Lehrerverbände und Opposition fordern 2000 zusätzliche Pädagogen für Sprachunterricht von Flüchtlingskindern Ruf nach Sofortprogramm

Hannover. Ein Problem ist gelöst, das nächste türmt sich auf. Niedersachsens Gymnasien melden trotz des Lüneburger Lehrer-Urteils zu Beginn des neuen Schuljahres eine entspannte Personalsituation.
02.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Mlodoch

Ein Problem ist gelöst, das nächste türmt sich auf. Niedersachsens Gymnasien melden trotz des Lüneburger Lehrer-Urteils zu Beginn des neuen Schuljahres eine entspannte Personalsituation. Auf der anderen Seite fordern Lehrerverbände und Opposition deutlich mehr Stellen für Sprachunterricht sowie die Betreuung von Flüchtlingskindern in Schulen und Kindergärten. „Wir brauchen dafür 2000 zusätzliche Beschäftigte oder sogar noch mehr“, sagte Eberhard Brandt, der Landeschef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), am Dienstag in Hannover. Schnelle, wohnortnahe Sprachlernkurse seien für eine erfolgreiche Integration der Flüchtlingskinder unerlässlich. Später müsse man die Sprachförderung in den regulären Klassen fortsetzen. Die GEW rechnet in diesem Jahr mit bis zu 40 000 jungen Asylbewerbern, die in Kitas, Schulen und auf Ausbildungsplätzen unterkommen müssen.

Die Kosten für die neuen Stellen bezifferte Brandt auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Er warnte Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) allerdings davor, die benötigten Mittel durch die Streichung von anderen Bildungsmaßnahmen locker zu machen. Sonst könne die bei Lehrern, Eltern und Schülern auf Hilfsbereitschaft ausgerichtete Stimmung an den Schulen kippen. Außerdem: „Das Geld ist vorhanden, dann kann man es auch ausgeben“, meinte der GEW-Chef mit Blick

auf die sprudelnden Steuerein-

nahmen.

Eine Aktivierung von Pensionären, wie sie das Kultusministerium erwägt, lehnte Brandt ab. „Von solchen Rückrufaktionen halte ich nichts.“ Ein ehrenamtliches Engagement von ausgeschiedenen Lehrkräften sei sehr zu begrüßen, deren bezahlte Beschäftigung freilich nicht. „So lange es arbeitslose junge Lehrkräfte gibt, haben die immer Vorrang.“ Um Deutsch als Zweitsprache zu unterrichten, seien keine speziellen Anforderungen notwendig, sagte Brandt aus eigener Erfahrung. Er selbst habe als junger Lehrer Arabern erfolgreich Deutsch bei-

gebracht.

Die FDP-Landtagsfraktion forderte ebenfalls ein Sofortprogramm für Flüchtlings-kinder. Die bisherigen Bemühungen der rot-grünen Landesregierung reichten bei Weitem nicht aus. Nötig seien 100 Millionen Euro, um rund 2000 Lehrkräfte für etwa 2100 zusätzliche Sprachlernklassen einstellen zu können, meinte der liberale Schulexperte Björn Försterling. „Man kann nicht nur von Willkommenskultur reden, man muss sie auch politisch realisieren.“

Anders als FDP und der Verband der Elternräte der Gymnasien sehen Kultusministerium und auch die Lehrerorganisationen die Unterrichtsversorgung an den Gymnasien einigermaßen als gesichert an – trotz der vom Oberverwaltungsgericht (OVG) Lüneburg verordneten Wiederabsenkung der Unterrichtsverpflichtung auf 23,5 Wochenstunden. „Anlass zur Panikmache besteht nicht“, betonte Horst Audritz, der Vorsitzende des Philologenverbandes. Die Lücke von rechnerisch 740 Lehrerstellen aufgrund des OVG-Urteils sei bereits weitgehend gefüllt – durch rund 450 Neueinstellungen, durch freiwillige Mehrarbeit mit Ansammeln auf einem Arbeitszeitkonto sowie durch den Verzicht von Teilzeitkräften auf Kürzung ihres Stundenumfangs. „Die Sache ist gut gelaufen“, pflichtete GEW-Chef Brandt bei. Man müsse freilich noch den

finanziellen Ausgleich für jene Lehrer klären, die wegen ihrer zwischenzeitlichen Pensionierung keine Zeitgutschriften mehr erhalten können.

Nach Brandts Worten lässt die Gewerkschaft nun juristisch prüfen, ob auch Lehrkräfte anderer Schulformen von dem Lüneburger Richterspruch mit einer Absenkung ihrer Unterrichtsverpflichtung profitieren könnten. Die Fakten dazu soll eine von der GEW in Auftrag gegebene Arbeitszeit-

studie an rund 260 niedersächsischen Schulen geben. Dort freilich sind die beteiligten Wissenschaftler der Uni Göttingen auf das Problem „korrektur-krank“ gestoßen: Viele Lehrkräfte lassen sich mit Billigung ihrer Schulleitungen krank schreiben, um zu Hause genug Zeit für die Klausuren ihrer Schüler zu haben. Arbeitszeit oder nicht – das ist hier die Frage. In der Expertise soll laut Brandt dafür nun eine Extra-Rubrik eingeführt werden. Rechtliche oder moralische Bedenken hat der GEW-Chef nicht. Ohne Krankmeldung würden die Kollegen ihre Arbeit ja gar nicht schaffen. „Das ist doch dann eine lebenspraktische Lösung.“

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