Prozess gegen Klinikverantwortliche Högel erinnerte sich lange nicht an Namen seiner Opfer

Als erster Zeuge sagt Patientenmörder Niels Högel gegen sieben ehemalige Vorgesetzte der Kliniken Oldenburg und Delmenhorst aus. Dabei ist eine entscheidende Frage, wie gut sich der 45-Jährige erinnern kann.
01.03.2022, 13:36
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Högel erinnerte sich lange nicht an Namen seiner Opfer
Von Katia Backhaus

Im Prozess gegen sieben seiner ehemaligen Vorgesetzten vor dem Landgericht Oldenburg hat Patientenmörder Niels Högel in seiner Zeugenaussage bestätigt, zahlreiche Menschen mithilfe von Medikamenten ermordet zu haben. Eine genaue Zahl könne er nicht nennen, sagte er auf Nachfrage des Richters Sebastian Bührmann. Außerdem berichtete Högel von Gesprächen innerhalb des Klinikums Oldenburg, in denen ihm das Vertrauen entzogen und ein Wechsel nahegelegt worden war.

Mit diesen Aussagen legte der verurteilte Mörder den Grundstein zur Aufarbeitung der Ereignisse an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst in den Jahren 2001 und 2005, wegen derer sieben Verantwortliche angeklagt sind. Sie hätten, so der Vorwurf, Taten Högels verhindern können. Sie könnten deshalb des Totschlags, des versuchten Totschlags und der Beihilfe, jeweils durch Unterlassen, bezichtigt werden.

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Für den Mitte Februar gestarteten Prozess müssen die Vorfälle in den Krankenhäusern erneut aufgearbeitet werden. Högel erklärte am Dienstagvormittag, er habe lange Zeit keine konkrete Erinnerung an seine Opfer gehabt. „Vor Beginn der Aufarbeitung hätte ich keine Namen sagen können“, erklärte er. Erst mithilfe von Akten, die ihm von der 2014 gegründeten Sonderkommission „Kardio“ der Polizei zur Verfügung gestellt worden waren, habe er Erinnerungen an das Geschehene wiedergewonnen und Namen zuordnen können. Als die Verteidigung der Oldenburger Angeklagten an diesem Punkt einhakte, wehrte Högel jedoch ab: Er habe die Fälle anhand von „kleinsten Erinnerungen“ angesichts der Akten rekonstruieren können und das Verfahren nie als suggestiv empfunden.

Högel ist der erste von insgesamt 39 Zeuginnen und Zeugen, die bislang zur Vorladung vorgesehen sind, nach ihm wird ein Gutachter zu seiner Glaubwürdigkeit befragt werden. Verhandelt werden soll bis in den November.

Zur Sache

Wer ist Niels Högel?

Seine Pflegerausbildung machte der heute 45-jährige Niels Högel in seiner Heimatstadt Wilhelmshaven. Eigentlich hatte er zur Feuerwehr gehen wollen, wegen seiner Höhenangst war das jedoch nicht möglich gewesen. Die Noten seines Pflegeexamens waren mittelmäßig, doch in seinem Zeugnis wurde er als "sehr gewissenhaft, zuverlässig und selbstständig" beschrieben. Bis 1999 blieb er in der Gefäßchirurgie in Wilhelmshaven und wechselte dann ans Klinikum Oldenburg, wo er auf der Intensivstation arbeitete.

Zwischen Februar 2000 und Juni 2005 soll Högel mehr als 100 Menschen in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst getötet haben. Viermal wurde er verurteilt, am 26. Februar 2015 erstmals wegen zweier Mordfälle. Zuletzt verhängte das Landgericht Oldenburg gegen ihn am 5. Juni 2019 lebenslange Haft wegen 85-fachen Mordes, unter Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

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