Raubüberfall in Sittensen Polizei ermittelt auf Notwehr nach tödlichem Schuss

Sittensen . Der 16-jährige Räuber von Sittensen ist mit einem Schuss in den Rücken getötet worden. Es müsse jetzt geprüft werden, ob der 77-jährige Schütze in Notwehr gehandelt habe oder nicht, sagte am Mittwoch der Stader Staatsanwalt Kai-Thomas Breas.
16.12.2010, 05:00
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Polizei ermittelt auf Notwehr nach tödlichem Schuss
Von Hans Ettemeyer

Sittensen . Der 16-jährige Räuber von Sittensen ist mit einem Schuss in den Rücken getötet worden. Es müsse jetzt geprüft werden, ob der 77-jährige Schütze in Notwehr gehandelt habe oder nicht, sagte am Mittwoch der Stader Staatsanwalt Kai-Thomas Breas. "Eine Notwehrlage ist aber nicht ausgeschlossen." Der Rentner war am Montag von fünf maskierten und bewaffneten Männern überfallen worden. Die vier Komplizen des Getöteten stellten sich am Mittwochnachmittag der Polizei.

Die Männer im Alter von 22, 23 und 24 Jahren kommen aus Neumünster, Flensburg und Bayern. "Alle vier sind der Polizei bereits bekannt", so Polizeisprecher Detlev Kaldinski. Sie seien mit einem geliehenen Auto zum Überfall gefahren. Als der Besitzer den Wagen beschädigt zurückbekommen und gehört habe, dass der getötete Räuber aus Neumünster stammt, habe er sofort einen Zusammenhang hergestellt und sich bei der Polizei gemeldet.

Die Bande hatte den wohlhabenden Rentner am Montagabend auf dem Weg zu seinem Hundezwinger überfallen und ins Haus zurückgedrängt. Als die Täter den Tresor ausrauben wollten, lösten sie Alarm aus. Der Rentner, der als Jäger Waffen besitzt, konnte in dem Durcheinander eine Pistole ergreifen und auf die Räuber schießen. "Der 16-Jährige wurde von einem einzigen Schuss in den Rücken getroffen - der war tödlich", so Staatsanwalt Breas am Mittwoch zum Ergebnis der Obduktion in der Hamburger Gerichtsmedizin. Der Ablauf des Überfalls werde noch ermittelt. Es seien mehrere Schüsse gefallen. Noch sei unklar, wo sich der 16-Jährige befunden habe, als ihn der tödliche Schuss traf. Der Jugendliche war außerhalb des Hauses auf der Terrasse tot zusammengebrochen. Der auf Gehhilfen angewiesene Rentner habe sich bei der Schussabgabe vermutlich im Wohnzimmer befunden, so Breas.

Bewaffnet und gewalttätig

Die Identität des erschossenen Jugendlichen ist inzwischen geklärt. Wie vermutet, handelt es sich um einen Deutschen albanischer Herkunft aus Neumünster. Er ist der Polizei als Intensivtäter bekannt. Ihm wurden mehrere Einbrüche, Raubüberfälle und Diebstähle zur Last gelegt. Er galt als bewaffnet und gewalttätig. In der Nähe des Tatortes in Sittensen fand die Polizei am Dienstagabend eine Tüte mit einer Softair-Pistole und mehreren Bekleidungsstücken, mit denen sich die Täter vermutlich maskiert hatten. "Die werden wir jetzt intensiv auf Fingerabdrücke und DNA-Spuren untersuchen", so Staatsanwalt Breas. Sollte die Waffe den Tätern gehören, stütze das die Angaben des Rentners, dass ihm während des Überfalls ständig eine Pistole von hinten an den Kopf gehalten worden sei. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Täter in Panik flüchteten und die Tüte in der Nähe des Tatortes in einen Graben warfen, weil sie mit einer Polizeikontrolle rechnen mussten. Ob der Rentner in Notwehr gehandelt hat oder nicht, werde jetzt überprüft, so Staatsanwalt Breas. "Trotz des Schusses in den Rücken kann es eine Notwehrlage gewesen sein."

"Notwehr ist die Verteidigung, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden", heißt es in Paragraf 32 des Strafgesetzbuches. Bei der Notwehr dürfen aber die Grenzen der Verhältnismäßigkeit nicht überschritten werden, was Jurastudenten im ersten Semester am Beispiel eines Kirschendiebstahls erklärt wird: Ein alter gehbehinderter Mann schießt mit dem Luftgewehr auf Kinder, die aus seinem Garten Kirschen stehlen. Die Kinder begehen zwar einen Rechtsbruch, aber deshalb darf der Rentner den Angriff auf sein Hab und Gut noch lange nicht mit dem Gewehr verteidigen.

Das Strafgesetzbuch kennt aber auch den sogenannten intensiven Notwehrexzess. Das bedeutet: Wenn jemand aus Furcht, Verwirrung oder Schrecken die Grenzen der Notwehr überschreitet, wird er nicht bestraft. Staatsanwalt Kai-Thomas Breas hält es nicht für ausgeschlossen, dass der Rentner aus Sittensen die Berichterstattung über den brutalen Überfall auf ein Ehepaar im nur 50 Kilometer entfernten Oldendorf verfolgt hat - und er deshalb womöglich schneller zur Waffe gegriffen hat, als er es sonst getan hätte. In Oldendorf hatten zwei unbekannte Täter am vergangenen Sonnabend ein Ehepaar überfallen, mit Klebeband gefesselt und brutal gepeinigt. Der 51-jährige Mann war dabei gestorben.

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