Niedersachsens Kultusminister im Interview

Grant Hendrik Tonne:„Alle sollen sich sicher fühlen“

Im Interview erläutert der Kultusminister, ob die Schulen trotz steigender Infektionszahlen wieder normal öffnen und wie der Regelbetrieb in den Kindergärten ab Montag ablaufen soll.
01.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Grant Hendrik Tonne:„Alle sollen sich sicher fühlen“
Von Peter Mlodoch
Grant Hendrik Tonne:„Alle sollen sich sicher fühlen“

Das niedersächsische Kultusministerium will trotz der Corona-Epidemie den Schulunterricht nach den Sommerferien so normal wie möglich wiederaufnehmen.

Friso Gentsch
Herr Tonne, an diesem Montag beginnt wieder der Regelbetrieb in den Kindergärten. Läuft alles nach Plan?

Grant Hendrik Tonne: Wir gehen den nächsten wichtigen Schritt. Ab Montag sind in den Kitas wieder gemischte Gruppen möglich. Schon am 22. Juni haben wir die Gruppengrößen deutlich nach oben gesetzt bis zu den bekannten Gruppengrößen– in Kindergärten auf 25, in Krippen auf 15 Kinder. Wir haben erfreulicherweise keine Vorfälle in den Kitas gehabt. Diese sind keine Corona-Hotspots geworden. Die größeren Gruppen haben nicht zu einer höheren Infektionszahl geführt. Deswegen können wir ab August auch die bisherige strikte Trennung der Gruppen aufheben. Einrichtungen können somit eine vollumfängliche Betreuungszeit abdecken, also etwa auch am frühen Morgen oder am späten Nachmittag . Wir befinden uns allerdings mitten in denSommerferien, von einem regulären Betrieb möchte ich daher noch nicht sprechen.

Einige Eltern befürchten schon jetzt, dass ihre Kinder, wenn sie mal hüsteln, sofort nach Hause geschickt werden.

Solche Fälle sind klar geregelt. Im neuen Leitfaden samt Rahmenhygieneplan für die Kitas ist ausdrücklich aufgeführt, dass der klassische Schnupfen keine Corona-Indikation bedeutet. Erkältung heißt nicht automatisch zu Hause bleiben; die Kinder können also trotzdem in die Kita kommen. Das gilt auch mit Blick auf den Herbst, wenn die Tage kürzer werden und das Wetter kälter und nasser ist. Allerdings ist auch klar geregelt, dass ein Kind mit Fieber nicht in die Kita gehört und nach dem Abklingen noch eine Karenzzeit von 48 Stunden einhalten muss. Wir wollen den Mädchen und Jungen so weit, wie es eben geht, den Kita-Besuch ermöglichen. Aber wir alle sind auch darauf angewiesen, dass da jeder mit einer ordentlichen Portion Vernunft herangeht.

Schulleitermangel in Niedersachsen

Seit November ist Grant Hendrik Tonne (SPD) Kultusminister von Niedersachsen.

Foto: Julian Stratenschulte
Sollte man das Risiko nicht zusätzlich mit ­regelmäßigen Corona-Tests für das Kita-Personal verringern?

In der niedersächsischen Teststrategie ist festgelegt, dass man überall dort, wo Infektionen auftreten, in einem Ring um diesen Ausbruchsort Tests durchführt. Davon sind Erzieherinnen und Erzieher nicht ausgenommen. Und das halte ich für richtig. Bei einer anlasslosen Testung ohne einen konkreten Verdachtsfall in der Familie, im Freundeskreis oder im beruflichen Umfeld muss man sich fragen, welchen Mehrwert so ein Test hätte. Im Zweifel besagt das Ergebnis nur, dass man zum Zeitpunkt des Tests kein Corona hat. Es gibt keine Frei-Testungen und somit keine echte Sicherheit. Ob wir darüber hinaus weitere Tests für Erzieherinnen und Erzieher und auch für Lehrkräfte anbieten, werden die nächsten Wochen zeigen.

Dann also doch Corona-Tests und auch in den Schulen?

Wir befinden uns mitten in der Diskussion zwischen den Bundesländern, wie wir dies einheitlich regeln können. Da gibt es viele unterschiedliche Ideen. Wir in Niedersachsen schauen uns sehr genau die Erfahrungen der Bundesländer an, in denen die Schulen schon jetzt an den Start gehen.

Müsste man nicht auch und gerade alle Schüler nach den Sommerferien testen? Viele ­Familien sind in ausländischen Risikogebieten unterwegs.

Auch das fände ich anlassunabhängig äußerst schwierig. Wir müssten unterschiedliche Punkte berücksichtigen. Dazu gehört vor allem die Frage, was wir an Test-Kapazitäten haben und wie wir diese sinnvoll einsetzen. Andererseits wird sehr viel vom weiteren Geschehen in den nächsten Wochen abhängen. Wie entwickeln sich die Infektionszahlen, insbesondere bei Reiserückkehrern? Das alles müssen wir sehr genau beobachten. Klar ist: Die, die in die Kita oder Schule gehen, müssen sich dort sicher fühlen können.

Vier Wochen vor Schulstart steigen in Niedersachsen die Ansteckungszahlen. Steht Ihr Plan für einen regulären Schulbetrieb noch?

