Tausende setzen in Hamburg ein Zeichen gegen rechts / Randale bei Blockaden der Linken Protest gegen Neonazi-Aufmarsch

Ein Aufmarsch von 500 Neonazis hat den Hamburger Osten einen Tag lang weitgehend lahmgelegt – und Tausende von Gegendemonstranten mobilisiert. Friedlich blieb es nicht, Straßenschlachten konnte die Polizei mit einem Großaufgebot jedoch verhindern.
11.06.2012, 13:27
Lesedauer: 2 Min
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Von Eckart Giencke, Thomas Ewald undStefan Schölermann

Ein Aufmarsch von 500 Neonazis hat den Hamburger Osten einen Tag lang weitgehend lahmgelegt – und Tausende von Gegendemonstranten mobilisiert. Friedlich blieb es nicht, Straßenschlachten konnte die Polizei mit einem Großaufgebot jedoch verhindern.

Hamburg. Noch vor Sonnenaufgang gingen gestern in Hamburg elf Fahrzeuge der nordrhein-westfälischen Polizei in Flammen auf. Das war ein unheilvoller Auftakt für einen Tag, auf den sich die Polizei mit dem größten Einsatz seit vielen Jahren vorbereitet hatte. Rund 700 Neonazis hatten sich angesagt, um im östlichen Stadtteil Wandsbek mit dem „Tag der Deutschen Zukunft“ ein Zeichen gegen Toleranz und Multikulti zu setzen.

Am Vormittag hatten auf dem mehrere Kilometer entfernten Rathausmarkt über 10000 Menschen friedlich gegen die Kundgebung der Rechtsextremen demonstriert. Diese offizielle Demonstration stand unter dem Motto „Hamburg bekennt Farbe“. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) rief unter lautem Applaus: „Wir stehen zusammen. Wir sind stolz darauf, eine weltoffene Stadt zu sein.“ Um Punkt zwölf Uhr mittags rief Scholz dazu auf, bunte Karten in die Höhe zu halten, um Farbe zu bekennen. Tausende folgten der Aufforderung. Wegen zahlreicher Musik-Acts glich die Stimmung teils einem Volksfest. Bewegend war der Auftritt der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano, die zusammen mit ihrem Sohn unter großem Applaus jüdische Volkslieder sang. Die 87-Jährige ist eine der letzten Überlebenden des einstigen Mädchenorchesters von Auschwitz.

Sitzblockade gleich zu Beginn

Der Marsch der Rechtsextremisten durch Wandsbek startete nachmittags mit stundenlanger Verspätung. Ein Teil der Neonazis hatte die Anreise in die Hansestadt zu spät angetreten. Dass sie in Wandsbek ebenso unwillkommen waren, wie im Rest der Elbmetropole, wurde gleich zum Auftakt ihrer Demonstration deutlich. Beherzte Neonazigegner ließen sich kurz vor Veranstaltungsbeginn auf jener Kreuzung zu einer Sitzblockade nieder, von der aus der braune Marsch starten sollte. Eine erneute Verzögerung war die Folge. Hamburgs Polizei ging behutsam gegen die Blockierer vor: „Haken Sie sich nicht unter, dann tut es auch nicht weh“, sagte der Einsatzleiter, bevor er die Protestler forttragen ließ. Für den Versammlungsleiter der rechtsextremen Demo, den seit Jahrzehnten aktiven Neonazikader Thomas Wulff aus Hamburg, war dies Anlass für seine erste Hetzparole. „Da sieht man mal, was dabei herauskommt, wenn Fremdländer deutsches Recht brechen“, brüllte er.

Es sollte nicht die einzige Blockade bleiben: Insgesamt viermal wurde der rechte Aufmarsch durch Sitzblockaden unterbrochen, die Polizei reagierte mit sanftem Druck. Nur einmal mussten die Sicherheitsbehörden massiv eingreifen, um die Straße für den rechten Aufmarsch zu räumen. Den Beamten flogen Steine, Flaschen und Pyrotechnik entgegen. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein.

Zwar konnten die Neonazis am Ende rund zwei Kilometer marschieren, doch die Enttäuschung über die geringe Teilnahme war in ihren Gesichtern abzulesen. Es war nach Neumünster und Lübeck die dritte Demonstration, deren Teilnehmerzahl weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Im niedersächsischen Bad Nenndorf wird man diese Entwicklung besonders aufmerksam verfolgen. Dort wird Anfang August der nächste rechtsextreme Aufmarsch im Norden erwartet.

Am Ende ihrer Demo in Hamburg kündigten die Neonazis ihren nächsten „Tag der deutschen Zukunft“ des Jahres 2013 in Wolfsburg an. Doch offenkundig ist es um die Mobilisierungsfähigkeit im rechten Lager ähnlich bestellt, wie um die Qualität der Luftballons, die die rechte Szene gestern in Hamburg als Werbegag aufsteigen ließ: Die Luft ist raus.

Der Autor Stefan Schölermann ist Redakteur bei NDRInfo.

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