagerbeständen, die wir jetzt schnell unters Volk bringen wollen, damit wir uns langsam der nächsten Prioritätsgruppe nähern können. Wir befinden uns immer noch in den Gruppen eins und zwei, zu denen rund 3,8 Millionen Niedersachsen zählen. Dazu gehören vor allem ältere Menschen. Ich bin sehr, sehr dagegen, diese Priorität zu früh zu verlassen. Sonst würden wir gerade diejenigen, die unseren Schutz besonders brauchen, nicht mehr ausreichend schützen. Wir fahren unsere Impfkampagne also sehr gezielt und umsichtig.

Was kommt nach diesem Wochenende?

Ab Montag öffnen wir die Listen für die Impfung von über 60-Jährigen mit Astra-Zeneca. Natürlich gibt es viele Debatten über diesen Impfstoff. Aber wir spüren keine große Verweigerungshaltung in den Impfzentren. Dort berät man die Menschen sehr engagiert und überzeugt sie oft. Nach diesem Wochenende und der Öffnung für über 60-Jährige am Montag ist der Großteil dieses Impfstoffes bald aufgebraucht. Dessen Anteil betrug lediglich 22 Prozent.

Wollen Sie sich nicht auch dem Weg von Mecklenburg-Vorpommern und Bayern anschließen, wo jetzt Hausärzte Astra-Zeneca an alle Altersgruppen verimpfen dürfen?

Die Hausärzte haben sich verpflichtet, sich an den Prioritätsgruppen zu orientieren. Derzeit bekommen viele nur 20 bis 50 Dosen pro Woche; das ist nicht viel. Da haben die besonders vulnerablen Gruppen Vorrang. Wenn, was wir aber mangels Lieferzusagen des Bundes ja noch gar nicht so richtig wissen, mehr Astra-Zeneca in die Praxen kommt, werden die Ärztinnen und Ärzte diesen Impfstoff an ihre Patienten verantwortungsvoll verabreichen.

Und in den Impfzentren?

Die Priorisierung dient dem Schutz der Älteren und Gefährdeten. Solange wir Impfstoffmangel und ein hohes Infektionsgeschehen haben, ist es wichtig, sich an diese Priorisierung zu halten. Im Laufe des Mais können wir uns dann in die nächste Gruppe bewegen. Ab Monat Mai beginnen wir die Feuerwehrleute, die Lehrkräfte der Sekundarstufe sowie das Personal der Kinder- und Jugendhilfe zu impfen. Damit ziehen wir drei wichtige Berufsgruppen, die wir wegen ihrer vielen Kontakte schützen wollen, nach vorne. Ich bitte um Geduld. Bei immer noch zu wenig Impfstoff geht es darum, vor allem die gefährdeten Gruppen zu impfen.

Nach Pannen mit falschen Adressaten am Anfang der Impfkampagne gibt es jetzt Ärger mit Einladungsschreiben an angeblich vorerkrankte Menschen. Auch Kerngesunde haben Post von Ihnen erhalten.

Das ist zunächst mal nur eine Behauptung, dass diese Empfänger gar nicht zu dem Kreis dieser Priorisierung gehören. Diese Briefe sind in meinem Namen durch die Krankenkassen verschickt worden. Die Versicherungen haben die Adressaten auf Basis der Arztabrechnungen ermittelt, also anhand von Codes für bestimmte Krankheitsbilder. In einigen Fällen sind da wohl Krankheiten dabei, die keine Priorisierung rechtfertigen. Die AOK hat mir von einer Fehlerquote von unter einem Prozent berichtet. Mit unserem Schreiben wollten wir vor dem Öffnen der nächsten Priorisierungsgruppe noch alle Menschen mit chronischen Erkrankungen erreichen und motivieren, sich rechtzeitig auf die Terminlisten setzen zu lassen. Wenn da mal ein Brief an jemanden dabei war, der sich das nicht erklären kann, bringt das doch nicht die ganze Aktion in Verruf.

Für Mai war auch die Einbindung von Werks- und Betriebsärzten vorgesehen. Jetzt haben Sie im Landtag gesagt, dass es damit erst im Juni losgehen soll. Ist das nicht ein Rückschlag?

Nein, das ist es nicht. Die Betriebsärzte werden nicht vom Land beliefert, sondern sie sollen genauso wie die Hausärzte den Impfstoff über die Apotheken beziehen. Das ist Sache des Bundes. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat angekündigt, diese Freischaltung erst dann zu vollziehen, wenn die Priorisierung in den Ländern aufgehoben werden kann. Das wird Ende Mai wohl so sein. In den Betrieben werden ja selten über 70-Jährige oder auch chronisch Kranke beschäftigt, sondern Menschen, die in der Regel mit dem Impfen noch gar nicht dran sind. Also macht es noch keinen Sinn, jetzt schon die Betriebsärzte im großen Stil einzubinden.

Sondern?

Es soll vorher einige Modellprojekte für ausgewählte Betriebsärzte großer Unternehmen geben. Wir wollen damit sicherstellen, dass dort dann auch wirklich Kapazitäten in der Größenordnung von rund 600 Impfungen pro Tag gewährleistet sind.

Wie groß ist Ihr Optimismus, dass alle Niedersachsen bis zu den Sommerferien ihre erste Impfung erhalten können?

Laut aktueller Lieferankündigung des Bundes soll Niedersachsen bis Ende Juni fünf Millionen Impfdosen bekommen. Bisher gab es zwei Millionen, zusammen wären das sieben Millionen Impfungen. Das heißt, ein Großteil der Niedersachsen wird bis dahin eine Erstimpfung erhalten. Und ein kleinerer Teil wird schon die Zweitimpfung, also den vollständigen Schutz, bekommen. Hier scheint sich endlich der Flaschenhals geöffnet zu haben. In den nächsten zwei Monaten soll dann noch mehr Impfstoff kommen. Damit können wir bis zum September einen echten Perspektivwechsel schaffen, sodass der Herbst hoffentlich ein ganz anderer wird als der vergangene Herbst.

Das Gespräch führte Peter Mlodoch.

Info

Zur Person

Daniela Behrens (52)

ist seit dem 5. März Ministerin für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung in Niedersachsen. Die gebürtige Bremerhavenerin und frühere SPD-Landtagsabgeordnete aus Bokel (Landkreis Cuxhaven) war von 2013 bis 2017 Staatssekretärin im niedersächsischen Wirtschaftsministerium. Zuletzt arbeitete sie als Abteilungsleiterin im Bundesfamilienministerium.

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