Ja, darauf laufen alle Vorbereitungen hinaus. Wir planen weiter mit unserem Szenario A, dem Regelbetrieb. Das wird an zwei Stellen noch ein bisschen eingegrenzt, nämlich bei den Jahrgangsstufen und bei den vulnerablen (anfälligen) Personengruppen. Nach meiner Auffassung gibt es derzeit keinen Grund, von diesem Szenario abzuweichen. Aber wir ­gucken schon mit sehr großer Aufmerksamkeit und ich persönlich mit einer gewissen Sorge auf die aktuelle Entwicklung des Infektionsgeschehens.

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Was bedeutet Eingrenzung bei den Jahrgangsstufen?

Unsere Planungen sehen vor, dass wir bei einem Infektionsgeschehen möglichst lange mit individuellen Lösungen vor Ort auskommen, ohne dass wir landesweit mit der großen Keule reingehen müssen. Auch soll es nicht sofort heißen: ein Verdachtsfall an einer Schule, gesamte Schule dicht. Wenn zum Beispiel ein Schüler des Jahrgangs elf vom Virus betroffen ist, müssen nicht die Schüler der Stufen fünf bis zehn zu Hause bleiben. Wir können kleinere Einheiten rausziehen und gleichzeitig den Infektionsschutz gewähr-­leisten.

Wie viele Lehrkräfte gehören potenziell zu den Risikogruppen, also zu den vulnerablen Personen, die sich vom Unterricht befreien lassen könnten?

Wir halten uns hier an die Definition des Robert-Koch-Instituts; danach gehören ungefähr zehn Prozent der Lehrkräfte dazu. Wer Risikoperson ist, muss auch geschützt werden. Aber gleichzeitig muss man auch seine Region betrachten. Wir hatten zeitweise rund 20 Corona-freie Landkreise. Wenn es keine Infektionen gibt, ist das Risiko auch entsprechend niedrig. Man muss das abwägen; da lassen wir individuelle Lösungen zu.

Zählt eine Lehrkraft ab einem bestimmten Alter automatisch zur Risikogruppe?

Nein. Das Alter für sich allein reicht nicht aus. Da müssen noch weitere Indikatoren hinzu-­kommen.

Das neue Schuljahr ist gleichzeitig Einstellungstermin. Wie viele Lehrerstellen haben Sie neu ausgeschrieben? Wie viele sind bereits besetzt?

Wir haben zum neuen Schuljahr 2200 Stellen neu ausgeschrieben. Das ist zumindest in meiner Amtszeit die größte Anzahl. Vor einem Jahr waren es rund 1900, im Jahr davor rund 2000. Stand jetzt sind von den ausgeschriebenen Stellen bereits 1930 besetzt. Das ist ein sehr hoher Wert. Aber den brauchen wir auch dringend. Die Zahlen stimmen mich sehr zuversichtlich. Wir haben noch vier ­Wochen Zeit. Aber diese Zeit gilt es, auch weiter zu nutzen. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen.

Woher kommt dieser Schub?

Das liegt sicher an einer Mischung aus mehreren Gründen. Festzustellen ist jedenfalls, dass sich die Situation an den Grundschulen entspannt. Zu Beginn dieser Wahlperiode hatte uns dies noch richtig Kopfschmerzen bereitet. Jetzt haben wir in diesen Studiengängen höhere Absolventenzahlen. Darüber freuen wir uns. Und diesmal haben die Grundschulen prozentual die höchste Auslastung bei den besetzten Stellen. In den Vorjahren lagen immer die Gymnasien vorn.

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Kommen Sie dann im neuen Schuljahr ohne die umstrittenen Abordnungen in andere Schulformen aus?

Nein, ohne wird es nicht gehen. Die Verteilung ist nach wie vor regional sehr unterschiedlich. Und nach wie vor haben wir Mangelfächer. Außerdem müssen wir wegen Corona mit zusätzlichen Ausfällen der vulnerablen Lehrkräfte rechnen. Das kann bedeuten, dass Schulen in unterschiedlicher Form betroffen sind, sodass ein Ausgleich unter den Schulformen hergestellt werden muss. Die hohen Einstellungszahlen an den Grundschulen sind aber eine gute Grundlage, um die hohe Anzahl der Abordnungen von Gymnasien dorthin herunterzufahren. Ganz weg bekommen wir sie nicht.

Durch Corona verschieben sich viele Prioritäten. Was ist eigentlich aus der versprochenen Besoldungserhöhung für Grundschul- Lehrkräfte geworden?

Ich bin froh, dass trotz der immensen Belastungen des Haushaltes der im vergangenen Jahr beschlossene Schritt nicht wieder einkassiert worden ist. Danach bekommen alle Lehrkräfte in der Besoldungsgruppe A 12 ab dem neuen Schuljahr eine monatliche Zulage von knapp 100 Euro. Dieser Beschluss gilt. Das ist zwar noch nicht die gewünschte Angleichung an A 13, aber es ist doch ein ordentlicher Schritt.

Das Gespräch führte Peter Mlodoch.

Info

Zur Person

Grant Hendrik Tonne

ist seit November 2017 Kultusminister. Davor saß der Rechtsanwalt für die SPD zwei Wahlperioden im Landtag, seit 2013 als Parlamentsgeschäftsführer. Nach seinem Jura-Studium an der Uni Bremen war er dort drei Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig.

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