Husumer leben seit mehr als 50 Jahren in einer der letzten Wellblechsiedlungen - und sind ganz glücklich damit Schönes Wohnen in der Nissenhütte

Im Ersten Weltkrieg dienten sie britischen Soldaten als Behelfsunterkunft, nach dem Zweiten Weltkrieg linderten die sogenannten Nissenhütten die Wohnungsnot in Norddeutschland. Mit dem Wohlstand verschwanden die Wellblechbaracken wieder. Nur in Husum hat sich eine kleine Siedlung erhalten. In einer der Nissenhütten leben Ilse und Johannes Siegfriedt - seit 53 Jahren.
20.02.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Joachim Göres

Im Ersten Weltkrieg dienten sie britischen Soldaten als Behelfsunterkunft, nach dem Zweiten Weltkrieg linderten die sogenannten Nissenhütten die Wohnungsnot in Norddeutschland. Mit dem Wohlstand verschwanden die Wellblechbaracken wieder. Nur in Husum hat sich eine kleine Siedlung erhalten. In einer der Nissenhütten leben Ilse und Johannes Siegfriedt - seit 53 Jahren.

Husum. Für heutige Rentner sind sie das Symbol für das Elend der Nachkriegsjahre: Nissenhütten. Das sind Wellblechbaracken, die von den Briten überall in Nordwestdeutschland ab 1945 aufgebaut wurden, um die Wohnungsnot in den ausgebombten Städten ein wenig zu lindern. Sie wurden ursprünglich für britische Soldaten im Ersten Weltkrieg als Unterkunft entwickelt - eine längs halbierte Wellblechtonne, die von vier Personen in vier Stunden aufgestellt werden konnte.

In den Siedlungen lebten mehrere Familien mit ihren oft zahlreichen Kindern auf engstem Raum zusammen, vor den Blicken der Nachbarn oft nur durch aufgehängte Tücher geschützt. Schlimmer als die fehlende Privatsphäre war die fehlende Isolierung. Das Schwitzwasser verwandelte die Unterkünfte in Tropfsteinhöhlen. Im Sommer war die Hitze kaum auszuhalten, im Winter kroch die Kälte trotz der aufgestellten Öfen in den Körper. In den 1950er-Jahren verschwanden die Nissenhütten dann mit dem sich langsam ausbreitenden wirtschaftlichen Aufschwung überall.

Fast überall - im nordfriesischen Husum stehen im Birkenweg noch heute acht Nissenhütten. Die Ende der 1940er-Jahre als Provisorium gebauten Gebäude erfreuen sich bei ihren Bewohnern großer Beliebtheit. Bis heute erhalten ist das charakteristische runde, bis auf den Boden laufende Wellblechdach als Gebäudehülle, das bei unkundigen Passanten erstaunte Blicke auslöst. "Die fragen, ob man runde Möbel hat oder an den Wänden überhaupt Bilder aufhängen kann. Ich bitte sie dann rein und sie sind überrascht, dass es drinnen nicht anders aussieht als in anderen Wohnungen", sagt Ilse Siegfriedt. Runde Wände gibt es nicht - 1947 ließ die Kieler Baugenossenschaft "Heimstätte Schleswig-Holstein" beim Bau senkrechte Innenwände und waagerechte Decken auf einer Höhe von 2,20 Meter einziehen und sorgte so für eine bessere Isolierung.

Endlich in eigenen vier Wänden

Die 77-Jährige Ilse Siegfriedt lebt mit ihrem zwei Jahre älteren Mann seit 1959 hier. Vier Jahre lang hatte sie nach ihrer Hochzeit bei den Schwiegereltern wohnen müssen, dann wurde die Nissenhütte im Birkenweg 25 samt Gelände für 10000 Mark angeboten. "Für uns viel Geld damals, aber dennoch eine insgesamt günstige Möglichkeit, endlich in den eigenen vier Wänden leben zu können. Wir haben den Entschluss nie bereut", sagt Johannes Siegfriedt. Der Kfz-Techniker hat in Eigenarbeit die elfeinhalb Meter lange und fast fünf Meter breite Nissenhütte so gut in Schuss gehalten, dass ihre Tage noch lange nicht gezählt zu sein scheinen.

Die einst mit Torfmull und Sägespänen gedämmte Außenhülle hat er durch eine Innendämmung verstärkt und die alten Fenster ersetzt. Statt des Plumsklos gibt es heute ein Badezimmer im einstigen Wellblech-Schuppen, der rechtwinklig hinter jeder Nissenhütte steht und von den Planern als Werkstatt oder Stall gedacht war. Den hat Johannes Siegfriedt in den 1960er-Jahren für die beiden Söhne zum Kinderzimmer ausgebaut und durch einen Anbau mit dem Hauptgebäude verbunden. Die zur Straße weisende Außenmauer verklinkerte er neu, weil der Putz auf der alten Fassade nicht hielt.

Das verzinkte Wellblechdach mit seinem dunklen Teerbelag musste früher alle zwei Jahre gestrichen werden, damit es nicht rostete. Siegfriedt hat den alten Belag soweit wie möglich entfernt und das Dach in einem dunklen, länger haltbaren Grünton gestrichen. Heute verfügen die Siegfriedts über 70 Quadratmeter Wohnfläche, alles zu ebener Erde ohne Keller. Dazu haben sie sich noch eine kleine Laube angebaut, von der sie in ihren Garten mit Fischteich, Kartoffelacker und Blumenbeet blicken. "Wir haben hier viel Platz, brauchen keine Treppen zu steigen, es ist immer warm und im Sommer blüht alles im Garten. Hoffentlich können wir hier noch lange leben", sagt Ilse Siegfriedt.

Bislang sind schon ein Dutzend Nissenhütten im Birkenweg abgerissen worden. Sie mussten modernen zweistöckigen Einfamilienhäusern weichen. Direkt gegenüber den Siegfriedts auf der anderen Straßenseite steht das einzige noch im Originalstil erhaltene Nissenhaus, mit schwarzem Teerbelag auf dem Dach und hellem Fassadenputz. Hier wohnt die 101-jährige Ingeborg Petersen seit der Fertigstellung im Jahre 1948 - damals musste sie Wasser noch vom Hydranten um die Ecke holen, weil es im Hause keine Leitung gab. Möglicherweise steht ihre Nissenhütte einmal im Museum, das Freilichtmuseum Molfsee bei Kiel interessiert sich dafür.

Schon heute kann man im Freilichtmuseum Kiekeberg bei Hamburg, im Tierpark Neumünster, im Luftbrückenmuseum Faßberg und im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen Nissenhütten besichtigen. Dort erfährt man auch entgegen aller Gerüchte, dass der Name nichts mit den Eiern von Läusen zu tun hat, die sich einst in den engen Lagerunterkünften schnell ausbreiteten. Der kanadische Ingenieur und Offizier Peter Nissen ist der Namensgeber, nach seinen Plänen entstanden die ersten Wellblechbauten.

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