Kompostierbare Computermaus Polizisten drehen am Buchenholzrädchen

Niedersachsens Landesbetrieb für Informationstechnologie beschafft Öko-Computermäuse für sämtliche 19.000 Polizeiarbeitsplätze. Das Bistum Köln findest das vorbildlich und odert 700 Kirchen-Mäuse.
17.01.2018, 20:07
Lesedauer: 3 Min
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Polizisten drehen am Buchenholzrädchen
Von Justus Randt

Hannover. Alles wird neu, und dann steht die niedersächsische Polizei fairer da als zuvor. Zumindest hardwaretechnisch. Bis Ende des Jahres werden die Geräte und die Software an allen rund 19 000 Computerarbeitsplätzen der Polizei im Land modernisiert. Zur vereinheitlichten neuen Ausstattung, die künftig vom Landesbetrieb für Informationstechnologie, IT-Niedersachsen, betreut wird, gehören auch fair montierte Öko-Computermäuse. Der niedersächsische Auftrag über 20 000 Exemplare hat dem Hersteller zum Durchbruch verholfen.

„Wir können jetzt beweisen, dass wir im Stande sind, auch große Stückzahlen zu liefern“, sagt Susanne Jordan, Gründerin und Vorstandsmitglied des Vereins Nager-IT. Der Name soll an eine Maus erinnern und sich selbst erklären: „Wir wollen an den Großen nagen.“ Seit rund fünf Jahren gibt es das Projekt, das sich nachhaltiger Computertechnik verschreibt und auf eine möglichst lange Strecke fair verlaufende Produktionskette verweisen kann. 20 000 Mäuse – so viel wurde zuvor in allen Produktionsjahren zusammen nicht hergestellt. Vertrieben wurden die meisten der Mäuse bislang in kleinen Serien über Weltläden. Jetzt hat das Bistum Köln als nächster Großkunde bei Nager-IT angeklopft. Es geht um 700 Kirchen-Mäuse.

Auf den letzten beiden Lieferebenen, beim Löten und bei der Endmontage, „wo noch am meisten Handarbeit vorkommt, können wir die üblichen Probleme, die in vielen Berichten über Produktionsstätten kritisiert werden, ausschließen“, präsentiert der Verein seine Maus. Die Arbeitsbedingungen seien umweltfreundlich. Zwei Drittel der Lieferkette, an der mehr als 100 Fabriken und Minen beteiligt seien, könnten als fair bezeichnet werden. Das höre sich „bescheiden“ an, suche im Elektronikbereich aber seinesgleichen.

Ein Viertel schon ausgeliefert

Rund ein Viertel der „kabelgebundenen Drei-Tasten-Mäuse mit Scrollrad“ sei bislang ausgeliefert. Die Polizeiinspektion Diepholz war landesweit Vorreiter für das Projekt „Polizei Client“ und ist als erste mit der Maus ausgestattet worden. Es folgten die Inspektionen Delmenhorst/Oldenburger Land/Wesermarsch, Cloppenburg/Vechta und Verden/Osterholz. Bis das „Ausrollen der neuen Hard- und Software“ auch im Landeskriminalamt und der Zentralen Polizeidirektion in Hannover ankommt, werde das Jahr ins Land gehen, wird im Innenministerium vermutet. Die technische Auf- und Umrüstung werde „im ersten vollständigen Betriebsjahr circa 26 Millionen Euro kosten“, schätzt das Ministerium.

Die Kosten für die Mäuse seien Bestandteil eines Gesamtpaketes, die Kosten nicht einzeln ausgewiesen. Laut Nager-IT-Preisliste kostet die Single-Maus 35,90 Euro, ab 500 Exemplaren sinkt der Einzelpreis auf 15,49 Euro. „Das ist viel mehr, als herkömmliche Produkte kosten“, sagt Jordan. Das Land Niedersachsen sieht sich aber „in einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung“ gegenüber seien Bürgern, teilt das Innenministerium auf Nachfrage mit: „Mit dem Einsatz der ,fairen‘ Maus, gehen wir diesem Anspruch gerne nach. Beschaffungen werden natürlich möglichst effizient, andererseits aber auch unter Berücksichtigung ökologischer und sozialer Aspekte vorgenommen.“

Herkunft aller Teile dokumentiert

Was die Ökologie betrifft, schlüsselt Nager-IT Herkunft und Entstehung sämtlicher Bauteile und Bestandteile seiner „sozialrevolutionären Maus“ auf. Das Schaubild ähnelt dem Strukturschema eines verzweigten Weltkonzerns. Nager-IT ist aber ganz klein: In Bichl, eine Stunde mit dem Zug von München entfernt und südlich gelegen, unterhält der Verein sein Maus-Büro. „Zwei Angestellte und drei Honorarkräfte, wie ich eine bin“, sagt Susanne Jordan, schmeißen den Laden.

Dort ist die Maus samt Scrollrad aus heimischer Buche auf einer Birkenachse kreiert worden: Das Holzrädchen, an dem künftig alle niedersächsischen Polizisten drehen kreiert worden. Die Hersteller bieten Workshops zur Gestaltung an, die Mäuse könnten auch ganz anders aussehen – entscheidend ist, dass das Innenleben Platz findet. IT-Niedersachsen hat sich für eine konventionelle Form entschieden – in behördlich-neutralem Schwarz. Montiert werden die kleinen Geräte in einer integrativen Werkstatt in Regensburg.

Das Gehäusematerial, eine kompostierbare Zuckerrohrlegierung, hat das Institut für Biokunststoffe und Bioverbundwerkstoffe an der Hochschule Hannover entwickelt. Ausgediente und ausgeweidete Polizeimäuse können auf dem Kommissariatskompost entsorgt werden.

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