Dirk D. erschoss 1987 zwei Polizisten

Norddeutscher Schwerverbrecher wird entlassen

Im Januar soll er aus 33-jähriger Haft entlassen werden. Dirk D. tötete 1987 in Hannover zwei Polizisten. „Diese Wunde wird nie geschlossen sein“, sagen die Angehörigen.
23.11.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Lutz Wetzel

Im Radio hörte Richard Zastrutzki am 22. Oktober 1987 von dem Mord an zwei Polizisten in Hannover. „Hoffentlich ist mein Bruder Uli nicht dabei“, dachte er. Wenige Stunden später rief seine Mutter an: „Uli ist erschossen worden“. Für die Familien der Opfer und auch für die Kollegen der Getöteten bei der Polizei Hannover begann mit diesem Verbrechen ein Trauma, das immer noch nicht aufgearbeitet ist.

Der Täter Dirk D. galt viele Jahre nach einer beispiellosen Kette schwerster Straftaten als einer der gefährlichsten Verbrecher Norddeutschlands. Nach 33 Jahren Haft soll er nun in die Freiheit entlassen werden. Das wühlt in Hannover die Erinnerungen wieder auf. Die Schuld des Täters sei gesühnt, befand die Justiz. Das sehen nicht alle Betroffenen so. ­Vielen fällt es schwer, zu vergeben.

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Die Jahre in Einzelhaft haben aus dem ehemals eiskalten Schwerkriminellen einen nachdenklichen Menschen gemacht, der nach glaubhaftem Bekunden der Gewalt abgeschworen und sich intensiv mit seinen Taten auseinandergesetzt hat. Vor allem seine Tätigkeit als Künstler half ihm dabei. Jetzt kann er mit 63 Jahren einen neuen Anfang machen.

Uli Zastrutzkis Mutter ist tot. Sie wurde 91 Jahre alt. Der tiefe Kummer über den Tod ihres Sohnes hat sie nie verlassen. Aber auch die Polizei Hannover kommt nicht zur Ruhe. Immer noch versammeln sich am 22. Oktober jeden Jahres pünktlich um 11 Uhr Polizeibeamte in der Brabeckstraße in Hannover, dem Tatort des Polizistenmordes. Dort erinnert ein Gedenkstein an den Tod von Uli Zastrutzki und Rüdiger Schwedow.

Auf Zivilstreife

Die beiden Beamten waren damals als Zivilstreife einem anonymen Anruf nachgegangen, weil aus einer Auto-Werkstatt verdächtige Geräusche wahrgenommen wurden. Sie trafen drei Personen an: Dirk D. und Wolfgang S., die aus einem Hafturlaub nicht zurückgekehrt waren, und Klaus B. Dieses Trio hatte bereits zahlreiche Raubüberfälle verübt, wollte nun den Automatenkönig Freise entführen und Lösegeld erpressen. Dazu bauten sie einen Audi Quattro wie ein James-Bond-Fahrzeug um. „Sie hatten Stahlplatten in den Wagen montiert, die als Schutz vor Kugeln dienen sollten“, erinnert sich Rainer Bruckert, pensionierter Abteilungsleiter im Landeskriminalamt. Er war zum Zeitpunkt der Tat Teileinsatzleiter. „Außerdem hatten sie den Audi mit einem Sturmgewehr und Rauchgranaten ausgestattet.“

D. und Wolfgang S. flüchteten zu Fuß, eröffneten das Feuer auf die Verfolger. Uli Zastrutzki wurde von drei Kugeln getroffen, eine durchschlug ihm die Halsschlagader. Rüdiger Schwedow starb durch einen Kopfschuss. D. und S. schossen anschließend auf die anderen Fahnder, die hinter ihren Fahrzeugen in Deckung gegangen waren und das Feuer sofort erwiderten. Die Todesschützen entkamen im Schutz der Dunkelheit.

Sprengsätze rechtzeitig entdeckt

Die Fahndung nach dem Polizistenmörder und seinen Komplizen lief sofort auf vollen Touren. „Es gab in der Stadt keinen Streifenwagen, der nicht an der Suche beteiligt war, kranke Kollegen schleppten sich in die Zentrale und sagten: ‚Ich kann ja funken‘“, berichtet Rainer Bruckert. 15 Stunden nach der Tat fand man den dritten Täter, Klaus B. Er hatte sich erschossen. Kurz darauf wurden Dirk D. und Wolfgang S. von Spezialkräften festgenommen, als sie ihre Wohnung verließen.

Um ein Haar hätte die Tragödie noch größere Ausmaße angenommen. Denn die Täter hatten für den Fall einer Verhaftung ihre Wohnung mit Sprengfallen ausgestattet. Sobald ein Polizist die Wohnungstür geöffnet hätte, wären die Fallen detoniert. Doch die Sprengsätze wurden entdeckt, bevor sie Schaden anrichten konnten. Gut ein Jahr nach der Tat wurden die beiden zu lebenslanger Haft verurteilt. Vom Vorwurf eines weiteren Doppelmords an zwei mutmaßlichen Komplizen und Mitwissern wurden sie freigesprochen. Deren Leichen konnten nicht gefunden werden. Doch die kriminelle Karriere von Dirk D. war damit noch nicht beendet.

