Keine Hinweise auf eine aktive Bewegung

PEGIDA-Bewegung in Ostfriesland eine Fata Morgana

Berichte über einen ostfriesischen Ableger der islamfeindlichen PEGIDA sind offenbar gegenstandslos. „So etwas gibt es bei uns nicht“, heißt es vor Ort – Ostfriesen seien schon von ihrer Seefahrertradition her weltoffen.
12.12.2014, 16:30
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Martin Wein
PEGIDA-Bewegung in Ostfriesland eine Fata Morgana

Pegida-Chef Lutz Bachmann (Mitte hinten) spricht in Dresden (Sachsen) auf einer Pegida-Kundgebung.

dpa

Meldungen über einen aktiven Ableger der PEGIDA-Bewegung in Ostfriesland basieren offenbar nur auf einem einzigen Satz im Internet. Hinweise auf eine aktive Bewegung gibt es nicht. In der Region zeigen sich Politiker erschrocken über die Berichterstattung. Auch andere Bewegungen erscheinen im Netz größer als sie tatsächlich sind.

Das Erstaunen war groß bei den Zuschauern der „Tagesthemen“ in Ostfriesland: Nachdem tags zuvor in Dresden 10.000 Menschen für die PEGIDA-Bewegung auf die Straße gegangen waren, zeigte die ARD-Nachrichtensendung am vergangenen Dienstagabend auf einer Deutschlandkarte auch das angebliche Bündnis „Ostfriesen gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – kurz OGIDA. Zuvor hatten bereits die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung OGIDA erwähnt, die Süddeutsche mit dem süffisanten Nebensatz, dies sei kein Ostfriesenwitz.

Als genau solcher erweist sich nun offenbar die Berichterstattung. In der Polizeiinspektion Aurich-Wittmund gilt OGIDA als Fata Morgana. „Wir haben dazu keinerlei Erkenntnisse“, sagt Pressesprecher Jörg Mau entschieden und stellvertretend auch für seine Kollegen in Emden und Leer. Unter dem Namen OGIDA sei bislang niemand persönlich in Erscheinung getreten. Das einzige, was bei Recherchen auch der Polizei aufgefallen ist, sind zwei Sätze im Internet: „Herzlich willkommen bei OGIDA! Wir sind das Team für Ostfriesland“, postete ein nicht näher bekannter Nutzer mit dem Kürzel „orgateam-Ib“ am 26. November auf der Internetseite der islamfeindlichen PEGIDA-Bewegung. Seither hat sich auch auf der Seite neben einigen Glückwünschen aus anderen Landesteilen nichts ereignet. „Wer dahinter steckt, ist unklar“, sagt Mau. Von einer Bewegung zu sprechen, sei aber sicher gänzlich überzogen. Schon die weiten Wege würden es in Ostfriesland erschweren, mehr als 100 Menschen zu einer Kundgebung zu versammeln, glaubt er.

Auch in den Rathäusern der Region ist man von der Nachricht überrascht. „Alle diese Berichte fußen tatsächlich auf zwei Sätzen im Internet“, bedauert Harm-Uwe Weber, Landrat im Kreis Aurich. „Mehr OGIDA gibt es hier nicht – und das ist gut so!“ Im Gegenteil gebe es in den einzelnen Kommunen des Kreises viele Unterstützerkreise, die Flüchtlinge und Asylbewerber hilfsbereit willkommen hießen. Große Probleme mit der Integration gebe es in Ostfriesland nicht. Dies bestätigt auch Dieter Baumann als Vorsitzender des Regionalrats Ostfriesland: „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es so eine Bewegung hier gibt. Das passt überhaupt nicht zu unserer Mentalität. Schade, dass in diesem Fall eine einfache Nennung im Internet so ein Echo gefunden hat.“

Betroffen zeigt sich auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Johann Saathoff aus der Krummhörn: „Ich hatte die Berichterstattung über eine angeblich OGIDA-Gründung auch mit Erstaunen zur Kenntnis genommen. Natürlich war ich von einer sorgfältigeren Recherche ausgegangen und demzufolge erschrocken. Nun stellt sich das Ganze wohl doch als Witz dar. Da bleibt einem bei so einem Thema allerdings das Lachen im Halse stecken!“ Er sei sehr froh, dass die Ostfriesen sich nicht als islamfeindlich herausstellten. „Hier sind die Menschen menschenfreundlich und schon aus der Seefahrtsgeschichte heraus weltoffen und tolerant!“

Bereits seit einiger Zeit gelingt es neurechten Bewegungen im Internet, weitaus mehr Anhänger zu suggerieren als sie tatsächlich haben. Ein solcher Fall ist etwa die „Identitäre Bewegung“. Seit 2012 setzt sich der lose Zusammenschluss für den Erhalt einer nationalen beziehungsweise europäischen Identität ein, die vor allem durch den Islam gefährdet sei.

Die Wortwahl ist häufig martialisch, verpackt in comicartig gestalteten schwarz-gelben Bannern. 719 „gefällt mir“-Angaben hatte gestern die Facebook-Seite „Identitäre Bewegung Ostfriesland“. Auf der Seite vom „Großraum Lüneburg“ waren es 1388, bei der „Identitären Bewegung Delmenhorst“ waren es 438. Auch Fotos von Dutzenden Flaggen mit dem schwarzen Dreieck im Kreis auf gelbem Grund der „Identitären“ verfolgen das Ziel, Masse vorzugaukeln: Auf vielen Seiten finden sich immer wieder dieselben Facebook-Nutzer.

Die wenigsten geben einen Wohnort im Bereich der örtlichen Gliederung an. Auf keiner der erwähnten Seiten ist überdies in jüngster Zeit von eigenen Aktivitäten die Rede. Stattdessen werden in der Chronik vielfach allgemeine Beiträge geschaltet, die sich teils auch auf der Seite der „Identitären Bewegung Deutschland“ finden. In Delmenhorst scheint das Interesse schon nach nur einem Dreivierteljahr gänzlich erloschen zu sein. Der letzte Beitrag stammt vom 13. Juli 2013.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+