Kinderforscherzentrum in Lilienthal

Raum zum Experimentieren

Im neuen Kinderforscherzentrum Lilienthal wird die Welt nicht einfach erklärt, stattdessen fordern Umgebung und ­Material dazu heraus, sich intensiv mit ihr zu beschäftigen.
05.06.2016, 00:00
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Von Petra Scheller
Raum zum Experimentieren

Viele Möglichkeiten zum Ausprobieren: Der 13-jährige Merlin an der Zahnradwand.

Henning Hasselberg

Im neuen Kinderforscherzentrum Lilienthal wird die Welt nicht einfach erklärt, stattdessen fordern Umgebung und ­Material dazu heraus, sich intensiv mit ihr zu beschäftigen.

Einmal eingetaucht in Kalis Werkstatt, erklärt sich die Welt mit ihren Phänomenen und Wundern quasi von selbst. „Manchmal gerät der Mond zwischen Sonne und Erde, wenn man dann hier wohnt, gibt es genau an eben dieser Stelle eine Sonnenfinsternis“, Peter Kreuzberg, Dozent für Astronomie an der Kinderakademie Lilienthal erklärt eine drehbare Sternkarte. Sie zeigt den Sternhimmel über Mitteleuropa. Für jeden Tag und jede Stunde des Jahres.

Gemeinsam mit 199 anderen Mitmachstationen erhielt die dreidimensionale Sternkarte jetzt einen neuen Platz in Kalis Werkstatt. So heißt das Kinderforscherzentrum der Lilienthaler Bürgerstiftung mit Experimentierstationen zu Themen wie Mechanik, Akustik, Optik, Luft, Robotik und Wahrnehmung. Es steht auf den Grundmauern der alten Torfscheune von Johann Hieronymus Schroeter, dem Astronomen, dem Lilienthal bis heute Weltruhm verdankt.

Die Bürgerstiftungsvorsitzende Christa ­Kolster-Bechmann weihte das neue Forscherzentrum feierlich ein – passend zum 10. Geburtstag der Kinderakademie Kali-Schlauwuchs, die 2006 von engagierten Bürgerinnen und Bürgern Lilienthals ins Leben gerufen worden war. Die Schirmherrschaft für das neue Projekt der Kinderakademie übernimmt Professor Joachim Treusch. Dem Physiker und Wissenschaftsmanager, der bis 2012 Präsident der Jacobs University Bremen war, liegt etwas am Gelingen der Kinderforscherzentrums-Idee.

Aushängeschild für Lilienthal

Die Bürgerstiftung Lilienthal weise mit ihrem Engagement und ihrem Leitsatz „Bildung ist der Rohstoff des 21. Jahrhunderts“ in eine lebenswerte Zukunft. Bildungsförderung sei in ihrer Satzung verankert. „Ein besseres Aushängeschild für Lilienthal gibt es nicht“, beschreibt der Schirmherr seine Motivation mit einzusteigen. 50 000 Euro warb Treusch dafür über die Hanauer Wilhelm und Else Heraeus-Stiftung ein. Weitere 30 000 Euro spendete der Physiker Karl-Hans Herbst.

„Talente bei Kindern können sich nur entfalten, wenn sie rechtzeitig wahrgenommen und sich entwickeln können“, unterstreicht Psychologin Christa Kolster-Bechmann. ­Kinder seien „besessene, rücksichtlose Entdecker, hochtourige Lerner, elementare Naturforscher von Anfang an, die wissen wollen, was die Welt zusammenhält.“

Die ­interaktiven Mitmachstationen aus Lilienthal nach dem Modell der Flensburger ­Miniphänomenta werden bereits seit 2006 von Dozentinnen und Dozenten der Kinderakademie entworfen und gebaut, auch Schülerinnen und Schüler unterstützen bei den Ausführungen. In Kalis Werkstatt sollen ­Erfahrungsdefizite ausgeglichen und Kinder für naturwissenschaftliche Phänomene begeistert werden.

Angebot soll wachsen

Seit 2007 reist die Lilienthaler Miniphänomenta bereits durch Norddeutschland. Rund 20 000 Kinder und Erwachsene haben bis heute an ihnen gearbeitet. Aufbewahrt wurden die Exponate in den Räumen der Bürgerstiftung im Conrad-Naber-Haus. Dort organisieren Ehrenamtliche täglich Mittagstisch und Hausaufgabenhilfe für Kinder aus bildungsfernen Familien. Sie bieten Nachhilfe, Fördergruppen, Workshops und Spielmöglichkeiten. Viel Angebot auf wenig Raum. Auch wenn die Miniphänomenta auf Wanderschaft war, platzte das Conrad-Naber-Haus aus allen Nähten.

Vor drei Jahren bewarb sich die Bürgerstiftung deshalb um die freigewordenen Räume des Lilienthaler Heimatvereins. Heute hält sie immerhin einen mietfreien Pachtvertrag über zehn Jahre in den Händen. 60 000 Euro musste die Stiftung allerdings in die Sanierung des Gebäudes stecken. So verlangt es der Vertrag mit der Gemeinde. Unterhaltskosten wie Heizung, Strom und Wasser müssen ebenfalls von der Stiftung getragen werden. „Es gibt viele, die nicht verstehen können, dass die Bürgerstiftung die einzige Einrichtung in Lilienthal ist, die diese Bedingungen auferlegt bekommen hat“, kritisiert Kolster-Bechmann.

Doch trotz aller Hürden solle das Angebot für Kinder und auch für Erwachsene zukünftig ausgebaut werden. So könnte die Lilienthaler Miniphänomenta wohl bald auch für Ausbildungszwecke bei der ­Lehrerausbildung behilflich sein. Zurzeit finden Gespräche mit der Professorin des Fachbereiches Erziehungs- und Bildungswissenschaften für Interdisziplinäre Sachbildung an der Universität Bremen, Meike Wulfmeyer, statt. ­Geforscht werde dann nicht nur an den ­Stationen, sondern auch mit ihnen, so heißt es.

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