Von Abschiebung Bedrohte machen auf ihre Lage aufmerksam Protestcamp der Flüchtlinge

Göttingen. Jamila Farzaie floh aus Afghanistan, weil sie mit einem 30 Jahre älteren Halbcousin zwangsverheiratet werden sollte. „Er hat mich am Telefon immer wieder terrorisiert“, sagt die 29-Jährige.
05.04.2014, 00:00
Lesedauer: 1 Min
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Von Reimar Paul

Jamila Farzaie floh aus Afghanistan, weil sie mit einem 30 Jahre älteren Halbcousin zwangsverheiratet werden sollte. „Er hat mich am Telefon immer wieder terrorisiert“, sagt die 29-Jährige. „Als er mir dann gedroht hat, mich mit Säure zu übergießen, bin ich untergetaucht.“ 2009 kam Jamila nach Deutschland. Politisches Asyl hat sie nicht erhalten, nur Duldungen, die alle paar Monate von der Behörde verlängert werden müssen. „Ich leide an Nervosität, Depressionen, einer posttraumatischen Belastungsstörung und habe ständig Angst davor, abgeschoben zu werden.“

Die Afghanin erzählt ihre Geschichte vor einem großen, rund 30 Quadratmeter großen Zelt, das vor der Göttinger Innenstadtkirche St. Jacobi steht. Das Zelt ist Mittelpunkt und Blickfang eines Protestcamps, mit dem Flüchtlinge aus Göttingen und Nachbargemeinden seit gestern auf ihre Situation aufmerksam machen wollen. An der Zeltwand hängen Transparente, ein Aktivist verteilt Flugblätter an Passanten, rund ein Dutzend Asylbewerber und ihre Unterstützer sitzen vor der Kirche.

In dem Camp wollen die Flüchtlinge auch mit Einwohnern ins Gespräch kommen, sagt Babak Khoram Yousefi. Der 39-jährige Iraner, seine Frau Fatema (35) und die gemeinsame Tochter Mana (10) sind nach eigenen Angaben ebenfalls von Abschiebung bedroht. Das Paar konvertierte vor Jahren zum Christentum. Heimlich, wie Babak betont, „denn nicht an den Islam zu glauben, ist bei Todesstrafe im Islam verboten.“

Als 2013 der Pfarrer der kleinen Gemeinde verhaftet wird, taucht die Familie zunächst in Teheran unter; dort helfen Verwandte bei der Flucht ins Ausland: Über die Türkei und Italien nach Deutschland, wo die Familie Asyl beantragt. Aber der Antrag wird abgelehnt. „Die Behörden interessierten sich nicht für unsere Fluchtgründe, sondern nur für die Fluchtroute“, sagt Babak. „Weil wir über Italien gekommen sind, wurde uns gesagt, dass dieses Land für uns zuständig ist“.

Mana besucht eine Grundschule. „Ich habe in den letzten sieben Monaten Deutsch gelernt und kann mit allen reden“. Nur das Ausleihen von Büchern in der Stadtbibliothek bleibt dem Mädchen verwehrt: „Weil unsere Duldung ausgesetzt ist, und für eine Anmeldung in der Bibliothek brauche ich mindestens eine dreimonatige Duldung.“

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