Seehundstation Norddeich Noch mal davongekommen

Die Seehundstation Norddeich päppelt Heuler auf, für die es ums nackte Überleben gegangen ist. Wie weit die Bemühungen um die Heuler gehen können und sollten, ist durchaus umstritten.
26.06.2015, 00:00
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Noch mal davongekommen
Von Michael Lambek

Es herrscht schon wieder Betrieb in der Seehundstation Norddeich. Innerhalb von zehn Tagen ist die Zahl der jungen Seehunde, die hier eingeliefert worden sind, von vier auf 34 angewachsen. Die Heuler sind von ihren Müttern getrennt worden und wären ohne sie nicht überlebensfähig. Hier werden sie so lange aufgepäppelt, bis sie nach rund acht bis zehn Wochen ausreichend schwer und gesundheitlich fit für die Auswilderung sind.

Seit rund 40 Jahren kümmert sich die Station um den Seehundnachwuchs. „Als wir damit angefangen haben, ging es in erster Linie darum, die Population zu stützen“, sagt Stationsleiter Peter Lienau. Damals gab es so herbe Einbrüche im Seehundaufkommen, dass man um den Bestand fürchten musste. Bis Anfang der 1970er-Jahre waren Seehunde bejagt worden – im wesentlichen, weil die Fischereiwirtschaft in den Tieren eine existenzielle Gefährdung der Branche sah. Nord- und Ostseeanrainer-Länder zahlten Abschussprämien. Dann wurde die Bejagung eingestellt. Aber auch danach starb immer noch eine große Zahl von Seehunden durch nicht natürliche Ursachen. Umweltgifte wie PCB gelangten bis in die 1980er-Jahre in Nord- und Ostsee. Sie schwächten die Seehunde und machten sie unfruchtbar.

Inzwischen hat sich die Population weitgehend stabilisiert, wenn auch die Zahlen des 19. Jahrhunderts nicht wieder erreicht worden sind. Im gesamten Wattenmeer vor den Küsten Deutschlands, Dänemarks und der Niederlande geht man von einem stabilen Bestand in Höhe von rund 30.000 Tieren aus, im niedersächsischen Wattenmeer sind es etwa 7000 Seehunde, und noch einmal soviel vor Schleswig-Holstein.

Die Grundlage für die Arbeit der Seehundstationen in Norddeich und Friedrichskoog ist vor diesem Hintergrund inzwischen nicht mehr der Bestands- sondern der Tierschutz. Das heißt im Kern: Jungtieren, die noch nicht abgesäugt, aber von ihren Müttern dauerhaft getrennt worden sind, muss aus dieser lebensbedrohlichen Situation herausgeholfen werden. Die jungen Seehunde, die wegen ihrer durchdringenden Rufe nach den verschwundenen Müttern Heuler genannt werden, kommen laut Lienau aus zwei Gründen in diese missliche Lage: durch Störungen, die zumeist von Menschen ausgehen, und durch ungünstige Wetterlagen. „Bei starkem Wind und hoher Dünung gibt es zu wenig trockene Sandbänke, auf denen Jungen gesäugt werden können, oder die Zeit ist zu kurz dafür“, erklärt Lienau. Dann fehlt den Kleinen die Kraft, ihren Müttern in dem unruhigen Wasser zu folgen, und sie werden am Ende irgendwo angespült. Oft flieht die Mutter auch vor Touristen, die nicht ausreichend Abstand zu den Tieren halten, oder vor unvorsichtigen Sportbootfahrern und findet ihr Junges anschließend nicht wieder. Oder die am Strand abgelegten Jungen werden von Menschen angefasst, sodass die von der Jagd zurückkehrenden Muttertiere sie wegen des fremden Geruchs nicht mehr akzeptieren.

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Die Vorstellung, dass die Tierschützer rund um die Uhr das Wattenmeer nach Heulern absuchen, geht allerdings fehl. Lienau: „Wir finden unsere Heuler ausschließlich an den Badestränden der Inseln und am Festlandsdeich.“ Und man nehme sie erst mit, wenn die Wattenjagdaufseher sich davon überzeugt hätten, dass die Muttertiere wirklich nicht wiederkämen. Solche Heuler haben dann eine gute Chance, das Erwachsenenalter zu erreichen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass rund 30 Prozent der aufgefundenen und nach Norddeich verbrachten Tiere nicht überleben. Sie sind krank, zu schwach, dehydriert oder verletzt.

Wie weit die Bemühungen um die Heuler gehen können und sollten, ist durchaus umstritten. Während etwa in den Niederlanden jeder Strandspaziergänger alles rettet, was nicht rechtzeitig im Wasser ist, haben die Dänen die Heulerrettung schon Ende der 80er-Jahre komplett eingestellt. Sie sehen in Heulern das Ergebnis einer natürlichen Selektion – Jungtiere, die nicht überleben können, müssen eben sterben. „Martialisch“ findet das Peter Lienau.

Der Appell des Stationsleiters: Niemand sollte den Tieren zu nahe kommen. Unter allen Umständen sollten Hunde an der Leine gehalten werden, denn auch junge Seehunde seien bissig, und ihre Bisse seien hochinfektiös. Wer überzeugt sei, einen Heuler vor sich zu haben, sollte die Seehundstation (0 49 31 / 97 33 30) anrufen.

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