Kritik an umstrittener Aufklärungsaktion Pelz-Polizisten gehen auf Streife

In Hannover und anderen deutschen Innenstädten sind seit Anfang des Jahres "Pelz-Polizisten" auf Streife gegangen. Die Aktion von Tierschützern führte jetzt sogar zu Nachfragen im Landtag.
11.02.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Pelz-Polizisten gehen auf Streife
Von Martin Wein

In Hannover und anderen deutschen Innenstädten sind seit Anfang des Jahres "Pelz-Polizisten" auf Streife gegangen. Die Aktion von Tierschützern führte jetzt sogar zu Nachfragen im Landtag.

Ausgerechnet die Garderobe von Tierschützern, die gegen Echtpelz an Kleidungsstücken protestieren, hat nach deren Auftritten in Hannover und Göttingen ein Nachspiel im Niedersächsischen Landtag gehabt. Die FDP-Fraktion hatte eine Kleine Anfrage an die Landesregierung gerichtet. Die Abgeordneten wollten wissen, ob der Auftritt der Tierschützer unter dem Slogan „Pelz-Polizei“ eine Straftat darstelle und geahndet werde. Ein Sturm im Wasserglas, wie sich zeigte.

Seit Anfang des Jahres waren Aktivisten des Deutschen Tierschutzbüros e. V. in verschiedenen deutschen Innenstädten unterwegs. Sie trugen dabei dunkelblaue Windjacken mit der Aufschrift „Pelz-Polizei“ und Sternen mit Fantasiewappen auf dem Ärmel. In diesem Aufzug sprachen sie Passanten an, die Pelzkragen oder Pelzbesätze an ihrer Kleidung trugen. „Verbraucher werden hier nicht umfassend aufgeklärt, deswegen geht die Pelz-Polizei auf Streife und hilft bei der Aufklärung“, sagt Jennifer Schöpf – eine der Pelz-Polizisten.

Die gesetzlich vorgeschriebene Aufschrift „enthält nichttextile Teile tierischen Ursprungs“ sei für viele Verbraucher nicht verständlich, ergänzt Jan Peifer, Vereinsvorstand des Tierschutzbüros. Viele Kleidungsstücke würden überdies falsch etikettiert. Statt des Kunstfaserkragens hätten in Wahrheit Waschbären, Koyoten und Hunde dafür ihr Leben lassen müssen, zuvor gehalten in inakzeptabler Käfigzucht. „Noch immer lassen 100 Millionen Pelztiere ihr Leben für simple Extras an der Kleidung, und das, obwohl es genug Alternativen gibt“, beklagt der Verein auf seiner Homepage. Allerdings sei Kunstpelz noch immer häufig teurer als Echtpelz.

Spektakuläre Aktionen gegen Massentierhaltung

Das Deutsche Tierschutzbüro, ein Verein mit rund 2000 Mitgliedern und Sitz in Bonn, ist in der Vergangenheit wiederholt durch spektakuläre Aktionen gegen Massentierhaltung aufgefallen. Vor dem Hamburger Oberlandesgericht protestierten Aktivisten 2014 beispielsweise nackt gegen Pelztierhandel. Zwei Jahre zuvor hatten Tierschützer den Bärenzwinger in Berlin besetzt, um gegen die Haltungsbedingungen in dem historischen Gebäude zu protestieren.

Die Provokation mit dem Titel „Pelz-Polizei“ war mithin offenbar durchaus beabsichtigt. Von salafistischen Aktivisten, die 2016 in Westen mit der Aufschrift „Scharia-Polizei“ in mehreren deutschen Städten als Wächter islamischer Moral pattroulliert waren, distanziert sich der Verein aber ausdrücklich. „Wir haben uns weder als Polizei verstanden noch so gehandelt“, sagt Peifer.

Das Verfahren gegen die Scharia-Polizei wurde übrigens eingestellt. Auch die Landesregierung in Hannover gab im Landtag Entwarnung: Von einer Verwechslungsgefahr oder einer Amtsanmaßung könne bei den Jacken der „Pelz-Polizei“ keine Rede sein, antwortete sie den FDP-Vertretern im Landtag. Es habe sich ja nicht um echte oder täuschend echte Polizeiuniformen gehandelt. Strafrechtlich relevantes Verhalten habe nicht stattgefunden.

So unterscheidet sich Kunst- von Echtpelz

In der Hansestadt Hamburg hatten Ordnungshüter vor Ort die Angelegenheit anders bewertet. Sie verlangten von den Aktivisten bei einem dortigen Auftritt, die Jacken abzulegen. Die Tierschützer zogen daraufhin ab. Medienberichte, wonach in Bielefeld die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen habe, weist Peifer hingegen als Ente zurück. „Uns liegt dazu nichts vor.“

Trotzdem sei es natürlich nicht das Hauptanliegen, über das eigene Outfit zu diskutieren, meint der Vereinschef. Wenn seine Aktivisten am kommenden Freitag in der Braunschweiger Innenstadt das Gespräch mit Pelzträgern suchen, werden sie deshalb selbst Oberbekleidung mit der Aufschrift „Pelz-Ermittler“ tragen.

Dabei zeigen sie Interessierten auch, wie man Kunst- und Echtpelz unterscheiden kann: Etwa an der Textilschicht, die unter dem Kunstpelz zum Vorschein kommt, während beim echten Besatz Leder zu erkennen ist. Im Zweifelsfall hilft ein Feuerzeug: Zünde man ein Haar an, so entfalte Kunstpelz einen typischen Geruch nach Plastik. Riecht es nach Horn, dürfte natürliches Haar verwendet worden sein. Allerdings gebe es auch Mischprodukte mit Echthaar im Kunstpelz. In solchen Fällen hilft dann nur eine Labor-Analyse.

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