Der ausgedachte Ort So leben Aussteiger in Zytanien

In Zytanien, einem alten Fabrikgelände in Niedersachsen, suchen Aussteiger nach alternativen Lebensentwürfen. Dass der Name klingt wie der eines fremden Planeten, ist wohl gewollt.
21.08.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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So leben Aussteiger in Zytanien
Von Alice Echtermann

In Zytanien, einem alten Fabrikgelände in Niedersachsen, suchen Aussteiger nach alternativen Lebensentwürfen. Dass der Name klingt wie der eines fremden Planeten, ist wohl gewollt.

Entspannt sitzt Dippen am Esstisch in seinem Wohnzimmer. Seine Hand krault das Fell der weißen Katze, die sich auf seinem Schoß eingerollt hat. Eine dampfende Kanne Kaffee verströmt ihren Duft in dem offenen, modern eingerichteten Raum. Nichts deutet darauf hin, dass dies keine normale Wohnung ist, an keinem normalen Ort.

Es ist ein Ort, von dem man wissen muss, um ihn zu finden. Die Landstraße, die von Lehrte dorthin führt, wirkt wie ein reiner Wirtschaftsweg. Erst auf den letzten Metern geben die Bäume den Blick frei auf ein großes Haus und Lagerhallen. Die Bewohner haben diesen Ort Zytanien getauft. Dass der Name klingt wie der eines fremden Planeten, ist wohl gewollt.

Dippen, der eigentlich Christian Topf heißt, wohnt seit 30 Jahren in Zytanien. Am 19. September 1986 zog der damals 21-Jährige mit einigen Freunden auf das Gelände der ehemaligen Zytan AG. Die 1976 gegründete Ziegelei hatte 1981 Konkurs angemeldet und stand leer. „Wir sind hier rein, aber nie mit der Prämisse, großartige Hausbesetzer zu sein“, sagt Dippen. In Hannover war zu dieser Zeit gerade die stillgelegte Schokoladenfabrik Sprengel besetzt worden. „Alles hoch politisch. Das war hier nicht so, sondern einfach aus der Not geboren, dass wir keine vernünftige Wohnung gefunden haben, wo wir leben konnten, wie wir wollen.“

Ein selbstgemachtes Leben

Dippen spielt gern den Gastgeber. Er tischt Frühstück auf und erklärt die Version des Lebens, die die Zytanier gewählt haben. Es ist ein selbstgemachtes Leben. Alles in seiner Wohnung hat der gelernte Zimmerer selbst gebaut und gestaltet. Vor seiner Tür liegt eine Ruine: Eine schiefe Holztreppe, roher Backstein, offene Kabel. Hier ist es zugig, drinnen schön warm. Über Dippens Terrasse fällt der Blick auf einen weitläufigen Hof mit Kirschbäumen, einer großen Bühne und einer mit Graffiti besprühten Lagerhalle. Von der Wiese weht das Meckern von Schafen und Ziegen herüber.

Von dem Komfort, den Dippens Wohnung hat, war 1986 in Zytanien noch keine Spur. Es gab keinen Strom, kein fließendes Wasser und keine Heizung. Im Grunde hatten die Neu-Zytanier nie damit gerechnet, länger zu bleiben. Der Herbst war lang und warm, erinnert sich Dippen. Jeden Tag sprangen er und seine Freunde in den See, machten Lagerfeuer.

Eine Handpumpe, ein altes Rohr und ein Stück Fahrradschlauch als Dichtung genügten für eine provisorische Wasserversorgung. In Dippens Erzählung hatte er damals stets „die eine oder andere Freundin“ dabei. „Du hast ein Auto gehabt, eine Wohnung hier draußen, wo dich keiner stört. Das waren die Dinge, die als Jugendlicher ganz wichtig waren“, sagt der 51-Jährige. Ein Rock‘n‘Roll-Leben, ein freies Leben.

Friedliche Hausbesetzung

Irgendwann, wie sollte es anders sein, kam die Polizei vorbei. Der Bauer hatte ihnen wohl verraten, dass da draußen Leute waren, vermutet Dippen. Als die Beamten eintrafen, standen er und ein Freund gerade im Piratenkostüm auf dem Dachfirst und drehten eine Fechtszene. Warum, weiß Dippen selbst nicht mehr so genau. Sie hätten die Polizisten aufgefordert, sich zu ihnen zu gesellen. „Wir haben nie eine schwarze Fahne aufs Dach gesteckt und sie mit Eisenkugeln beschossen“, sagt er. „Deshalb konnte das vermutlich auch nur so funktionieren.“

Anders als in vielen anderen Fällen von Hausbesetzungen zu dieser Zeit blieb es in Zytanien immer friedlich. Vielleicht, weil die selbst ernannten Zytanier nie mehr als ihren Spaß und ihre Ruhe wollten. Und so blieben die Besetzer, bis sie irgendwann keine Besetzer mehr waren. Selbst kaufen konnten sie das Gelände zwar nicht, erzählt Dippen. Doch ein Bauunternehmen erwarb und verpachtete es ihnen – für 99 Jahre.

Dippen hat keine politischen Ambitionen. Damals war er wohl ein Hippie, heute sieht er nur noch ein bisschen wie einer aus. Seine braunen Haare mit den ersten Anzeichen von Grau steckt er mit einem roten Holzstab zusammen. Die Zeiten sind andere geworden. „Dieses Hippietum mit geteilter Bude, geteilter Freundin und morgens erst mal einen Joint rauchen, gibt es hier nicht“, sagt er. Zumindest nicht bei ihm.

