Grabungen in Gorleben „Republik Freies Wendland“ soll wissenschaftlich erforscht werden

Die zum Protest gegen die Errichtung eines Atomendlagers in Gorleben errichtete Republik Freies Wendland bestand genau 33 Tage. Nun soll die ehemalige Siedlung wissenschaftlich erforscht werden.
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Von Reimar Paul

Die zum Protest gegen die Errichtung eines Atomendlagers in Gorleben errichtete Republik Freies Wendland bestand genau 33 Tage. Nun soll die ehemalige Siedlung wissenschaftlich erforscht werden.

Die Republik Freies Wendland bestand 33 Tage. Am 3. Juni 1980 besetzten mehrere Tausend Atomkraftgegner die Tiefbohrstelle 1004 im Gorlebener Wald und errichteten dort ein Hüttendorf. Mit dem bis dahin größten Polizeieinsatz in der Geschichte der Bundesrepublik wurde es am 4. Juni geräumt. Jetzt soll die ehemalige Siedlung, mit der die einstmaligen Bewohner gegen die Untersuchung des Gorlebener Salzstocks auf seine Endlagertauglichkeit protestierten, wissenschaftlich erforscht werden.

Die Universität Hamburg hat dem Archäologen Attila Dézsi dafür ein zweijähriges Promotionsstipendium bewilligt. Der 28-Jährige will rekonstruieren, wie die Republik Freies Wendland aufgebaut war und wie der Alltag der Besetzer dort aussah. Zeitgeschichtliche Archäologie nennt sich der neue Forschungszweig. Hier können, anders als in der klassischen Altertumsforschung, auch Fotos und lebende Zeitzeugen herangezogen werden.

Alltag der Besetzer soll erforscht werden

In dieser ersten Projektphase will Attila Dézsi außerdem Menschen befragen, die zeitweise oder die ganze Zeit in dem Hüttendorf lebten. Alltags hielten sich ständig 300 bis 500 Menschen auf dem Platz auf, an den Wochenenden waren es erheblich mehr, während der Pfingstfeiertage sogar 5000.

Auch sollen die Interviewpartner vom Alltagsleben der Besetzer erzählen und aus ihrer Erinnerung Skizzen des Camps zeichnen. Durch diese Informationen erhofft sich der Doktorand einigermaßen verlässliche Rückschlüsse über den Aufbau und die Ausmaße des Dorfes auf der Bohrstelle 1004.

Wo genau befand sich der grün-gelbe Schlagbaum, der die „Grenze“ zur Republik Freies Wendland markierte? Wo das kleine Holzhäuschen mit der Aufschrift „Einreise“, in dem sich Neuankömmlinge einen „Wenden-Pass“ ausstellen lassen konnten, der neben dem Namen, dem Geburtsdatum, der Augenfarbe und die vorgedruckten Angaben „Lebenseinstellung: positiv“ und „Denkfähigkeit: gut“ enthielt.

Struktur in das Gewirr bringen

In das schon damals fast unüberschaubare Gewirr von Hütten will Dézsi im Nachhinein Struktur bringen: Nahezu alle Baustile waren vertreten, es gab schicke Rundhäuser mit Dachterrassen, Häuser aus Holz, Stroh und Glasflaschen, Indianerzelte, Erdlöcher. Etwas abseits stand eine Batterie von Latrinen – Löcher mit darüber gelegten Holzbrettern die primitiveren, Holzgestelle mit Sitzbalken und Dach die komfortableren.

Hoffnung auf Überreste

Projekt-Phase 2 will Dézsi dann im Frühjahr einläuten. Aus den Ergebnissen des Quellenstudiums und der Befragungen will er mittels moderner geophysikalischer Prospektionstechniken eine Verdachtsfläche ermitteln, die für die folgenden Ausgrabungen besonders reichen Ertrag verspricht. Die Grabungen selbst – geplant ist auch ein Pressetag mit öffentlicher Grabung – sollen im Sommer 2017 beginnen.

„Trotz der groben oberflächlichen Räumung des Camps haben sich vermutlich tiefere Baueingriffe von größeren Hütten und Türmen sowie aufgelassene Kleinfunde erhalten“, beschreibt Dézsi die Situation an der von ihm bereits inspizierten Grabungsstätte. Es gebe Hoffnung, Überreste etwa von Hütten, Gebrauchs- und Ausrüstungsgegenständen, Küchenutensilien und Fahnen zutage zu fördern. Die Erbauer der Republik Freies Wendland nutzten vielfältiges Material.

Zwar dürften herumliegendes Brandholz und abgebrochene Äste, zum Verfugen benutztes Moos, Erde und Zweige sowie das von Bauern anhängerweise gelieferte Stroh längst verrottet ein. Doch mit gespendetem Geld wurden Werkzeug, Teerpappe und Nägel eingekauft. Auch alte Fenster, Draht und mitgebrachte Gummi- und Plastikplanen fanden Verwendung – das „Haus der Akrobaten“ bestand fast ausschließlich aus ausgedienten Glasfenstern- und -türen, das „Frauenhaus“ aus Glasflaschen.

Enge Absprache mit der Bevölkerung

Bei den Grabungen hilft ein Team von Studierenden. Für die abschließende Auswertung und Einordnung der Funde setzt Dézsi auf den Ansatz der „Community Archäologie“: Anwohner und Zeitzeugen aus der Anti-Atom-Bewegung werden in regelmäßigen Abständen in den Forschungsprozess einbezogen, um Zwischenergebnisse und das weitere Vorgehen zu diskutieren und eigene Vorstellungen einzubringen. Besonders die Präsentation und Nutzung der historischen Erkenntnisse soll in enger Absprache mit der Bevölkerung erfolgen, kündigt der Wissenschaftler an.

Und noch auf einen weiteren Aspekt legt Dézsi Wert: Bei seinem Forschungsgegenstand handele es sich „nicht um eine abgeschlossene Vergangenheit“. Die Politik setze weiter auf die Möglichkeit, den Salzstock als Endlager für Atommüll herzurichten: „In Gorleben ist die Geschichte noch nicht zu Ende.“

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