Gelbe Klumpen verschmutzen die Strände Protest gegen Paraffin-Verklappung

Norderney. Sie finden sich in Teelichtern, Vaseline oder Käserrinde – und manchmal auch an den Nordseestränden. Die Inselkommunen beklagen den häufig sorglosen Umgang mit Paraffinen.
18.08.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Martin Wein

Sie finden sich in Teelichtern, Vaseline oder Käserrinde – und manchmal auch an den Nordseestränden. Die Inselkommunen beklagen den häufig sorglosen Umgang mit Paraffinen. Unter gewissen Umständen ist ihre Abgabe ins Meer durch Tankschiffe sogar erlaubt und verursacht an den Stränden erhebliche Reinigungskosten. Jetzt soll die EU diese Praxis verbieten.

Es war eine unangenehme Beobachtung, die Strandaufseher des Staatsbads Norderney am 18. Juni am Nordstrand der Insel machten. Bis zu zehn Zentimeter lange, schmutzig gelbe Wachsklumpen, mit Sand vermengt, trieben im Spülsaum. Im Lauf des Tages trieb immer mehr Paraffin an den Strand – und das auf einer Länge von acht Kilometern. „Wir haben für solche Fälle ein spezielles Strandreinigungsgerät. Das kann schon einiges aufnehmen“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer der Staatsbad Norderney GmbH, Hans Emmius Rass. Weil an diesem Tag aber die Flut besonders hoch auflief, spülte das Zeug direkt bis auf die Promenade und verklebte dort. Rund 40 Helfer waren nötig, um alles einzusammeln, abzuwaschen und wegzureiben. Der Landkreis Aurich übernahm schließlich kostenfrei die Entsorgung der sechs Tonnen Paraffin. Die Stadt erstattete Strafanzeige gegen Unbekannt wegen des Verdachts auf eine Umweltstraftat. „Wir haben die Kosten. Und die Ermittlungen verlaufen im Sande“, zieht Touristiker Rass knapp zwei Monate später unerfreut Bilanz.

Immer wieder haben deutsche Küstenorte mit angeschwemmtem Paraffin an ihren Stränden zu kämpfen. Erst im März wurden auf Sylt gleich 56 Tonnen an sämtliche Strände geschwemmt. Sechs Tage lang waren der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN), das Havariekommando in Cuxhaven und die Sylter Gemeinden im Einsatz, um alles wieder einzusammeln.

Als sogenannte Bulkware haben viele Tanker den flüssigen Stoff geladen, der bei der Erdölverarbeitung entsteht. Mit der Reinigung ihrer Tanks gerät er ins Meer – und das unter bestimmten Umständen völlig legal. Zwar stufte die Internationale Schifffahrtsorganisation (IMO) Paraffin vor zehn Jahren als umweltgefährdend ein, auch weil sie giftige Beimischungen enthalten können. Außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone ist eine Einleitung von Rückständen nach einem Vorwaschverfahren aber zulässig, wenn das Wasser mindestens 25 Meter tief und das Schiff mit mindestens sieben Knoten unterwegs ist. So soll eine rasche Verteilung möglicher Rückstände sichergestellt werden. Allerdings sind Paraffine nicht wasserlöslich. Im Nordseewasser verklumpen sie und treiben häufig an der Oberfläche.

In Schleswig-Holstein reagierten die Verantwortlichen der Kommunen empört auf den jüngsten Zwischenfall. Die Insel- und Halligkonferenz, ein Zusammenschluss der Inselgemeinden, fordert in einer Resolution von der Europäischen Kommission und den EU-Mitgliedsstaaten, die Entsorgung von Paraffinen und anderen ölhaltigen Rückständen in den Meeren gänzlich zu untersagen. Auch eine Änderung der weltweit gültigen IMO-Richtlinie sei anzustreben. Die Kosten, die ein Verursacher durch die Einleitung einspare, würden nur auf die Küstengemeinden verlagert. Zudem verklebten Paraffine Seevögeln das Gefieder ähnlich wie Rohöl und lagerten sich auch in deren Magen ab. Die Tiere könnten dann nicht mehr sicher schwimmen und fliegen und verendeten an Erschöpfung oder Unterkühlung, heißt es in dem Papier. Schleswig-Holsteins grüner Umweltminister Robert Habeck fordert noch plakativer: „Nulltoleranz gegen die Nutzung unserer Meere als Müllkippe.“ Auch auf Norderney staunt man, dass Paraffine überhaupt noch ins Meer gelangen dürfen. „Jedes kleine Fährschiff muss seine WC-Fäkalien heute an Land entsorgen. So etwas darf man doch wohl auch von einem kommerziellen Tanker erwarten“, findet Hans Emmius Rass. Und auch Bürgermeister Frank Ulrich hält die aktuelle Regelung für „völlig unverständlich“.

Allerdings könnte auch ein Verbot schwarze Schafe nicht wirklich zuverlässig von Einleitungen abhalten. Schon bei Einhaltung der jetzigen Vorschriften ist eine Freisetzung in diesem Umfang kaum möglich. Allerdings führen die meisten in Frage kommenden Schiffe unter ausländischer Flagge, die Ermittlungen seien mithin schwierig, heißt es bei der für Norderney zuständigen Wasserschutzpolizei in Wilhelmshaven. Immerhin gelang den dortigen Beamten jüngst in einem anderen Fall ein Erfolg. Dem Kapitän und dem Ersten Offizier eines unter Flagge der Cayman-Inseln fahrenden Chemikalien-Tankers konnten sie die illegale Verklappung von 439 Liter Methyl-Alkohol in spanischen Gewässern nachweisen. Die Verantwortlichen konnten allerdings nicht dingfest gemacht wurden. Sie hatten das Schiff bereits verlassen.

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