Skiurlaub im Harz

Der Pistenmacher hofft noch auf Touristen

Die Schneekanonen am Wurmberg stehen still, das Skigebiet bleibt vorerst geschlossen. Im Harz hoffen sie auf Lockerungen, aber fragen sich, ob es dann so gut laufen würde, dass es schon wieder schlecht wäre.
04.12.2020, 10:18
Lesedauer: 6 Min
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Der Pistenmacher hofft noch auf Touristen
Von Nico Schnurr

Wenn die Temperaturen im Oberharz Anfang Dezember erstmals für ein paar Tage unter null Grad sinken, weiß Fabian Brockschmidt, was zu tun ist. Normalerweise springt der Pistenmacher dann auf sein Quad und brettert den Wurmberg hoch. Oben, in 971 Metern Höhe, zückt er seinen Tablet-Computer und aktiviert eine App. Ein Klick genügt, und Brockschmidt kann von oben dabei zusehen, wie Kunstschnee aus den Maschinen am Rand der Pisten geschossen kommt, bis sich eine weiße Decke über den Berg gelegt hat. Drei Tage rattern die Maschinen ohne Pause, dann kann die Wintersaison am Wurmberg beginnen. Normalerweise. Es ist Dezember, die Temperaturen sinken, doch die Schneekanonen stehen still.

Die deutschen Wintersportgebiete bleiben vorerst geschlossen. Die Corona-Regeln machen einen Skiurlaub bis zum 10. Januar unmöglich. Bundeskanzlerin Angela Merkel drängt auf ein europaweites Skiverbot, auch Italien und Frankreich sind dafür. Zwei andere Alpenländer sperren sich gegen ein einheitliches Vorgehen: In der Schweiz ist die Saison teilweise schon gestartet, in Österreich sollen die Pisten zu Weihnachten für Einheimische öffnen. Und im Harz? Da fragen sie sich, ob in diesem Winter überhaupt noch Schneemaschinen angeschmissen werden müssen.

„Diese Ungewissheit ist eine Katastrophe für uns“, sagt Fabian Brockschmidt. Der Betriebsleiter der Seilbahn ist so etwas wie der Herr der Wurmberges. Sein Team sorgt erst dafür, dass aus dem Berg ein Skigebiet wird. Mehr als 30 Mitarbeiter, die Pisten präparieren, Äste von Abfahrten räumen, Schneekanonen reparieren, Lifte steuern. Die seit Wochen auf eine Saison hinarbeiten, von der keiner weiß, ob es sie geben wird.

Braunlage bommte – und jetzt?

„Wir gehen jetzt wieder in Kurzarbeit“, sagt Brockschmidt und lässt seine Enttäuschung in jedem Wort mitklingen. Im Sommer, als massenweise Mountainbiker und Wanderer zum Wurmberg kamen, hätte sein Hygienekonzept doch funktioniert. Für den Winter habe er sich nun zusätzliche Maßnahmen einfallen lassen. „Aber keine Chance, wir dürfen erst mal nicht öffnen“, sagt Brockschmidt, „dabei müssen wir hier im Winter das Geld verdienen, um über das Jahr zu kommen.“

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Der Wurmberg liegt nicht in den Alpen, sondern im Oberharz, die Berge sind eigentlich zu flach und die Winter oft zu warm für eine Region, die von Skisportlern profitieren will. Doch in Braunlage haben sie gelernt, die Möglichkeiten maximal auszureizen. Vor einigen Jahren haben sie zwölf Millionen Euro investiert, um mehr Skifahrer in den Oberharz zu locken. Inzwischen liegt am Wurmberg das größte Skigebiet des Nordens. Mehr Pisten gibt es nirgends in der Region, die längste Abfahrt führt über mehr als zwei Kilometer zurück ins Tal. Eine Seilbahn mit Gondeln bringt die Sportler wieder auf den Berg. Es gibt einen neuen Sessellift, einen neuen Parkplatz und eine Beschneiungsanlage, damit auch im wärmsten niedersächsischen Winter noch Ski gefahren werden kann. Tatsächlich hat der Kunstschnee schon einen Winter nach dem anderen gerettet.