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Am Morgen des 21. Oktober 1991 nahm er gemeinsam mit drei Komplizen im Gefängnis in Celle mehrere Justizvollzugsbeamte als Geiseln. Aus einem Stuhlbein und Eisenteilen hatte er sich ein Gewehr gebaut, Schrauben dienten als Munition, Sprengstoffgürtel bedrohten die Opfer. Die Geiselnahme und die anschließende Flucht der vier Straftäter aus dem Gefängnis waren der Auftakt einer tagelangen Verfolgungsjagd quer durch Deutschland. Die Flucht der Schwerverbrecher endete schließlich auf einer Tankstelle nahe Karlsruhe. Scharfschützen der Polizei verletzten D. dabei schwer. Vom Landgericht Celle wurde er daraufhin zu weiteren zwölf Jahren Haft verurteilt

. Diese Tat, die nur mit viel Glück ohne Todesopfer blieb, wühlte seinerzeit die Republik auf und gefährdete sogar die niedersächsische Landesregierung unter Gerhard Schröder. Dirk D. wurde daraufhin einer der bestbewachten Häftlinge Norddeutschlands und saß fast 30 Jahre lang in Einzelhaft, überwiegend in Sehnde bei Hannover. Gegen den großen Widerstand der Gefängnisleitung erkämpfte D. sich durch mehrere Gerichtsinstanzen das Recht auf künstlerische Betätigung.

„Das Zustandekommen der ersten Motive war eher banal“, sagte er in einem Interview für ‚Art in Prison‘. „Ich bin seit fast 20 Jahren inhaftiert, davon die meiste Zeit einzelisoliert. Die Isolation unterbindet und kontrolliert jeden Kontakt zur Außenwelt, inklusive zu den Mitgefangenen. Der damit zwangsläufig einhergehende Mangel von Sinneseindrücken führte mich bei der Motivsuche auf meine unmittelbare Umgebung zurück. Die ersten und für mich greifbarsten Motive lieferte die Gefängnisküche. Ich habe also begonnen, Äpfel, Birnen und Paprikaschoten zu malen.“

Chance auf Besserung

Für die Kapelle der JVA in Celle fertigte D. im Auftrag der Kirche keramische Wandbilder und einen mehrteiligen „Kreuzweg“ an. Erste Ausstellungen seiner Arbeiten gab es in Hamburg und Leer. Einen Teil des Erlöses seiner Arbeiten spendet er der Polizeistiftung. Inzwischen erhielt er auch den Ingeborg ­Drewitz-Literaturpreis für Gefangene. Zusammen mit anderen Häftlingen befasste er sich mit dem Thema „Der Gewalt widerstehen“ und begann nach der Beschäftigung mit dem Zen-Buddhismus eine Reflexion mit seiner eigenen destruktiven Vergangenheit.

Die Kunst, so sagte D. damals, habe ihm die Kraft dazu gegeben. 1998 heiratete er seine langjährige ehrenamtliche Betreuerin im Gefängnis. Er stellte sich freiwillig mehreren psychiatrischen Begutachtungen und machte eine Verhaltenstherapie.

Dirk D. selbst möchte sich derzeit zu seinen Plänen und seiner Situation nicht äußern. Er befindet sich im offenen Vollzug in einer deutschen Großstadt und soll, so ein Sprecher der Haftanstalt, wohl noch im Januar freikommen. Vollzugsbeamte, die ihn längere Zeit begleitet haben, schildern ihn als einen positiv eingestellten, vertrauenswürdigen Menschen, dem sie einen hoffnungsvollen Neuanfang in Freiheit wünschen.

Riesige Wut

„Die Gesellschaft schuldet einem Straftäter nach Verbüßung der Haft die Chance, wieder zu einem respektierten Mitbürger zu werden“, erklärt der niedersächsische Landespolizeipräsident Axel Brockmann, „das ist ein elementarer Bestandteil unseres Rechtsstaates und das gilt auch für einen Polizistenmörder.“ Brockmann war damals als ­junger Polizeibeamter eingesetzt, um am Tatort nach Projektilen zu suchen. „Mich hat die Tat lange beschäftigt. Es gibt sicher nicht viele Täter wie Dirk D., und ich erinnere mich, das war eine Riesenwut unter den Kollegen damals. Aber wir dürfen nicht unbegrenzt Rachegedanken ­hegen.“

Das Trauma dieses Doppelmordes ist noch lange nicht aufgearbeitet und das macht es den Betroffenen schwer, zu verzeihen. So deutlich sagt es Rainer Bruckert. „Wir können D. nicht vergeben“, erklärt der ehemalige Kriminaldirektor. „Diese Wunde wird nie geschlossen sein.“ Er glaubt nicht an eine positive Wandlung im Wesen des Täters. Wenn, wie jedes Jahr, am 22. Oktober am Gedenkstein in der Brabeckstraße von Polizeibeamten der vor 33 Jahren ermordeten Kollegen gedacht wird, ist auch auf Initiative Rainer Bruckerts der jeweils neue SEK-Lehrgang dabei. „Damit sie erkennen“, erklärt er, „wie schnell es vorbei sein kann.“

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