Niedersächsischen Bahn-Netz

Saubere Antriebsarten lassen in Niedersachsen noch auf sich warten

Der Umstieg von Diesel-Loks auf saubere Antriebsarten lässt in Niedersachsen noch auf sich warten. Ein Lichtblick ist die die in Bremervörde geplante Wasserstoff-Tankstelle für das Netz der EVB.
17.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Saubere Antriebsarten lassen in Niedersachsen noch auf sich warten
Von Peter Mlodoch
Saubere Antriebsarten lassen in Niedersachsen noch auf sich warten

Der Stromabnehmer einer Elektrolok der Bahn gleitet an der Oberleitung entlang.

Roland Weihrauch /dpa

Der Umstieg von klimaschädlichen Diesel-Lokomotiven auf Züge mit saubereren Antriebsarten lässt in Niedersachsen auf sich warten. Im ganzen Land gibt es keine einzige Ladestation für batteriegetriebene Elektroloks. Diese fallen damit als umweltfreundliche Alternative auf den bislang nicht elektrifizierten 1400 Streckenkilometern des niedersächsischen Bahn-Netzes vorerst komplett aus.

Das ergibt sich aus einer Auskunft des Bundesverkehrsministeriums auf eine Parlamentsanfrage des Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kindler (Grüne) aus Hannover. Die Antwort liegt dem WESER-KURIER vor. Kleiner alternativer Lichtblick ist nur die in Bremervörde geplante Wasserstoff-Tankstelle für das Netz der Eisenbahn- und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser ( EVB ).

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„Das ist ein Armutszeugnis für die Verkehrswende“, kritisiert Kindler Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) und dessen niedersächsischen Amtskollegen Bernd Althusmann (CDU) im Gespräch mit dem WESER-­KURIER. „Es ist nicht wirtschaftlich und sinnvoll, noch den allerletzten Kilometer des Schienennetzes zu elektrifizieren. Auch Wasserstoff-Züge und andere alternative, klimaneutrale Antriebskonzepte wie Batterie-Loks sind Teil der Lösung“, erklärt der Abgeordnete. „Dafür müssen aber die Voraussetzungen bei der Infrastruktur geschaffen werden.“

So müssten die Ausschreibungen zum Betrieb regionaler Schienenstrecken so ausgelegt werden, dass die Betreiber auch die Chance hätten, mit Wasserstoff oder mit E-Loks zu fahren. Man dürfe die Verkehrsunternehmen nicht dadurch benachteiligen, dass dann die Kosten höher als beim billigen und schmutzigen Diesel seien.

Niedersachsen hinkt ausgegebenem Ziel hinterher

In Niedersachsen sind lediglich knapp 60 Prozent des 3414 Kilometer umfassenden Schienennetzes elektrifiziert. Vor allem im Süden des Landes sind viele wichtige Verbindungen nur mit Dieselzügen zu betreiben, etwa von Hildesheim nach Bad Harzburg oder von Northeim nach Nordhausen in Thüringen. Bis 2022 sollen weitere 73 Kilometer, vor allem die Bahn-Anbindung des Jade-Weser-Ports in Wilhelmshaven, eine Oberleitung bekommen. Die Quote steigt dann auf 62 Prozent. Damit hinkt Niedersachsen aber immer noch weit hinter dem von der Bundesregierung ausgegebenen Ziel von 70 Prozent Elektrifizierung bis 2025 her.

„Das zeigt das mangelnde Interesse des CSU-Verkehrsministers für die Bahn im ­Allgemeinen und für den Norden im Be­son­deren“, schimpft Kindler. „Das kommt davon, wenn sich Andreas Scheuer nur um die ­Autolobby und das Mautdesaster kümmert.“ Der Grüne fordert deutlich mehr An­­stren­gungen und Investitionen in die Elek­tri­­fi­zierung. Nur mit einer Quote von mindestens 75 Prozent ließen sich die Klimaschutzziele erreichen. „Dafür muss die Bundesregierung in Niedersachsen in den nächsten Jahren ­deutlich mehr Geld in die Hand nehmen“, so Kindler. Die ­nötigen Finanzmittel ließen sich durch den Verzicht auf sinnlose Milliardengräber wie die Autobahnen A39 oder A20 ­einsparen. „Wir brauchen eine klimafreundliche Bahn und nicht mehr Straßenbauwahnsinn.“

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Der Parlamentarier verweist auf Hessen, das bei sauberen Antrieben deutlich stärker aufs Tempo drücke. Das Land errichte an Strecken, bei denen sich eine Elektrifizierung nicht lohne, gezielt Infrastrukturen für Wasserstoff. Dies geschieht nun immerhin im Netz der EVB mit seiner Hauptlinie Bremerhaven-Bremervörde-Buxtehude. Beim Sitz des Unternehmens am Bremervörder Bahnhof entsteht die weltweit erste stationäre Wasserstoff-Tankstelle für Passagierzüge.

Ende Juli gab es den symbolischen Spatenstich; die Bauarbeiten sollen im September beginnen. Es ist die nächste Stufe in dem emissionsfreien Mobilitätsexperiment. Dieses begann im Sommer 2018 mit dem Versuchsbetrieb von zwei brennstoffzellengetriebenen Zügen vom Typ Corodia iLint des Schienenfahrzeugherstellers Alstom.

Komplette Dieselflotte soll ersetzt werden

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Tests wollen die EVB nun ab 2021 in den Regelbetrieb einsteigen. Bis Ende 2022 soll die komplette Dieselflotte durch 14 Wasserstoff-Züge ersetzt werden. Eine Tankfüllung reicht laut Unternehmenssprecherin Andrea Stein für 1000 Kilometer.

„Damit können unsere Triebzüge den ganzen Tag emissionsfrei in unserem Netz fahren.“ Die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen kauft die Züge. Die EVB, die nach eigenen Angaben jährlich rund zwei Millionen Fahrgäste auf Schienen befördern, leasen diese dann dort. Und die Pläne gehen weiter: Erweiterungsflächen auf dem Tankstellen-Gelände sollen später auch eine Erzeugung von grünem Wasserstoff mittels Elektrolyse und Windstrom ermöglichen.

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