Versehentlicher Terroralarm

Niedersachsens Kernkraftwerke nach Tippfehler im Flugzeug evakuiert

Drei Atomkraftwerke in Niedersachsen sind nach einem Tippfehler in einer Lufthansa-Maschine am Montag alarmiert worden. Sie mussten vorübergehend evakuiert werden.
20.02.2018, 20:00
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Von Reimar Paul
Niedersachsens Kernkraftwerke nach Tippfehler im Flugzeug evakuiert

Wegen eines vermeintlichen Terroralarms haben rund 300 Beschäftigte des Atomkraftwerks Grohnde (Foto) ihre Arbeitsplätze für eine halbe Stunde verlassen.

Julian Stratenschulte, dpa

Weil der Funkkontakt zu einem Passagierflugzeug unterbrochen war, sind am Montag mehrere deutsche Atomkraftwerke (AKW) vorübergehend evakuiert worden. In Norddeutschland waren unter anderem die AKW in Grohnde und Brokdorf sowie die abgeschaltete Anlage Unterweser nördlich von Brake betroffen. Der Vorfall wurde erst am Dienstag bekannt.

Der sogenannte Renegade-Alarm wurde am frühen Montagvormittag gegen acht Uhr ausgelöst. Renegade – das englische Wort für Abtrünniger oder Deserteur – ist der Nato-Code für ein Verkehrsflugzeug, das von Terroristen entführt sein und als Waffe für einen Anschlag verwendet werden könnte. In Wittmund stiegen Eurofighter einer Alarmstaffel der Luftwaffe auf, um Sichtkontakt mit der betreffenden Verkehrsmaschine herzustellen. In Hameln – das AKW Grohnde liegt im Landkreis Hameln-Pyrmont – trat der Führungsstab der Polizeiinspektion zusammen.

Gleichzeitig wurde die Räumung der Atomkraftwerke angeordnet, bestätigte die Sprecherin des Betreibers Preussen Elektra, Almut Zyweck, dem WESER-KURIER. Alle Mitarbeiter, die keine sicherheitstechnisch relevanten Stellen wie etwa im Leitstand der Reaktoren besetzen mussten, hätten umgehend ihre Arbeitsplätze verlassen und vorgegebene Sammelplätze außerhalb der Kraftwerke aufgesucht. Im AKW Grohnde seien etwa 300 Beschäftigte betroffen gewesen, darunter rund 200 Fremdarbeiter, die für die bevorstehende Revision unter Vertrag genommen wurden. „Der Alarm hat etwa eine halbe Stunde gedauert, dann sind die Leute wieder an die Arbeit gegangen“, sagte Zyweck. Anwohner wurden über den Alarm nicht informiert.

Bei dem zeitweise verloren geglaubten Flugzeug hat es sich um eine Maschine vom Typ Embraer 90 gehandelt. Sie war im schottischen Aberdeen gestartet und auf dem Weg nach Frankfurt am Main. An Bord des Lufthansa-Flugs LH 975 waren neben der ­Besatzung 43 Passagiere, wie ein Sprecher des Unternehmens auf Anfrage des WESER-KURIER mitteilte.

Es habe an Bord Probleme gegeben, sagte er. „Der Pilot konnte nicht funken.“ Deshalb habe der Kopilot mit der Hand einen Zahlencode in das Kommunikationssystem des Flugzeugs eingetippt, sich dabei aber vertippt. Statt „Funkprobleme“ sei das Notsignal „Entführung“ gesendet worden. Die Besatzung habe den Fehler nach etwa 20 Minuten selbst bemerkt und korrigiert. „Die Fluggäste haben von dem Vorfall nichts mitbekommen“, sagte der Lufthansa-Sprecher weiter. Die Maschine habe noch einige Runden in der Warteschleife über dem Frankfurter Flughafen gedreht und sei dann sicher gelandet.

Der Renegade-Alarm war bereits der zweite innerhalb eines Kalenderjahres. Am 10. März 2017 wurden ebenfalls wegen eines unterbrochenen Funkkontaktes zu einem Flugzeug die meisten deutschen Atomkraftwerk geräumt. Damals hatte die tschechische Flugsicherung den Kontakt zu der Maschine eines indischen Flugunternehmens verloren und dies den Kollegen in Deutschland mitgeteilt. Nach 22 Minuten konnte wieder eine Verbindung zu dem vorübergehend „abtrünnigen“ Flieger hergestellt werden.

Am AKW Brokdorf in Schleswig-Holstein hatten an jenem Tag Umweltschützer die Zufahrten zum Kraftwerk blockiert. Die Polizei löste die Demonstration infolge des Alarms auf, anschließend konnten die rund 30 verdutzten AKW-Gegner ihre Protestaktion aber fortsetzen. Erst später erfuhren sie den Grund für die zeitweise Räumung.

Der Westdeutsche Rundfunk hatte seinerzeit unter Berufung auch auf den ehemaligen Abteilungsleiter im Bundesumweltministerium, Dieter Majer, berichtet, dass keines der deutschen Atomkraftwerke gegen eine gezielte Attacke mit einem großen Passagierflugzeug gesichert sei. Allein die Energie durch den Aufprall könne zu erheblichen Schäden an der Reaktorhülle und ­anderen sicherheitstechnischen Einrichtungen führen. Hinzu komme die Feuergefahr durch die großen Mengen an Treibstoff. Im Deutschlandfunk sagte Majer: „Wenn ein großes Verkehrsflugzeug tatsächlich ein Kernkraftwerk treffen würde, dann müsste man mit der Zerstörung verschiedener und vitaler Sicherheitseinrichtungen rechnen.“

Der Alarm bestätige, „wovor wir häufig gewarnt haben“, erklärten am Dienstag mehrere Bürgerinitiativen. Atomkraftwerke seien wegen der riesigen Energiekonzentration sowie der ungeheuren Konzentration von Radioaktivität „attraktive“ Terrorziele.

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