Geplante Melde- und Kondompflicht Prostituierte lehnen neues Gesetz ab

Im kommenden Jahr soll das Prostitutionsgesetz erneuert werden, um Prostituierte besser zu schützen. Doch Sexarbeiterinnen, Beratungs- und Berufsverbände lehnen die Novellierung ab.
04.06.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Prostituierte lehnen neues Gesetz ab
Von Nikolai Fritzsche

Wenn Vicky lacht, hält sie sich eine Hand vor den Mund. Das verleiht ihr etwas Mädchenhaftes, obwohl sie nach eigenen Angaben schon über 30 ist. Im nächsten Moment sagt die Bulgarin streng: „Hier. Ich. Chef.“ und zieht die dunklen Augenbrauen hoch. Seit drei Jahren ist sie als Prostituierte in einem Wohnwagen zwischen Hannover und Burgdorf tätig – freiwillig und selbstständig. Die sechs Quadratmeter mit Bett, Küchenzeile und Bad am Waldrand sind ihr Arbeitsplatz.

Anschaffen ist nicht mehr sittenwidrig, seit 2002 das Prostitutionsgesetz verabschiedet wurde. Im kommenden Jahr soll das Gesetz erneuert werden, um Prostituierte besser zu schützen. Doch Sexarbeiterinnen, Beratungs- und Berufsverbände lehnen die Novellierung ab: Die Einführung eines sogenannten Hurenausweises und einer Kondompflicht bringe nicht mehr Sicherheit. Wie viele legal oder illegal tätige Prostituierte es in Niedersachsen gibt, ist unklar.

Neben Vicky auf dem Bett sitzt Beti. Die 44-Jährige kommt auch aus Bulgarien und hat früher selbst in einem sogenannten Lovemobil Freier empfangen. Heute betreut und besucht sie für die Beratungsstelle „Phoenix“ Sexarbeiter auf der Straße, in Bordellen und in Lovemobilen.

"Ich habe keine Angst"

Ihrer Meinung nach gibt es keine einheitliche Lösung für alle Probleme, die mit der Prostitution zusammenhängen. „Wozu brauchen wir dann ein neues Gesetz?“ Sie hebt ihre rauchige Stimme, das Thema regt sie auf – vor allem die Meldepflicht für Sexarbeiterinnen. „Ein großer Teil der Frauen ist gemeldet und zahlt Steuern“, sagt Beti. Vicky entrichtet für ihren Wohnwagen Miete an eine Betreiberin, für das Grundstück gibt es eine Genehmigung zur Sondernutzung. Auch von der Kondompflicht hält Beti nichts: „Wenn, dann sollte man das den Freiern vorschreiben, nicht den Mädchen. Es sind ja die Freier, die Sex ohne Kondom wollen, nicht die Mädchen.“

Die Landesregierung erhofft sich von der Gesetzesnovelle mehr Kontrolle im Prostitutionsgewerbe: Die Sexarbeiterinnen müssen sich als solche anmelden, außerdem sind eine obligatorische Gesundheitsuntersuchung und eine Kondompflicht geplant. Laut Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) soll das Gesetz die Rechte und den Schutz der Prostituierten stärken.

Schutzlos kommt sich Vicky in ihrem Wohnwagen aber gar nicht vor. „Hier kommt öfter die Polizei vorbei“, sagt sie. „Wenn ich ein Problem hätte, würde ich es ihnen sagen. Ich habe keine Angst.“ Gefiele ihr ein Freier nicht, könne sie ihn abwimmeln und die Tür abschließen. Und nachts arbeite sie grundsätzlich nicht – nur von 12 bis 19 Uhr. Das ist die lukrativste Zeit, denn ein großer Teil von Vickys Kundschaft sind Geschäftsreisende, die spontan vorbeikommen.

Aufklärung statt Kondompflicht

Auch der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) lehnt den sogenannten Hurenausweis ab. „Wir sehen vor allem die Anmeldepflicht sehr kritisch“, sagt BesD-Sprecherin Undine de Rivière. Eine namentliche Registrierung sei schließlich für keine andere Berufsgruppe erforderlich. Eine größere Stigmatisierung von Sexarbeitern sei die Folge.

Die politische Sprecherin des BesD in Niedersachsen, Anja Kasten, sagt: „Mehr Kontrolle und Registrierung bringt nichts. Außerdem ist bisher nicht gesichert, was mit den Daten eigentlich passiert.“ Die Meldepflicht gefährde die Privatsphäre der Frauen. Kasten befürchtet, dass Frauen nach dem Ausstieg aus der Sexarbeit weiter als Prostituierte registriert sein könnten.

Die geplante Kondompflicht hält der BesD ebenso für Unsinn. Der Verband befürworte die Verwendung von Kondomen, sagt de Rivière. Aber: „Eine solche Pflicht ist unter menschenwürdigen Bedingungen nicht überprüfbar.“ Kontrollen durch Scheinfreier wie in Bayern, wo die Pflicht seit 2006 gilt, seien eine Zumutung für die Prostituierten. Beim Thema Verhütung helfe nur eins, sagt de Rivière: Aufklärung.

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