Verbände fordern Sprinkleranlagen Schutzlos im Heim

Im Schnitt einmal pro Woche brennt es in deutschen Altenpflegeheimen. Darum fordern Patienten- und Technikerverbände nun eine Sprinkleranlagen-Pflicht für Alten- und Pflegeeinrichtungen.
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Schutzlos im Heim
Von Justus Randt

Im Schnitt einmal pro Woche brennt es in deutschen Altenpflegeheimen. Darum fordern Patienten- und Technikerverbände nun eine Sprinkleranlagen-Pflicht für Alten- und Pflegeeinrichtungen.

Heimliches Rauchen, Unaufmerksamkeit oder selbstmörderische Absicht – immer wieder kommt es zu Bränden in Pflegeheimen und Krankenhäusern. Eher selten ist ein Küchenunfall die Ursache, wie im November in Rinteln (Landkreis Schaumburg), wo eine Fritteuse in Flammen aufgegangen war. Die 43 Bewohner des in aller Eile evakuierten Heimes kamen mit dem Schrecken davon.

Wenige Wochen zuvor waren in Bochum bei einem Feuer in einem Krankenhaus zwei Patienten ums Leben gekommen. Kaum zwei Jahre her, hatte es einen ähnlichen Fall in Hannover gegeben. Damals war der Ruf nach Sprinkleranlagen in Heimen und Kliniken laut geworden – und ist seitdem nicht verhallt.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hält es für „absurd, dass Sachwerte in Großlagern besser geschützt sind” als Menschen in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Der Bundesverband Technischer Brandschutz (BVFA) haut in dieselbe Kerbe. „Mehr als zwei Mal in der Woche brennt es inzwischen im Schnitt in einer sozialen Einrichtung. Wir wollen klarmachen, dass es keine Lobby für die Senioren gibt“, sagt Wolfram Krause, der Geschäftsführer des Herstellerverbandes: „Wenn es auf einem Flughafen brennt, dann wird sofort über die Veränderung von Vorschriften nachgedacht, aber im Personenschutz sind wir unterentwickelt. In den USA sind Sprinkleranlagen flächendeckend in Kliniken und Heimen installiert.“

"Gefahr wird im Brandfall erst spät erkannt"

In der industriellen Fertigung beispielsweise seien Sprinkler „sehr gut verbreitet und absolut notwendig”, um die Produktionssicherheit zu gewährleisten.“ Da hat man erkannt, dass das ein Wirtschaftsfaktor ist“, sagt Krause. „Aber das sind ganz andere, viel größere Anlagen“ als in Altenheimen. „Dort ließen sich für 40.000 Euro, ein Viertel oder Drittel der Kosten in der Industrie, schon zwei Stockwerke absichern. Fast genauso viel, wie man für die installierten Brandmeldeanlagen ausgibt“, sagt der Fachmann. „Der Vorteil des Sprinklers ist: Er alarmiert die Feuerwehr, kann löschen und die Ausdehnung des Brandes begrenzen.“

Eine umfangreiche Richtlinie 28/96 über den Einbau von „Sprinkleranlagen in Wohnbereichen“ könnte Grundlage einer Regelung werden. Erarbeitet wurde sie von einem Unternehmen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), dem VDS, bekannt durch sein gleichnamiges Sicherheitssiegel. Nach wie vor aber, stellt Wolfram Krause klar, „schreibt der Gesetzgeber nichts vor, sondern überlässt dem Betreiber die Entscheidung“.

Auch Eugen Brysch, Vorstand der Patientenschützer-Stiftung, ist davon überzeugt, dass die Gefahr im Brandfall „erst spät erkannt“ werde. „So können Rettungsmaßnahmen immer nur mit einer Zeitverzögerung eingeleitet werden. Da hilft es auch nichts, wenn die Rettungskräfte in der vorgegebenen Zeit vor Ort waren.“ Die meisten Heimbewohner seien schließlich nicht in der Lage, sich selbst zu retten. „Es wird Zeit, dass in den 2000 Krankenhäusern und 13.000 Pflegeheimen selbstständige Löschanlagen vorgeschrieben werden.“

"Es gibt keine gesetzliche Verpflichtung"

Diese Forderung hat die Stiftung schon vor zwei Jahren erhoben. „Die Wahrscheinlichkeit, in einem Pflegeheim bei einem Feuer ums Leben zu kommen, ist sieben Mal höher als an einem anderen Ort“, hatten die Patientenschützer hochgerechnet. In Niedersachsen führten dieser Vorstoß und die Medienberichte darüber zu einer mündlichen Anfrage an die Landesregierung, ob die gesetzlichen Brandschutzbestimmungen ausreichten oder sie die Notwendigkeit sehe, die vorgeschriebenen vorbeugenden Maßnahmen um Sprinkleranlagen zu ergänzen. Die Antworten sind schnell wiedergegeben: Erstens: ja, zweitens: nein.

„Rechtsverschärfungen über die bisherigen gesetzlichen und untergesetzlichen Regelungen hinaus sind zurzeit nicht beabsichtigt“, lautete die Antwort aus dem Ressort von Sozial- und Bauministerin Cornelia Rundt (SPD). So gilt in Niedersachsen die Bauordnung des Landes, in der die rund 1500 Pflegeheime als sogenannte Sonderbauten geführt sind – an die besondere Anforderungen gestellt werden können, aber nicht müssen.

„Auch wenn keine generelle gesetzliche Verpflichtung zur Ausstattung von Alten- und Pflegeheimen mit Sprinkleranlagen besteht, ist diese ergänzende Maßnahme wünschenswert, um den Brandschutz zu verbessern“, lautet die aktuelle Auffassung des Ministeriums als oberster Heim- und auch Bauaufsichtsbehörde.

"Ein nennenswerter Brand pro Woche"

Auch der vor zwei Jahren beschlossene Erfahrungsaustausch mit den Behörden anderer Bundesländer „hat bisher keine entsprechenden Änderungsnotwendigkeiten ergeben“, teilt das Ministerium in Hannover mit. Dem Brandschutz in Altenpflegeeinrichtungen werde zu wenig Aufmerksamkeit beigemessen, das hat die Deutsche Expertengruppe Dementenbetreuung (DED) schon vor fast 17 Jahren klargestellt, als sie „Brandschutzmaßnahmen in Altenpflegeeinrichtungen der besonderen Dementenbetreuung“ erarbeitete.

„Selbst wenn man die Dunkelziffer außer Acht lässt, sollte die Tatsache alarmieren, dass es in den Altenpflegeheimen Deutschlands durchschnittlich in jeder Woche zu einem nennenswerten Brand kommt – Tendenz steigend!“, heißt es im Vorwort der Handlungsempfehlung. „Damit arbeiten Heime nach wie vor“, sagt die damalige DED-Vorsitzende Mechthild Lärm.

In Altenpflegeeinrichtungen seien Brandschutz und der Anspruch, das Heim wohnlich zu gestalten, schwer zu vereinbaren, sagt Lärm. Die Expertengruppe weiß: „Kerzen sind aus unserem Leben nicht wegzudenken und doch eine besonders große Gefahrenquelle: Die offene Flamme ist der größte Risikofaktor zur Entstehung eines Brandes. In den Bewohnerzimmern darf es grundsätzlich kein offenes Licht geben, auch nicht an Feiertagen wie beispielsweise Weihnachten.“

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