Bevölkerung und Politik suchen nach Wegen, die Geschichte aufzuarbeiten / Städtepartnerschaft mit Daressalam

Relikte aus der Kolonialzeit

Hamburg kämpft mit seinem kolonialen Erbe. In der Hansestadt zeugt viel von der brutalen Kehrseite des Welthandels vor rund 100 Jahren. Auch Hagenbecks Tierpark mit seiner Völkerschau ist Teil dieser Geschichte. Mit einem kolonialen Erinnerungskonzept möchte die Stadt nun ihre Geschichte aufarbeiten.
27.01.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von JOHANNA TYRELL

Hamburg kämpft mit seinem kolonialen Erbe. In der Hansestadt zeugt viel von der brutalen Kehrseite des Welthandels vor rund 100 Jahren. Auch Hagenbecks Tierpark mit seiner Völkerschau ist Teil dieser Geschichte. Mit einem kolonialen Erinnerungskonzept möchte die Stadt nun ihre Geschichte aufarbeiten.

Ob Tropeninstitut, Völkerkundemuseum, Hafen, Hagenbecks Tierpark oder die Universität: „In Hamburg kann man keine 200 Meter laufen, ohne über ein Relikt aus der Kolonialzeit zu stolpern. Vorausgesetzt man weiß es natürlich“, sagt Professor Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg. Doch dieses Wissen sei häufig nicht vorhanden. Die Sensibilisierung in der Bevölkerung fehle. „Schon allein dass vor nicht allzu langer Zeit in der Hafencity ein Platz nach dem portugiesischen Seefahrer Vasco da Gama benannt wurde, ist ein Beleg dafür“, sagt der Historiker. Gerade hat er mit dem Sammelwerk „Kein Platz an der Sonne“ die deutsche Kolonialgeschichte aufgearbeitet – ein bisher in ganz Deutschland wenig beachtetes Kapitel.

Das soll sich in Hamburg ändern. Seit einiger Zeit schon, gibt es an der Elbe eine wachsende Diskussion über die deutsche Kolonialgeschichte und ihren Umgang damit. „Hamburg hatte als Hafen- und Handelsmetropole lange eine enge und recht unrühmliche Verbindung zu den afrikanischen Kolonien“, erklärt Enno Isermann, Sprecher der Hamburger Kulturbehörde.

Diskussion um die Vergangenheit

Als 2010 die Städtepartnerschaft mit dem tansanischen Daressalam geschlossen wurde, begann sich jedoch auch die Politik stärker mit dem Thema zu beschäftigen. Momentan läuft die Abstimmungsphase über ein koloniales Erinnerungskonzept für Hamburg. Die Bürgerschaft hat sich bereits einstimmig dafür ausgesprochen. „Das ist schon etwas Besonderes“, sagt Isermann. In den nächsten Wochen wird das fertige Konzept erwartet.

Die Spuren der Kolonialgeschichte sind in der Hansestadt auf vielfältige Weise sichtbar. So wurde zum Beispiel die Universität Hamburg 1908 als Kolonialinstitut gegründet. Hagenbecks Tierpark hatte jahrelang eine „Völkerschau“, in der Menschen verschiedener afrikanischer Völker ausgestellt und bei ihrem alltäglichen Leben vom Publikum beobachtet werden konnten. „Die Völkerschau-Truppe musste nur fremd genug wirken, um das Publikum anzuziehen“, ist in Zimmerers Buch zu lesen.

An der Ende der 90er Jahren geschlossenen Lettow-Vorbeck-Kaserne, benannt nach dem deutschen Kommandeur der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika und späteren Bremer, thronen noch heute Büsten ihres Namensgebers. Das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin wurde 1910 vor allem gegründet, um Seeleute und Kolonialbeamte zu behandeln. Auch viele Objekte im Museum für Völkerkunde stammen aus den ehemaligen deutschen Kolonien. „60 bis 70 Hamburger Straßennamen haben eine Beziehung zum deutschen Kolonialismus“, sagt Jürgen Zimmerer.

Erklärende Informationen zu historischen Zusammenhängen und Hintergründen sucht man vergebens. Doch die Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte ist wichtig. „Wenn wir verstehen wollen, mit was für einem Selbstverständnis Europa heute mit der Welt umgeht, dürfen wir die Kolonialzeit nicht verdrängen“, so der Historiker. Doch viele europäische Länder scheuen sich, das Thema wirklich anzugehen. „In Deutschland wird die Zeit entweder romantisiert oder aber verdrängt, nach dem Motto: Nicht das auch noch – wir haben doch schon das Dritte Reich“, sagt Zimmerer.

Bremen hat bereits mit der Aufarbeitung seiner Kolonialgeschichte begonnen – wenn auch eher sporadisch durch die Umbenennung des Kolonialelefanten im kleinen Deetjen-Park hinter dem Hauptbahnhof. Das sieben Meter hohe Monument aus Backstein erinnerte ursprünglich an die im Ersten Weltkrieg verloren gegangenen deutschen Kolonien. Heute ist der Elefant offizielles Antikolonialdenkmal.

Ende der 80er Jahre erhielt es, nach einem Beschluss der Bürgerschaft, eine Tafel mit der Aufschrift „Für Menschenrechte, gegen Apartheid“. 1996 wurde, anlässlich eines Besuchs des damaligen namibischen Staatspräsidenten Sam Nujoma eine weitere Tafel angebracht: „Zum Gedenken an die Opfer der deutschen Kolonialherrschaft in Namibia, 1884 bis 1914“ ist nun darauf zu lesen. Viel mehr würde sich derzeit jedoch nicht mit dem Thema beschäftigt, heißt es aus der Bremer Kulturbehörde. Einzig im Überseemuseum ist das Thema durch die Herero-Sammlung oder die derzeitige Afrika-Ausstellung immer wieder präsent. „Besonders was Namibia angeht, sind wir hier in Bremen recht wach. Sicherlich auch aus einer historischen Verantwortung heraus“, sagt Museumsdirektorin Professor Wiebke Ahrndt.

In Hamburg häufen sich besonders in Wandsbek und Jenfeld die kolonialen Straßennamen. Namensgeber sind – noch – beispielsweise der Sklavenhändler Heinrich Carl Schimmelmann oder Deutsch-Ostafrika-Militärs. „Die Kolonialzeit muss in einen Kontext gebracht werden“, fordert Zimmerer. „Wir bauchen kein neues Denkmal, sondern vielmehr eine lebendige Aufarbeitung.“ Er könnte sich beispielsweise vorstellen, Doktoranden-Stipendien an tansanische Studenten zu vergeben, die dann bei der Aufarbeitung der Hamburger Kolonialgeschichte mithelfen könnten.

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