Akute Rutschgefahr in Cuxhaven Schlickfelder im Watt: Glitschiger Gang

Vor Cuxhavens zentralem Badestrand verderben rutschige Flächen Urlaubern die Wattwanderung. Statt festen Sandwatts haben Touristen hier glänzende Aussichten auf feinkörnigen, glitschigen Schlick.
01.08.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Schlickfelder im Watt: Glitschiger Gang
Von Martin Wein

Vor Cuxhavens zentralem Badestrand verderben rutschige Flächen Urlaubern die Wattwanderung. Statt festen Sandwatts haben Touristen hier glänzende Aussichten auf feinkörnigen, glitschigen Schlick.

Für feine Sandrippeln, von jeder Nordseeflut neu geformt, die die nackten Füße des Wanderers sanft massieren, ist das Watt vor Cuxhaven weithin bekannt. In diesem Sommer suchen Urlauber in Niedersachsens wichtigster Feriendestination dieses Naturerlebnis allerdings häufig vergebens.

Ausgerechnet vor dem Hauptstrand in Duhnen zwischen dem Thalassozentrum und dem Freibad Steinmarne haben sich in dieser Saison bis zu 50 Meter breite Schlickfelder abgelagert. Statt festen Sandwatts haben Touristen hier glänzende Aussichten auf feinkörnigen, glitschigen Schlick, der schmatzend nachgibt und schon manchem Ausrutschenden eine glibberige Fango­packung frei Haus verabreicht hat.

„Wir haben die Schlickfelder gekennzeichnet und raten allen Gästen, sie zu umgehen. Es besteht dort akute Rutschgefahr“, sagt Anett Bentert, Pressesprecherin der Nordseeheilbad Cuxhaven GmbH. Unachtsame Wanderer würden bis zum Knöchel einsinken. In der Vergangenheit hätten ­einige von Rettungskräften aus dem Watt geholt werden müssen.

Schlick wird auch zur Hautreinigung verwendet

„Wir können den Bereich ja nicht abriegeln. Das ist eben unsere Naturlandschaft.“, sagt Bentert und erinnert daran, dass Schlick in der Thalasso-Therapie auch zur Hautreinigung und -auffrischung Verwendung findet. „Das ist schließlich etwas ganz Natürliches mit vielen Mineralien und Spurenelementen.“ Auch das Duhner Wattrennen am 14. August sei nicht gefährdet. In diesem Jahr könne die Traditionsveranstaltung sogar wieder näher zum Strand stattfinden.

Im Cuxhavener Rathaus beobachtet Martin Adamski die Schlick-Problematik schon seit 2009. Als Dezernent für Bauen, Naturschutz und Technische Dienste ist er von Amts wegen damit befasst und hat sich in die Thematik eingearbeitet. Jeden Tag würden in der Nordsee Millionen Kubikmeter Sediment aufgewirbelt und wieder abgelagert, erklärt er, warum das Meer vor der Tür nicht türkisblau wie die Karibik ist.

In einer Mulde vor der Küste setze sich der Schlick dann leicht ab. Ein langfristiges Monitoring der vergangenen sechs Jahre zeige, dass die Schlickmenge sich deutlich erhöht hat, seit zwei Jahren aber konstant geblieben ist. Während noch im März Schlicktiefen von 40 Zentimetern gemessen wurden, war die Schicht zu Beginn dieser Woche nur noch halb so dick. „Hier ertrinkt niemand“, ist Adamski sicher. Selbst wenn jemand, was schwierig sei, im Schlick steckenbleibe, würde die an dieser Stelle nur kniehohe Flut ihn nicht mitreißen.

Oberbürgermeister spricht von echtem Problem

Woher der Schlick seit einem knappen Jahrzehnt kommt, ist für Adamski und Oberbürgermeister Ulrich Getsch hingegen eine ganz andere Frage – und ein echtes Problem, gegen das sie derzeit vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig zu Felde ziehen. Nach einer Expertenstudie der Forschungsstelle Küste auf Norderney des ­Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz ist nämlich die Vertiefung von Elbe und Weser vermutlich hauptverantwortlich für die Verschlickung der südlichen Nordsee.

„Die vertieften Flussbetten lassen die Flüsse mit höherer Geschwindigkeit in die Nordsee fließen. Weniger Wasser vermischt sich. Das verringert die Dynamik der Wasserbewegungen auch in den tieferen Prielen wie dem Duhner Loch oder der Neuwerker Fahrrinne.“ Als Folge werde weniger Sediment und damit auch der besonders leichte Schlick aufgewirbelt.

Zusammen mit anderen Anrainern möchte Cuxhaven deshalb die sechste Elbvertiefung auf dem Rechtsweg verhindern. Auch der Wasserbau verstärkt das Phänomen. In den 1960er-Jahren wurde von der Elbmündung aus ein steinerner Leitdamm unter Wasser zehn Kilometer weit in die Nordsee hinaus gebaut, um links der Elbmündung als Schlickfänger zu dienen. „Diese Aufgabe erfüllt er nun ganz hervorragend, aber nicht zu unserem Nutzen“, sagt Martin Adamski.

Schlicksparziergang ist nicht ratsam

Im Watt bestehen Schlickflächen meist aus den zerkauten Ausscheidungen von Mikroorganismen oder sie entstehen in geschützten Rinnen auf hydraulischem Wege, erklärt der Geologe Alexander Bartholomä vom Forschungsinstitut Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven. Die Leitfähigkeit des Salzwassers führe dann dazu, dass sehr feinkörnige Sedimente wie Ton Flocken bildeten. Die verdichteten sich zu einer Konsistenz, wie man sie aus dem Joghurtbecher kenne. „Das passiert vor allem auch in den Hafenbecken“. Hier vermische sich der natürliche Schlick mit Rückständen aus Schiffsanstrichen, Schweröl oder Industriebetrieben.

Diese Mischung möchten die Cuxhavener nicht vor ihren Stränden haben. Der Schlick, den Baggerschiffe regelmäßig aus der Elbe schaufeln, um Häfen und Fahrrinne freizuhalten, wird auch in diesem Jahr aus Kostengründen wieder nicht weit draußen in der tiefen Nordsee, sondern östlich von Helgoland in Schleswig-Holstein verklappt. Lange bestand die Angst, das wäre nicht weit genug, um eine Verdriftung an die Küste zu verhindern.

Nun gibt es zumindest in diesem Punkt Entwarnung. Messungen der Inhaltsstoffe an beiden Orten hätten keine Übereinstimmung nachweisen können, erklärt Adamski. Ähnlich sieht es auch Geologe Bartholomä. Durch die Flutströme werde das Sediment schnell verteilt und sei damit schon nach kurzer Zeit kaum noch messbar. Trotzdem erhöhe jeder Schadstoffeintrag die Gesamtbelastung der Nordsee. Zum Schlickspaziergang rät er trotzdem nicht. Der sei unberechenbar und in seiner Tiefe von oben nicht zu erkennen.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+