Züchter-Gruppe bewahrt Alt-Oldenburger vor dem Aussterben Retter einer alten Pferderasse

Jade. Die Ostfriesischen und Alt-Oldenburger Pferde waren um 1900 ein norddeutscher Exportschlager, in halb Europa zogen sie Kutschen. Heute sind die schweren Warmblüter eine Rarität.
06.10.2012, 05:00
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Von Berit Böhme

Jade. Die Ostfriesischen und Alt-Oldenburger Pferde waren um 1900 ein norddeutscher Exportschlager, in halb Europa zogen sie Kutschen. Heute sind die schweren Warmblüter eine Rarität.

Auf den muskulösen Schultern von Tammo, Ervin und Ede liegt eine große Last. Die Hengste gehören zu den letzten Exemplaren ihrer Art. Dabei seien die Pferde die idealen Gefährten für Freizeitreiter und Fahrer, meint Kirsten Erwentraut. Auf ihrem Carlshof in Jade (Kreis Wesermarsch) leben sechs der selten gewordenen Tiere. Züchter wie Erwentraut versuchen, die einst populäre Pferderasse vor dem Aussterben zu bewahren – mit Erfolg.

Erwentraut ist eines von 226 Mitgliedern im 1986 gegründeten Zuchtverband für das Ostfriesische und Alt-Oldenburger Pferd. "Es geht uns nicht ums große Geld", sagt die Pferdewirtin. "Uns geht es vor allem darum, das Kulturgut und den Genpool zu erhalten." Die Pferde stehen auf der Roten Liste für alte und gefährdete Haustierrassen. Derzeit sind in den Büchern des Zuchtverbandes 220 Stuten und 27 Hengste verzeichnet. Den Gesamtbestand schätzt Geschäftsführer Peter Allhoff auf knapp 1100 Pferde.

Die schweren Warmblüter hatten ihre Hochzeit von 1890 bis 1920. Damals wurde "ein schweres und elegantes Wagenpferd" gezüchtet, das sogenannte Karossier. "In ganz Europa waren Pferde dieser Blutlinien begehrt." Nach dem Zweiten Weltkrieg brach die Zucht der Ostfriesischen und Alt-Oldenburger zusammen, viele Tiere landeten beim Schlachter. Andere wurden mit Arabern, englischen Vollblütern oder Hannoveranern gekreuzt, um sie dem Zeitgeschmack anzupassen.

Lord II sorgt für Nachwuchs

Anfang der 1980er-Jahre starteten in der Region Oldenburg erste Rückzüchtungsversuche. Während es in Westdeutschland nur eine Handvoll Stuten gab, standen im sächsischen Moritzburg noch Hengste "mit alten Blutlinien". Darunter war auch

Lord II, der seit 1987 im Westen Deutschlands für Nachwuchs sorgte. Zudem wurden Nachfahren des einstigen Exportschlagers in Dänemark, Polen und den Niederlanden aufgetrieben.

Der Nachwuchs wird nur selten künstlich gezeugt. "Man lädt die Dame auf, fährt sie zum Hengst und lässt sie zwei, drei Wochen oder länger da", sagt Kirsten Erwentraut. Den Durchschnittspreis für eingefahrene, drei- bis vierjährige Pferde be-

ziffert der Verband mit 5000 bis 6000 Euro. "Die Züchter kommen ganz gut damit zurecht."

Die schweren Warmblüter schonten auch die Brieftasche ihrer Halter, sagt Erwentraut. Sie brauchten wenig Kraftfutter, erläutert die Züchterin, die sich auf Reitangebote für Kinder und Jugendliche spezialisiert hat. "Umgänglichkeit ist das Hauptzuchtziel", sagt Peter Allhoff. Die Tiere seien gelassener als andere Warmblüter, und sie ließen sich nicht so leicht beeindrucken. "Das schöne an diesen Pferden: Sie sind wahnsinnig kooperativ und menschenfreundlich", sagt Kirsten Erwentraut. "Nach einiger Zeit sind sie wie Hunde, wenn sie eine Bezugsperson haben. Wo Freude, Spaß und Entspannung im Vordergrund stehen, sind sie klasse."

Die traditionellen Zugtiere werden jedoch auch von immer mehr Reitern geschätzt. "Bis vor zehn Jahren waren es ausschließlich Fahrpferde", sagt Allhoff. Die Gelassenheit macht die Tiere zunehmend interessant für Polizeireiterstaffeln. Die Düsseldorfer Ordnungshüter beispielsweise haben einen Wallach des Zuchtverbandes. "Sie hätten gerne mehr Pferde", sagt Allhoff. Viele Ostfriesen und Alt-Oldenburger seien allerdings zu klein für den Polizeidienst.

Ganz frei von Moden sind auch die traditionsbewussten Züchter nicht. Rappen sind momentan gefragt, Schimmel haben das Nachsehen – außer bei Hochzeitskutschen.

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