Niedersachsen

Pferde zum wiederholten Male spurlos verschwunden

Mindestens zwei verschwundene Pferde dürften beim Schlachter gelandet sein - trotz Verbot. Tierhalter und Veterinärbehörden beklagen die Vielfalt der Pferdepässe, die Manipulationen begünstige.
17.05.2018, 21:38
Lesedauer: 4 Min
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Pferde zum wiederholten Male spurlos verschwunden
Von Justus Randt
Pferde zum wiederholten Male spurlos verschwunden

In Niedersachsen sind zum wiederholten Male Pferde spurlos verschwunden.

dpa

Alles geregelt: Viehverkehrsverordnung, Equidenpassverordnung, das Modul Einhufer des Herkunftssicherungs- und Informationssystems für Tiere – da dürfte kein Pferd seiner Überwachung entgehen, sollte man meinen, und auch kein Pferdehalter. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Seit Monaten beschäftigen – nach Recherchen von Pferdefreundinnen – Dutzende Fälle mehrere Staatsanwaltschaften und mittlerweile auch das Amtsgericht Geestland: Eine Frau aus Beverstedt im Landkreis Cuxhaven sucht Tiere als Beistellpferde. Besitzerinnen älterer Reitpferde glauben, ihren Lieblingen einen Lebensabend auf der grünen Weide sichern zu können. Aber das Leben ist kein Ponyhof.

Es gibt Indizien und in zwei Fällen auch die Bestätigung, dass Pferde, vermittelt durch einen oder mehrere Pferdehändler, im Emsland geschlachtet worden sind, die nicht hätten geschlachtet werden dürfen. Der genaue Weg der Tiere sei nicht nachvollziehbar, sagt Anja Rohde, Sprecherin des Landkreises Emsland.

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Aufgabe der Behörde sei es, „Tiere und Dokumente durch einen Kreisveterinär vor der Schlachtung begutachten zu lassen sowie anschließend das Fleisch per Sichtkontrolle auf die Genussfähigkeit zu prüfen“. Der Pass, der zu jedem Einhufer, also außer zu Pferden beispielsweise auch zu Eseln und Zebras, geführt werden muss, werde nach der Schlachtung „ungültig gestempelt und an die ausgebende Stelle zurückgesandt und dort vernichtet“, erläutert Anja Rohde den üblichen Weg. „Eines der betroffenen Tiere war gechipt. Für das andere Tier liegt keine Chipnummer vor“, sagt sie über die Schlachtungen im Emsland.

Chip zur Identifizierung

Insgesamt wurden in Niedersachsen nach Daten des statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr 1733 Pferde geschlachtet – diese Zahl aus dem April ist als vorläufig markiert. 2016 waren es 2043, im Jahr davor etwa 30 mehr. „Zucht- und Nutzequiden erhalten eine individuelle Lebensnummer“, so schreibt es die Viehverkehrsverordnung vor – genauer: die Auslegungshinweise zu deren Durchführungsverordnung vom Februar 2018.

Ein Arzneimittelanhang zum Pass enthält Informationen darüber, was dem Tier verabreicht wurde, und dient, sofern der Halter eine Schlachtung nicht ohnehin ausgeschlossen hat, der Information, ob das Pferd in die Nahrungskette gelangen darf. Diese Informationen sind nicht auf dem Transponder verfügbar, der nach dem 1. Juli 2009 geborenen Pferden implantiert wird.

Der Chip ist eine von drei Identifizierungsmittel für Pferde, die mit Inkrafttreten der Viehverkehrsordnung im Jahr 2010 verpflichtend geworden sind. Die anderen beiden sind der Equidenpass und die zentrale Datenbank, in der die Transponder- und Equidenpassinformationen gespeichert sind.

Fuchswallach Wim Bob: Inzwischen ist das Pferd verschwunden.

Fuchswallach Wim Bob: Inzwischen ist das Pferd verschwunden.

