Holger Müller führt auf seinen Lachbustouren auch viele Einheimische unterhaltsam durch Krummhörn und das Emsland

Ostfriesland für Luschen

Pilsum. „Natürlich ist es ein Traum, das Hobby zum Beruf zu machen. Nur hast du dann kein Hobby mehr“, sagt der Komiker Holger Müller, der zum Spaß und Broterwerb seit 18 Jahren sein Publikum in großen Sälen und vor den Fernsehschirmen in verwaschener Bundeswehr-Uniform als Ausbilder Schmidt zusammenstaucht.
22.10.2017, 00:00
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Ostfriesland für Luschen
Von Martin Wein
Ostfriesland für Luschen

Holger Müller bricht regelmäßig zu Lachbustouren durch Ostfriesland auf.

Martin Wein

Pilsum. „Natürlich ist es ein Traum, das Hobby zum Beruf zu machen. Nur hast du dann kein Hobby mehr“, sagt der Komiker Holger Müller, der zum Spaß und Broterwerb seit 18 Jahren sein Publikum in großen Sälen und vor den Fernsehschirmen in verwaschener Bundeswehr-Uniform als Ausbilder Schmidt zusammenstaucht. Sein Schlachtruf „Hallo ihr Luschen“ hat noch immer viele Fans, vor allem in Norddeutschland. Die Uniform und das weinrote Barett liegen deshalb für den Fall des Falles immer in Müllers Kofferraum. Aber nach fast zwei Jahrzehnten hat Holger Müller sich ein neues Hobby zugelegt. In bequemen Outdoor-Klamotten steht der 48-Jährige vor einem Reisebus im norddeutschen Nieselregen und macht Faxen. Der Kölner mit Wurzeln im tiefsten Hunsrück ist jetzt nämlich Wahl-Ostfriese.

„Ich habe den Norden schon als Kind gemocht. Damals war ich mit meinen Eltern oft in den Ferien in Norddeich oder auf den Inseln“, sagt er, „ich wusste, das ist die Heimat von Otto Waalkes. Das fand ich toll.“ Als er genug Geld zusammen hatte, kaufte Müller ein Ferienhaus in Pilsum fast in Sichtweite des rot-gelben kleinen Leuchtturms, der mit den Otto-Filmen bundesweit Berühmtheit erlangte. Dort kam er zur Ruhe und genoss die frische Luft. Und wurde Theaterdirektor. Das Nebenhaus baute er 2009 zum Mini-Theater mit 54 Plätzen aus, samt Technik-Empore, Theaterkneipe und rotem Vorhang. Sogar einen kleinen Kostüm-Fundus gibt es. Nur für die Künstlergarderobe war im „Sehr kleinen Haus“ kein Platz mehr. Sie ist heute in einem Zimmer des Ferienhauses untergebracht.

Holger Müller gefällt sich in seiner Rolle des Freizeit-Theaterdirektors. Bisweilen lädt er Kollegen aus der Kölner oder bundesdeutschen Kleinkunstszene für Gastauftritte ein. „Die verbringen dann drei Tage mit mir an der Küste und genießen das“, erzählt er. Die Zuschauer kämen aus Aurich, Emden oder Leer, denn vergleichbare Auftritte gebe es erst wieder in Oldenburg oder Wilhelmshaven oder im Kurtheater auf Norderney. An der Küste sieht Müller noch sehr viel Potenzial für Einheimische und Gäste.

Mit seinem neuesten Produkt stößt der Komiker in diese Nische. Regelmäßig bricht er von Greetsiel zu einer seiner Lachbustouren auf. „Die Besucher möchten mehr über die Gegend und ihre Bewohner erfahren“, ist Müller sicher, „aber sie wollen Ostfriesland nicht studieren“. Deshalb gibt es bei ihm auf den 2,5 Stunden langen Rundfahrten kaum Jahreszahlen oder trockene Fakten zu hören. Lieber erzählt Müller beim Blick auf das Bilderbuchdorf Rysum anschaulich, wie die forschen Friesen dem Blanken Hans schon vor 2300 Jahren auf den Warften die lange Nase zeigten. Mit Sturmgebraus, Möwengeschrei und dem Ruf eines Käuzchens untermalen die Fahrgäste eine passende Schauergeschichte.

Als Fremder könne man das Wesentliche besser erkennen, während der Einheimische oft vor lauter Schafen den Deich nicht mehr sieht, glaubt Müller. Trotzdem hat er viel recherchiert. Notfalls fragt er seinen Nachbarn Hinnerk. Auf dem Weg nach Pilsum gibt es vom Gästeführer, der sich selbst auf der Visitenkarte als Cheffe tituliert, Nachhilfe in Sachen Ostfriesenwitz. Müller hat dessen Herkunft minutiös recherchiert. 1969 sei die erste Variante in der Schülerzeitung Trompeter in Westerstede erstmals abgedruckt worden und habe sich dann in Windeseile bis in die Boulevard-Presse verbreitet: Starren zwei Ostfriesen in der Kneipe in den Spiegel. „Mensch, da sitzen zwei Typen. Die sehen aus wie wir.“ „Müssen wohl aus’m Dorf sein.“ „Ich geh mal hin Moin sagen.“ „Bleib hier, die kommen zu uns.“

„In Westerstede im Ammerland gab es damals eine Minderheit von Schülern aus Ostfriesland. Die galten als langsam und etwas schwer von Begriff“, sagt Müller. So wurde das Völkchen zum Prototyp der Eigenartigen. Mit praktischen Beispielen erklärt der Komiker, wie aus dem Ostfriesen bei Bedarf eine Blondine oder ein Kevin wird. Bei einem Kurzbesuch in Müllers Theater gibt es dann Sekt und auch vom Ausbilder Schmidt noch ein paar gesetzte Takte zu hören.

Etwa 50 Gruppen hat Müller inzwischen mit auf seine Lachbustour genommen. Seit Kurzem ist er damit auch in Papenburg im Emsland unterwegs. Die dortige Tourismus-Agentur hat ihn dazu eingeladen. Schließlich gelten auch die Emspaddel als etwas eigen. Hier gibt es die Showeinlage samt Teeverkostung auf dem Ems-Segler „Friederike“. „Wenn der Ausbilder in den Ruhestand geht, werde ich mich noch stärker dem Tourismus zuwenden“, ist sich Holger Müller sicher. Er kann sich sogar vorstellen, seine Zelte im Rheinland komplett abzubrechen und mit der Familie ganz nach Ostfriesland zu ziehen. Nur bräuchte er dann wieder ein neues Hobby. „Vielleicht boßeln“, überlegt er.

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