Gericht verhandelt gegen 48-jährigen Sexualstraftäter

Prozess um Mord beim Freigang

Verden/Rehburg-Loccum. Der Fall, der ab Mittwoch vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Verden verhandelt wird, hat hohe Wellen bis hinein in den niedersächsischen Landtag geschlagen und den sogenannten Maßregelvollzug einmal mehr, und besonders gründlich, auf den Prüfstand gebracht. Denn der Mann, der vor fast genau einem Jahr im Klostergarten in Rehburg-Loccum (Kreis Nienburg) eine 23-Jährige Frau ermordet haben soll, befand sich in eben diesem Maßregelvollzug und hatte zur angenommenen Tatzeit unbegleiteten ­Ausgang.
27.09.2016, 00:00
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Von Angelika Siepmann

Verden/Rehburg-Loccum. Der Fall, der ab Mittwoch vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Verden verhandelt wird, hat hohe Wellen bis hinein in den niedersächsischen Landtag geschlagen und den sogenannten Maßregelvollzug einmal mehr, und besonders gründlich, auf den Prüfstand gebracht. Denn der Mann, der vor fast genau einem Jahr im Klostergarten in Rehburg-Loccum (Kreis Nienburg) eine 23-Jährige Frau ermordet haben soll, befand sich in eben diesem Maßregelvollzug und hatte zur angenommenen Tatzeit unbegleiteten ­Ausgang.

Wie konnte das geschehen? Auch dieser Frage wird das Gericht nachzugehen haben. Zumal dem Angeklagten, Jahrgang 1968, auch noch Sicherungsverwahrung bevorstand. Das Landgericht Aurich hatte ihn im Januar 2012 wegen Vergewaltigung in zwei Fällen zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und zehn Monaten verurteilt. Gleichzeitig ordnete das Gericht die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. Er kam zwecks Maßregelvollzugs in das Fachkrankenhaus für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie, der zentralen niedersächsischen Einrichtung zur Behandlung alkoholkranker Straftäter.

Die Auricher Richter hatten auch die spätere Sicherungsverwahrung für angezeigt gehalten. Darauf will nun auch die Staatsanwaltschaft Verden hinaus. Sie geht davon aus, dass der Angeklagte ein „Psychopath mit sexuellem Sadismus“ ist, der sich auf „Vergewaltigung mit Würgen bis zur Bewusstlosigkeit spezialisiert“ hat und weitere Gewaltdelikte dieser Art begehen könnte. Als mutmaßlicher Mörder der 23-Jährigen war der Mann erst Mitte April festgenommen worden – rund sieben Monate nach dem Loccumer „Kloster-Mord“. Bei der Suche nach dem Täter soll es Versäumnisse gegeben haben. So sollen Ermittler Hinweisen aus der Klinik zunächst nicht nachgegangen sein.

Laut Anklageschrift hat der heute 48-Jährige die junge Frau am 12. September vergangenen Jahres zwischen 14.40 und 17 Uhr „zur Befriedigung des Geschlechtstriebes oder aus sonstigem niedrigem Beweggrund“ getötet. Er soll sein Opfer auf dem Pilgerweg „überfallartig gepackt“ und zu Boden gebracht haben. Bereits zu diesem Zeitpunkt habe er beabsichtigt, die sich wehrende Frau zu vergewaltigen und danach umzubringen. Er habe die Frau „fixiert“ und dann so heftig gewürgt, dass sie starb. Die unbekleidete Leiche soll er mit Farnkraut und Ästen abgedeckt, ihre persönlichen Gegenstände an einem unbekannten Ort entsorgt haben. Gegen 17.30 Uhr sei er in den Maßregelvollzug zurückgekehrt. Sein Opfer wohnte dem Vernehmen nach ganz in der Nähe der Klinik. Die Leiche war neun Tage später entdeckt worden.

An diesem 12. September war dem Angeklagten nach den Ermittlungen von 12 bis 20 Uhr Ausgang ohne Begleitung gewährt worden, angeblich nicht zum ersten Mal. Erst im Mai soll ein 36-Jähriger aus dem Maßregelvollzug in Moringen bei Göttingen während eines Freigangs eine 73-jährige Rentnerin in ihrer Wohnung in Wunstorf ausgeraubt und mit Messerstichen schwer verletzt haben. Ende Mai war ein Insasse der Hildesheimer Klinik seinem Betreuer entkommen. Für den niedersächsischen Maßregelvollzug mit insgesamt zehn Einrichtungen ist das Sozialministerium zuständig. Und so geriet vor allem Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) in den Fokus.

Rücktrittsforderungen von Seiten der CDU wies Rundt vehement und als „albern“ zurück. Die bestehenden Lockerungen im Maßregelvollzug stammten noch aus der Zeit ihrer CDU-Vorvorgängerin, hatte sie gegenüber dem WESER-KURIER erklärt. Konsequenzen aus den Vorfällen ließen indes nicht lange auf sich warten.

Schon Anfang Mai wurde bekannt, dass therapeutische Lockerungen für Schwerverbrecher künftig von einem neuen „Kompetenzzentrum“ juristisch geprüft und im Einzelfall auch abgelehnt werden können. Das Expertenteam aus Juristen soll Anfang kommenden Jahres als „zusätzliche Kontrollinstanz“ seine Arbeit aufnehmen und dabei auch psychiatrische Gutachten beleuchten. Die Verlässlichkeit der Gutachten müsse besonders hinsichtlich der potenziellen Gefährlichkeit der Patienten und der Sicherheit der Bevölkerung „erhöht“ werden, hieß es aus der Sozialbehörde.

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