Foto: PRIVAT

Analog der zentralen Erfassung von Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen werden Pferde im „Modul Einhufer“ des Herkunftssicherungs- und Informationssystems für Tiere (Hit) erfasst. Die Zuchtverbände gehen noch einen Schritt weiter und führen Abstammungsnachweise per DNA-Abgleich mit Vater- und Muttertier. „Der Chip ist nicht der Weisheit letzter Schluss, es gibt Fehlerquoten, und die Manipulierbarkeit ist nicht ausgeschlossen“, sagt Enno Hempel.

Dem Geschäftsführer der Pferdeland Niedersachsen GmbH, eines Netzwerks von Zuchtverbänden, ist natürlich klar, dass der Transponder Vorschrift ist. „Aber eigentlich“, sagt er, „würden wir ihn nicht brauchen.“ Die Reitpferde- und Ponyzuchtverbände könnten zur Identifizierung der Tiere auf deren Brandzeichen, den Pass mit individuellen Merkmalen und die DNA-Überprüfung zurückgreifen.

Der Chip wiederum enthält nicht alle Informationen und scheint störanfällig zu sein. Genetische Nachweise sind Zuchttieren vorbehalten, und auch der erst seit dem Jahr 2000 obligatorische Pass scheint keine zuverlässige Methode zu sein. Das unterstreicht Anja Rohde vom Landkreis Emsland: Mit dem Chip hätten die Vorgaben zur Identifizierung eines Tieres zwar verbessert werden können, „aber die Vielzahl unterschiedlicher Equidenpässe durch in- und ausländische Verbände und Ausgabestellen blieb bestehen“. Die Dokumente variierten beispielsweise in Aufbau, Seitenzahl, Nietengröße und Papierfarbe. „Somit ist es nahezu unmöglich, reguläre von möglicherweise manipulierten Passen zu unterscheiden.“

Fälschungssichere Pässe

Erst seit 2017 seien Pässe fälschungssicherer, sagt Beate L. Sie hat ihren Fuchswallach Wim Bob vor mehr als zwei Jahren in die Obhut der Beverstedterin gegeben – und ihn seither nicht mehr gesehen. Zumindest im Fall ihres Pferdes ist es erwiesen, dass kein Eigentümerwechsel aktenkundig geworden ist. Wäre der Hannoveraner legal geschlachtet worden, hätte sie den Ausweis zurückbekommen müssen. Deshalb vermutet die Frau aus der Region Hannover, dass das Tier, anders als vereinbart, weiterverkauft wurde.

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Das wäre nicht der einzige Fall, einer ist derzeit beim Amtsgericht Geestland anhängig. Eine Martfelderin entdeckte ihr in gutem Glauben und zum symbolischen Preis von einem Euro weitergegebenes Pferd, das sie in Beverstedt wähnte, bei einem Händler im Kreis Vechta. Sie kaufte es für 4000 Euro zurück und klagt auf Rückzahlung dieses Betrages.

Grundsätzlich ist der Besitzer dafür verantwortlich, den Pass auf dem Laufenden zu halten. Dazu gehört es laut Viehverkehrsverordnung, „Änderungen des Schlachtstatus‘, Transpondercodes und Eigentumswechsel“ innerhalb von 30 Tagen zu melden.

Beate L. geht davon aus, dass mehr als 40 Tiere, statt als Beistellpferde auf der Weide zu grasen, möglicherweise weiterverkauft oder geschlachtet wurden.

Guten Glaubens weggegeben

Der Landkreis Emsland beklagt, „das Fehlen eines einheitlichen Passsystems“ habe nicht nur zu einer Vielzahl von Pass-Mustern geführt, sondern begünstige auch, dass „rechtliche Lücken in der Rückverfolgbarkeit der Pferde genutzt werden, um ihre Herkunft zu verschleiern“.

Die 2011 in der Schweiz eingeführte „Tierverkehrsdatenbank Agate“, sagt Beate L., sei dagegen vorbildlich: Ändert sich der Standort eines Pferdes für mehr als drei Wochen, muss dies angegeben werden. „Damit ist lückenlos klar, wo die Pferde sind.“ Aber in der Schweiz wie in Deutschland gilt für sie: „Solange das nicht kontrolliert wird, hört dieser unsägliche Pferdehandel nicht auf.“

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