Ausbau des Leihgeschäfts wird Hamburg zu teuer / Kooperation mit Privatanbietern Senat bremst Stadtrad-Projekt

Die roten Leih-Stadträder in der Hansestadt erfreuten sich stetig wachsender Beliebtheit, aber nun hat der Hamburger Senat weiterem Wachstum einen Riegel vorgeschoben. Der Spaß wurde ihm zu teuer. Jetzt setzt die Stadt auf die Kooperation mit privaten Anbietern, während Grüne und CDU das Leihfahrrad-Angebot lieber ausgebaut sähen.
01.03.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Markus Lorenz

Die roten Leih-Stadträder in der Hansestadt erfreuten sich stetig wachsender Beliebtheit, aber nun hat der Hamburger Senat weiterem Wachstum einen Riegel vorgeschoben. Der Spaß wurde ihm zu teuer. Jetzt setzt die Stadt auf die Kooperation mit privaten Anbietern, während Grüne und CDU das Leihfahrrad-Angebot lieber ausgebaut sähen.

Sie liefern die überraschendste Erfolgsgeschichte Hamburger Verkehrspolitik der jüngeren Vergangenheit: Die roten Leih-Stadträder haben sich seit ihrer Einführung 2009 zu einem wahren Renner entwickelt. 221 000 Kunden sind registriert – rein rechnerisch mehr als jeder neunte Hamburger. 1,8 Millionen Mal wurden die feuerroten Flitzer im vergangenen Jahr ausgeliehen, an Spitzentagen sind es bis zu 10 000. Begehrt sind sie bei Touristen, zunehmend aber auch bei Pendlern.

Bisher hatten die Stadt und die Deutsche Bahn als Betreiber das System stetig erweitert. Mittlerweile warten 1650 Zweiräder an 129 Stationen auf Kurzzeitradler. Nun jedoch droht Stillstand, der Senat hat den Ausbau gestoppt – aus Kostengründen. Im Doppelhaushalt 2015/16 will die Stadt lediglich zwei Millionen Euro zur Verfügung stellen, was nur für Wartung und Reparaturen an Vorhandenem reicht. Vor allem für die Stadtteile am Hamburger Rand ist das eine schlechte Nachricht. Denn das Stadtrad-Netz wird mit zunehmendem Abstand zur Innenstadt dünner. Daher dringen alle Bezirke darauf, besser angeschlossen zu werden. Doch landen diese Wünsche nur in einer unverbindlichen Vormerkliste.

„Der Senat verschenkt eine große Chance und ignoriert die Wünsche von Hunderttausenden Menschen nach besseren Radfahrbedingungen“, ärgert sich der Grünen-Verkehrsexperte Till Steffen. Seine Fraktion hat den Bau von 50 zusätzlichen Stationen beantragt – ist damit gestern Abend in der Bürgerschaft aber an der SPD-Mehrheit gescheitert.

Dabei sei die Finanzierung ohne Weiteres machbar, sagt sich Steffen. 50 Leihterminals samt zusätzlicher Räder seien für rund 500 000 Euro zu realisieren. „Dieses Geld kann der Senat aus dem Budget für sein wenig sinnvolles Busbeschleunigungsprogramm nehmen.“

Berechtigte Vorschläge für neue Stadtrad-Punkte gibt es laut Steffen mehr als genug. Am liebsten würden die Grünen das Angebot bei der Gelegenheit gleich um andere Fahrradtypen erweitern, etwa E-Bikes, Lastenräder und Räder mit Kindersitzen.

Doch die SPD winkt ab und setzt bei der Erweiterung des Systems auf Kooperationen mit privaten Partnern. In der Bürgerschaftsdebatte verwies SPD-Fahrradexperte Lars Pochnicht auf das Beispiel Beiersdorf. Der Kosmetikriese finanziert eine eigene Leihstation in Lokstedt, die im April eröffnet. Auch die Investoren der Neuen Mitte Altona haben sich laut Pochnicht zum Bau zweier Stützpunkte verpflichtet.

Derlei Zusammenarbeit mit Dritten begrüßt auch die CDU, hält dies allein aber für unzureichend. Denn, so Unions-Verkehrsexperte Klaus-Peter Hesse: „Die Hamburger lieben ihr Stadtrad.“ Und wünschten immer mehr davon. Der Senat habe weder die Zeichen der Zeit erkannt noch eine Vision für das umweltfreundliche Verkehrsmittel. Was Hesse nicht wirklich wundert, stellt er doch eine sichtbare Distanz handelnder Personen zum Thema fest: „Ich habe weder den Bürgermeister noch den Wirtschaftssenator jemals auf einem Fahrrad gesehen.“

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