Schleusen-Neubau: 120 Millionen Euro Baukosten statt 15 „Ostfriesische Emsphilharmonie“ in Emden

Emden. Die Kosten übersteigen die Planung um das Achtfache, die Bauzeit dürfte fünf Mal länger als angenommen ausfallen: Im ostfriesischen Emden bereitet ein Schleusenbauwerk den Verantwortlichen seit Jahren Kopfschmerzen.
07.06.2014, 00:00
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Von Bernd Ellerbrock

Die Kosten übersteigen die Planung um das Achtfache, die Bauzeit dürfte fünf Mal länger als angenommen ausfallen: Im ostfriesischen Emden bereitet ein Schleusenbauwerk den Verantwortlichen seit Jahren Kopfschmerzen und Verdruss.

Am 5. Juni 1888, im „Dreikaiserjahr“, wurde die Nesserlander Schleuse feierlich eröffnet. Sie ersetzte eine 1845 errichtete Flutschleuse, durch die bei jeder Öffnung mehrere Hunderttausend Kubikmeter Schlickwasser in den Hafen gelangten. Durch die neue Kammerschleuse wurde der innere Hafen, der heutige Emder Binnenhafen, zu einem echten „Dockhafen“, also unabhängig von Ebbe und Flut.

Spätestens seit der Jahrtausendwende war den Verantwortlichen beim damaligen Hafenamt (heute: die in private Rechtsform überführten „NPorts“) klar, dass es nur noch eine Frage der Zeit sein würde, bis eine grundlegende Erneuerung der Kaiserzeit-Schleuse anstand. Also plante man eine Modernisierung der Schleuse in ihren bestehenden Ausmaßen für eine Betriebsdauer von weiteren 20 Jahren. Doch diese mit 15 Millionen Euro Kosten kalkulierte Variante war von Anfang an mit Blick auf den Schutz vor Sturmfluten umstritten.

Denn im September 2002 wurde das Emssperrwerk bei Gandersum in Betrieb genommen. Es dient seitdem als Schutz vor Sturmfluten und der Aufstauung der Ems für die Überführung der Meyer-Werft- Kreuzfahrtschiffe. Die Befürchtungen in Emden waren nun, dass die Ems bei Sturmfluten künftig höher als bislang auflaufen könnte. Ein neuralgischer Punkt sei dabei die Nesserlander Schleuse. Dass genau hier ein sogenannter Unterbestick, also eine Fehlhöhe, vorliegen würde, bestätigte auch die zuständige Bezirksregierung schon Anfang 2004.

Am 1. November 2006 fuhr allen Beteiligten dann der Schreck mächtig in die Glieder, als das Orkantief „Britta“ eine Jahrhundertflut auslöste und im Emder Hafen Rekord-Wasserstände eintraten, wie sie niemals zuvor gemessen wurden.

Bereits ein halbes Jahr später wurde von NPorts das Konzept für eine nun auf 44 Millionen Euro geschätzte „große Lösung“ präsentiert. Ein solches Bauwerk würde 80 Jahre halten, hieß es, und sei auch „unterm Strich wirtschaftlicher“ als die bislang favorisierte Variante.

Nach etlichen Konflikten und einer fehlerhaften Ausschreibung war klar: Das Bauwerk würde auch für 44 Millionen Euro nicht zu haben sein. Der Begriff „Ostfriesische Emsphilharmonie“ kam auf. Ende September 2008 nutzte NPorts-Niederlassungsleiter Berend Snippe die Ortsbegehung von Landtagsabgeordneten, um sie mit einer neuen Kostenkalkulation vertraut zu machen, die um 21 Millionen Euro höher ausfiel als die bisherige. Als im April 2009 der Oberbürgermeister von Emden Alwin Brinkmann die frohe Botschaft überbrachte, das Land habe einen Baubeginn im Herbst fest zugesagt, standen die Berechnungen bereits bei 68 Millionen Euro.

Am 20. Mai 2009 war es dann endlich so weit: Das Wirtschaftsministerium in Hannover gab grünes Licht für eine zweite Ausschreibung. Nun aber bestimmten ein Jahr lang Anwälte, Vergabekammern und Gerichte das weitere Geschehen. Gebaut wurde vorerst nicht.

Fünf Jahre war die Schleuse nun schon gesperrt, da wurden im Sommer 2011 tatsächlich die Arbeiten aufgenommen. Doch während die ersten der 365 Rammpfähle in den Untergrund getrieben wurden, wurde man in Emden zunehmend nervös. Grund war die „Große Seeschleuse“ und nicht etwa die Nesserlander Schleuse. Denn seit deren Schließung muss der gesamte Emder Schiffsverkehr durch diese einzige immerhin auch schon 100 Jahre alte Schleuse abgewickelt werden: im Schnitt 12 000 Schiffe bei 6000 Schleusungen pro Jahr.

Die doppelte Last hinterließ Spuren. Seitdem schwebt das Damoklesschwert über dem Emder Hafen, dass auch die Große Seeschleuse ausfallen könnte, was einer Katastrophe gleichkäme. Als im Juli 2012 die längst bestellten vier neuen Schleusentore eintrafen, wussten die Planer bereits, dass die Altsubstanz der Schleuse in die Maßnahme nicht integrierbar war.

Nun war endgültig von einem kompletten „Neubau“ die Rede, der im Frühjahr 2016 fertig gestellt sein sollte. Und dass die Maßnahme mindestens 80 Millionen Euro kosten würde, überraschte jetzt auch niemanden mehr. Die „Emder Zeitung“ kommentierte dies mit der Erklärung, die Nesserlander Schleuse „wehre sich“ eben. Der krampfhafte Versuch, kostengünstig zu bauen, war jedenfalls geradewegs ins Gegenteil umgeschlagen.

Baustopp im Sommer 2013: Diesmal sorgten Düker (Leitungstunnel für Gas und Fernwärme) im Hafengrund für Verzögerungen. Sie müssten vor Druckänderungen geschützt werden, forderten deren Betreiber. NPorts-Marketingleiter Joachim Birk verkündete eine erneute Bauzeitverzögerung von bis zu einem Jahr. Unvorhergesehen in diesem Fall war, dass man auf eine zweite artesische Grundwasserschicht (also eine mit Überdruck) gestoßen war.

Nun lag die Baustelle nicht in einer Badewanne, sondern in einem Whirlpool. Ein weiterer Nachtrag für die Umstellung auf teuren Unterwasserbau war die logische Folge. Der wurde mit nunmehr auf 120 Millionen Euro kalkulierten Kosten als vorläufig letzter Akt des Dramas im April 2014 der Öffentlichkeit vorgestellt.

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