Niedersachsen Rückkehr des Wolfs gefährdet Mufflons

Gartow. Immer mehr Wölfe gibt es in Deutschland, Jäger und Naturschützer freuen sich. Doch die Wölfe werden zur Gefahr für Mufflons, und wieder herrscht weitgehend Einigkeit: Das sei gut so, heißt es.
27.05.2013, 05:00
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Von Peer Körner

Gartow. Immer mehr Wölfe gibt es in Deutschland, Jäger und Naturschützer freuen sich. Doch die Wölfe werden zur Gefahr für Mufflons, und wieder herrscht weitgehend Einigkeit: Das sei gut so, heißt es.

Der Wolf schleicht sich an, doch das Wildschaf hat ihn bemerkt. Ein kurzer Sprint, dann bleibt es stehen und schaut sich um – ein tödlicher Fehler. Wenig später liegt im Forst von Gartow nur noch das, was der graue Jäger übrig lässt. Experten rechnen langfristig mit dem Verschwinden der Mufflons, weil die Wölfe zurückgekehrt sind. Den Wildschafen – die vor mehr als 100 Jahren aus Sardinien und Korsika nach Deutschland gebracht wurden – werde ihr angeborenes Fluchtverhalten zum Verhängnis, erklärt Wildbiologin Britta Habbe, Wolfsbeauftragte der Landesjägerschaft Niedersachsen.

"In seiner Heimat kann sich das Muffelwild auf Felsen und Klippen retten, die gibt es hier aber nicht", sagt Habbe. Im Flachland seien die Schafe mit ihren kurzen Sprints also chancenlos. Und Jäger und Fachjournalist Peter Burkhardt aus Gartow betont: "Der Wolf jagt das, was er mit möglichst wenig Aufwand erlegen kann." So stünden die Mufflons mancherorts ganz oben auf der Speisekarte der Raubtiere. Sie jagten aber auch gern Rehe, Damhirsche und Wildschweine.

"Bei uns in der Göhrde lebt das älteste Muffelwildvorkommen Deutschlands", sagt Förster und Wolfsberater Peter Pabel. Bereits 1903 wurden die Tiere in dem östlich von Lüneburg gelegenen Gebiet ausgesetzt. In der Göhrde seien aber noch keine gerissenen Mufflons gefunden worden, seit im Landkreis Lüchow-Dannenberg wieder regelmäßig Wölfe unterwegs sind, sagt Pabel. "Wir sind bislang nur Streifgebiet der Wölfe, rechnen aber damit, dass sich die Wolfspopulation hier etablieren wird. Dann ist zu erwarten, dass wir ähnliche Erfahrungen machen wie in anderen Regionen, wo der Wolf das Muffelwild dezimiert oder ausgelöscht hat." So sei im nahen Gartow der ohnehin kleine Bestand kurz vor dem Verschwinden.

Prinzipiell sei es gut, wenn der Wolf wieder ursprüngliche und naturnahe Verhältnisse herstelle, betont Pabel ausdrücklich. "Wir begrüßen die Rückkehr des Wolfes. Wir sollten uns aber rechtzeitig Gedanken über den drohenden Verlust eines sehr ursprünglichen Genpools der mittlerweile auch in ihrer Heimat selten gewordenen Wildschafe machen." Zu diese Frage liefen bereits Untersuchungen, eine Lösung sei aber noch nicht in Sicht. Das Dilemma könne möglicherweise die Haltung in einem geschützten Bereich wie einem Gehege oder die Wiederansiedlung im Mittelmeerraum lösen. "Im Gegensatz zu vielen anderen Regionen hat das Muffelwild bei uns keine gesundheitlichen Probleme wegen feuchter Böden", sagt der Förster.

Fast 200 Jahre lang war der Wolf in Deutschland ausgerottet, erst nach dem Fall der Mauer kam er zurück. Das erste Rudel entstand unweit der polnischen Grenze in der Lausitz – im Frühjahr 2000 wurden in der Muskauer Heide Wolfswelpen geboren. "Dort sind die Mufflons tatsächlich vollkommen verschwunden", bestätigt Gesa Kluth vom Wildbiologischen Büro Lupus. Dazu hätten aber die sächsischen Jäger beigetragen, betont die Zoologin. In anderen Gebieten der Region hätten sich die Schafe bislang trotz der Wölfe gehalten, würden aber von diesen stark bejagt. "Es ist noch offen, ob die Wildschafe nur stark reduziert oder komplett ausgerottet werden."

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Förster die Wildschafe in vielen Gegenden Deutschlands ausgesetzt – auch in der Lüneburger Heide und im Harz. Der Naturschutzbund NABU fordert in Nordrhein-Westfalen seit Jahren aus Natur- und Tierschutzgründen, die Art komplett abzuschießen. Das Mufflon sei als Felsinselbewohner an die weichen Böden hierzulande nicht angepasst und habe mit Hufproblemen zu kämpfen, heißt es. In Hessen sei der vom Aussterben bedrohte Brauns Schildfarn vor allem durch die Mufflons gefährdet.

Bundesweit soll es laut NABU nach Schätzungen noch rund 8000 der Wildschafe geben. Ihr Gegner formiert sich allerdings: Mittlerweile sollen hierzulande wieder bereits mindestens 150 Wölfe unterwegs sein, sagt Wildbiologin Habbe.

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