Braunlage boomte zuletzt. An manchen Wochenenden ist der Wurmberg fast von Skifahrern überrannt worden. Nun darf erst mal keiner mehr kommen. Mit Schneekanonen kann man sich vielleicht gegen den Klimawandel wehren, aber nicht gegen eine Pandemie. Oder etwa doch?

Desinfektionsmittel aus der Nebelmaschine

In Österreich haben sie vor, die Skisaison mit Schneekanonen zu retten. Die Maschinen sollen Desinfektionsmittel statt Eiskristalle versprühen. Einige Skigebiete in Tirol haben sich die umfunktionierten Geräte schon angeschafft. Auch Fabian Brockschmidt hätte gern eines für den Wurmberg, aber die Teile sind ihm zu teuer, also hat er sich eine Nebelmaschine gekauft. Ein Modell, wie man es vor Corona aus Diskotheken kannte, aber umgebaut. Aus der Maschine wabert kein Nebel mehr, sondern Desinfektionsmittel für die Gondeln. Man kann Brockschmidt auch sonst nicht vorwerfen, dass es ihm an Ideen mangeln würde.

Auf dem Parkplatz unten am Berg will er Lautsprecher aufstellen, aus denen Durchsagen hallen sollen: Abstand halten, Maske auf. Alle zwei, drei Minuten sollen die Regeln wiederholt werden. „Solange“, sagt Brockschmidt, „bis die Leute es nicht mehr hören können.“ Damit auch die Letzten verstanden haben, dass es kein Winter wie jeder andere ist, will Brockschmidt überall am Berg Security-Leute postieren, die unachtsame Sportler ermahnen. In den Gondeln soll Maskenpflicht gelten, die Fenster bleiben geöffnet, „Durchzug hilft“, sagt Brockschmidt. Die Kassenhäuschen will er früher öffnen und später schließen, damit sich keine Schlangen bilden. „Skifahren an der frischen Luft ist nicht das Problem“, sagt er, „es geht nur um das Drumherum, aber das lässt sich lösen.“

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Natürlich hat auch Brockschmidt die Videoschnipsel gesehen, über die sich online viele aufgeregt haben. Hintertux zum Beispiel, Österreich, Ende Oktober: Menschentrauben vor dem Lift, Gedränge und Geschiebe, mitten im Tiroler Risikogebiet, als Skifahren dort noch erlaubt war. Oder Zermatt, Schweiz, Ende November: Sportler dicht an dicht am Eingang der Talstation, als hätte es Corona nie gegeben. „Man kann sich die besten Konzepte ausdenken“, sagt Brockschmidt, „aber am Ende ist man auch auf die Vernunft der Skifahrer angewiesen.“ Es bleibt ein Restrisiko, so sieht er das, aber wo gibt es das gerade eigentlich nicht?

„Wirtschaftlich hängen hier alle am Wurmberg“

Auf dem Gipfel, nicht weit von der alten Skisprungschanze, liegt die Wurmberg-Alm. Ein uriger Laden, rustikale Holzmöbel, mehr als 200 Plätze drinnen, doppelt so viele draußen. An manchen Tagen kann man von den Bierbänken aus den ganzen Harz überblicken. Wegen der Aussicht ist die Hütte auch in den wärmeren Monaten gut besucht, in diesem Sommer ganz besonders, sagt Wirt Ulrich Schwedhelm: „Seit Corona haben viele den Harz wiederentdeckt.“ Das gute Geschäft im Sommer helfe ihm, irgendwie zu verschmerzen, dass die vielen Weihnachtsfeiern auf der Hütte nicht stattfinden können. Aber ewig könne das nicht so weitergehen, weder für ihn noch für die Region. „Wirtschaftlich hängen hier alle am Wurmberg“, sagt Schwedhelm, „eine ganze Saison, die ausfällt, das könnte Braunlage nicht verkraften.“

