Naturschützer fordern Alternativen

Rückbau des Kernkraftwerks Unterweser ab Ende 2017?

Der Rückbau des Kernkraftwerks Unterweser könnte Ende 2017 beginnen. Das meiste Material sei nicht kontaminiert, so der Betreiber. Deshalb könnte es bald im Straßenbau verwendet werden.
14.08.2017, 20:58
Lesedauer: 3 Min
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Rückbau des Kernkraftwerks Unterweser ab Ende 2017?
Von Silke Looden

Wer den Wesertunnel bei Kleinensiel passiert, kommt unweigerlich am Kernkraftwerk Unterweser vorbei. 60 Meter hoch ragt die inzwischen ergraute Kuppel des fast 40 Jahre alten Reaktors in den Himmel. Vor sechs Jahren ging das Atomkraftwerk vom Netz. Unter dem Eindruck der Katastrophe von Fukushima beschloss Deutschland den Atomausstieg. Seither herrscht Stillstand beim „strahlenden Bruder“, wie die Anwohner das Atomkraftwerk vor ihrer Haustür nennen. Der Betreiber, Eons Atomtochter Preussen Elektra, wartet auf die Genehmigung für den Rückbau. Dieser soll rund eine Milliarde Euro kosten und bis zu 15 Jahre dauern.

„Wir gehen davon aus, dass die Genehmigung im vierten Quartal dieses Jahres erteilt wird“, sagt Almut Zyweck, Sprecherin von Preussen Elektra. Damit meint sie nicht nur die Genehmigung für den Abriss, sondern auch die Genehmigung für ein neues Zwischenlager an der Unterweser. „Das bestehende Zwischenlager reicht nicht aus“, betont die Sprecherin. Dort warten bereits ausgediente Brennelemente in Castorbehältern auf den Abtransport. In den Abklingbecken liegen 71 weitere.

Das meiste Material soll als Bauschutt entsorgt oder wiederverwendet werden

Die Entscheidung über die Rückbaugenehmigung liegt beim niedersächsischen Umweltministerium in Hannover. Ministeriumssprecher Rudi Zimmeck erklärt: „Die Prüfung der Gutachten zum Rückbau ist noch nicht abgeschlossen.“ Erst danach erfolge die Erörterung mit der Bundesaufsicht. Parallel werde aber weiter an der Genehmigung gearbeitet. „Mit einem Abschluss kann zum Ende des Jahres gerechnet werden“, meint Zimmeck. Eigentlich sollte es im Spätsommer bereits losgehen.

Der Betreiber geht davon aus, dass nur zwei Prozent der rund 200.000 Tonnen ­Material auf dem Gelände kontaminiert sind. Der große Rest soll als Bauschutt entsorgt oder im Straßenbau wieder verwertet werden. Der Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND) schlägt deshalb Alarm. Der BUND-Regionalgeschäftsführer Elbe-Weser, Bernd Quellmalz, befürchtet gar eine „unkontrollierte, bundesweite Weiterverbreitung und eine zusätzlich Gesundheitsbelastung“.

4200 Tonnen radioaktiver Abfall

Zehn Mikrosievert beträgt der Grenzwert für die Strahlenbelastung des Materials. Während es für Quellmalz keine untere Schwelle für die Gefährlichkeit ­ionisierender Strahlung geben kann, beruft sich Preussen Elektra auf das Bundesamt für Strahlenschutz, das den Grenzwert festlegt. Zehn Mikrosievert, das sei weniger als die natürliche Strahlung, die ein Mensch innerhalb einer Woche aufnehme, beruhigt die Sprecherin des Energieunternehmens. Jeder Mikrosievert sei einer zu viel, meint dagegen der BUND.

Die örtlichen Atomkraftwerkgegner ­haben vor allem ihre Zweifel an der sogenannten Freimessung. Dabei wird die Strahlung des Materials gemessen. Ist das Material „frei“ von Radioaktivität, kann es auf einer ­Deponie entsorgt oder recycelt werden. Ist das ­Material hingegen mit mehr als zehn Mikrosievert kontaminiert, soll es in den Schacht Konrad nach Salzgitter. Hans-Otto Meyer-Ott ist Sprecher der Atomkraftgegner in der Wesermarsch. Er betont: „Der Betreiber will möglichst viel Material möglichst günstig entsorgen.“

4200 Tonnen radioaktiver Abfall befinden sich nach Schätzungen des Betreibers im Kontrollbereich der Anlage. „Alles, was sich unter der Kuppel befindet, muss zunächst auf Strahlung untersucht werden, bevor es in Kisten verpackt wird“, betont die Sprecherin von Preussen Elektra. In 80 Zentimeter lange Teile sollen die Mitarbeiter in den Schutzanzügen das Innenleben des Atomkraftwerks zerlegen. 200 Menschen arbeiten noch im Kernkraftwerk. Früher, als der Reaktor noch in Betrieb war, gab es doppelt so viele Arbeitsplätze. „Die Belegschaft wird mit fortschreitendem Rückbau weiter schrumpfen“, erklärt die Unternehmenssprecherin.

BUND fordert Alternativen zum Rückbau

Der Bürgermeister der Gemeinde Stadland, zu der Kleinensiel gehört, Klaus ­Rübesamen, hat sich den Rückbau des Atomkraftwerks Würgassen an der Oberweser angesehen und ist nun erst einmal beruhigt. „Würgassen zeigt, dass es geht“, meint ­Rübesamen. Ihm ist vor allem wichtig, dass in Kleinensiel kein radioaktives Material von anderen stillgelegten Atomkraftwerken gelagert wird, wenn das zweite Zwischenlager erst einmal gebaut ist. Schließlich wird das Entsorgungsproblem mit jedem stillgelegten Atomkraftwerk in Deutschland größer werden.

Der BUND fordert, Alternativen zum Rückbau zu prüfen. Dazu zählten der ­sichere Einschluss des Gebäudes mit einem Sarkophag wie in Tschernobyl sowie die sichere Einlagerung des radioaktiven Materials in einem Bunker auf dem Gelände. Die Unternehmenssprecherin beruft sich auf das Atomgesetz und winkt ab: „Es gibt keine Alternative zum Rückbau. Wir haben den Reaktor mehr als 30 Jahre lang sicher betrieben und werden ihn auch sicher abbauen.“

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