Im Rathaus von Braunlage sitzt Wolfgang Langer. Der Bürgermeister berichtet von den mehr als 1,3 Millionen touristischen Übernachtungen im Jahr. Davon, dass der Ort im ganzen Jahr Touristen anzieht und nicht nur vom Winter lebt. Langer will aber auch nicht so tun, als hätte der Boom von Braunlage gar nichts mit den Skifahrern zu tun. Die neuen Hotels, die neuen Restaurants, die neuen Ferienwohnungen, das alles ist ja erst entstanden, nachdem sie am Wurmberg Schneekanonen aufgestellt und neue Pisten planiert haben.

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Jetzt bleiben die Skifahrer weg, die Hotels sind dicht, die Restaurants auch. „Das schmerzt sehr“, sagt Langer, „allzu weit ins neue Jahr sollten die Beschränkungen nicht reichen, sonst könnte die Lage langsam ziemlich bedrohlich werden.“

„Wenn es die ersten Lockerungen gibt, werden wir überrannt“

Der Bürgermeister sieht beide Seiten. Einerseits hofft Langer, dass es eine Wintersaison am Wurmberg geben wird. Anderseits befürchtet er, dass es für Braunlage dann so gut laufen könnte, dass es schon wieder schlecht wäre. „Wenn es die ersten Lockerungen gibt, werden wir überrannt“, sagt Langer. Schon im Sommer habe Braunlage profitiert, eine Rekordsaison. Viele hätten Reisen ins Ausland vermeiden wollen und seien eben in den Harz gefahren.

Sollte Skifahren bald doch möglich sein in Deutschland, dann könnte es dem Harz helfen, dass es keine einheitlichen Regeln in Europa gibt. Lieber kürzere Abfahrten und Kunstschnee am Wurmberg statt Quarantäne nach einem Alpen-Urlaub, so könnten dann viele denken. Hält Langer für nicht abwegig. „Noch haben wir einen Lockdown“, sagt er, „aber wir müssen uns für einen möglichen Ansturm rüsten.“

Pistenmacher Fabian Brockschmidt ist längst vorbereitet. Auf den Wurmberg will er nur halb so viele Sportler lassen wie sonst, 2000 höchstens. Auf der Homepage will er anzeigen lassen, wie viel los ist auf dem Berg. An den Straßenabfahrten will er Schilder platzieren, die warnen, wenn die Pisten voll sind. Die Autofahrer sollen dann auf ein anderes Skigebiet ausweichen, damit es kein Chaos gibt. Das ist der Plan. Die Realität ist erst mal: Lockdown, Kurzarbeit. Trübe Aussichten am Wurmberg.

Es ist erst ein paar Tage her, erzählt Brockschmidt, da schmeißt er sein Quad an und fährt hoch auf den Berg. Tablet-Computer raus, App aktiviert, ein Klick: Die Maschinen rattern los. Vier Stunden lässt er die Kanonen Kunstschnee schießen, dann stellt er sie wieder ab. Ein Test, ob die Geräte funktionieren. Für den Fall, dass sie in diesem Winter noch gebraucht werden. Der Pistenmacher hofft noch.

Info

Zur Sache

Sonderweg in der Schweiz

Die Schweiz will die Pisten offen lassen. Von Quarantäne für Ausländer ist nicht die Rede, aber es sind Begrenzungen für die Festtage angekündigt. Österreich hat eine zehntägige Quarantänepflicht für Einreisende aus Risikogebieten wie Deutschland eingeführt. Hotels und Gaststätten bleiben bis zum 6. Januar geschlossen. Frankreich, Italien und Deutschland lassen die Pisten geschlossen.

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