20 Bewohner leben auf dem Fabrikgelände

Zytanien hat derzeit etwa 20 Bewohner, und jeder macht, was ihm gefällt. Da sind Lisa-Marie und ihr Freund Jan-Philipp, die ihre eigenen Tiere züchten. Schafe, Ziegen, Schweine, Geflügel. Dippens Tochter Milena wohnt in der Wohnung gegenüber im Haupthaus. Dann sind da die „Punker“, von denen Dippen nicht wirklich weiß, was sie treiben, und die lieber unter sich bleiben.

Philipp mit seinem kleinen Sohn. Das „Fräulein Georges“ mit seiner Tochter. Ole in seiner selbstgebauten Hütte in der Fabrikhalle. Der junge Jonas, der mit seinen Freunden das Gelände tatkräftig auf Vordermann bringt. Und Rainer, 60 Jahre, der älteste Zytanier, der den ganzen Tag auf seinem Sessel vor dem Haus sitzt, raucht und sein Zahnlücken-Lächeln zeigt, wenn man ihn grüßt.

Viele Generationen haben bereits in Zytanien gelebt. Die Generation Schrott, die Generation Öko oder die Generation Elektromusik seien nur einige davon, sagt Dippen. Bei 200 Leuten habe er aufgehört, zu zählen. Im Moment kämen viele junge Leute, die neue Ideen für Zytanien durchsetzten. Das sei auch okay, schließlich müssten nicht alle dasselbe machen wie er, der „alte Sack“. „Wir haben damals den Rohbau gemacht, und die nächste Generation kann sich jetzt hier frei ausprobieren.“

Musikfestival in Zytanien

Zytanien hat schon viele Findungsphasen durchlaufen. Nur wer „Scheiße baut“, fliegt raus. Legen zwei Leute ihr Veto gegen jemanden ein, muss der gehen. Auch wenn Dippen am längsten in Zytanien lebt, ist er nicht der Chef. „Wer würde sich das anmaßen?“, fragt der 51-Jährige in beinahe empörtem Ton. Soll etwas gemacht werden, setzen sich die Bewohner zusammen und besprechen sich.

Jeden Sommer erreicht diese Gemeinschaftsorganisation ihren Höhepunkt, denn dann findet in Zytanien das alljährliche Musikfestival statt. Dann campen 2000 bis 3000 Besucher auf dem benachbarten Acker. Es gibt drei Bühnen und Fressbuden. Jetzt, zum 30. Mal, vom 26. bis 28. August, planen die Zytanier alles ein bisschen größer und aufwendiger, mit Bands wie Doctor Krapula und Vladi Wostok. Dennoch bleibt „Zytanien“ ein kleines Festival mit alternativer Musik. Nur einmal, 1991, kamen wegen guter Mundpropaganda tatsächlich 8000 Leute, erzählt Dippen und lacht: „Da haben sie uns von der Stadt Lehrte dann auch richtig in den Arsch getreten, damit wir das nie wieder machen.“

Abgesehen von Großereignissen wie dem Festival oder Rave-Partys in der alten Lagerhalle, bleiben die Zytanier viel unter sich. Trotz der guten Vernetzung gerade der jungen Generation bleiben sie Aussteiger: Sie entziehen sich bewusst dem normalen Leben. Was aber nicht heißt, dass ihr Leben zwangsläufig außergewöhnlich ist. Auch in Zytanien gibt es Routinen. Holz hacken, Dinge reparieren. „Nach 30 Jahren ist das Leben hier fast gar nicht mehr besonders, sondern alltäglich“, sagt Dippen.

Zytanien sei ein Ruhepol

„Wenn ich in einer normalen Wohnung wohnen müsste, wäre das für mich besonders.“ Ein unruhiger Geist wird er wohl immer bleiben. Dippen hat viel von der Welt gesehen: Afrika, Asien, Australien. Mit Mitte 50 wolle er sich mit seiner Freundin nach Asien absetzen, sagt er. Seine Ehe ist geschieden, seine Tochter Milena erwachsen. Die Winter auf der anderen Seite der Welt zu verbringen, wäre genau nach Dippens Geschmack. „Aber Pläne sind dazu da, dass man sie hat“, sagt er und zuckt die Achseln. Schon oft hatte er Pläne und verschiedene Lebensphasen. Zytanien bleibt sein Fixpunkt.

Milena, seine Tochter, ist mit 19 Jahren die jüngste Zytanierin. Auf der Terrasse ihres Vaters sitzend blinzelt sie gelassen in die Sonne und erzählt, dass dieser Sommer vielleicht der vorläufig letzte ist, den sie in Zytanien verbringt. Sie hat ihre Ausbildung zur Veranstaltungskauffrau abgeschlossen und glaubt, Abstand zu brauchen. „Irgendwann wirst du flügge und so“, sagt sie. Gleichzeitig fällt es ihr schwer, loszulassen. Zytanien sei ein Ruhepol, der Ort, an dem sie aufgewachsen ist. Auch wenn das nicht immer einfach war. Im Kindergarten durften andere Kinder nicht mit ihr spielen, und auf der Realschule das gleiche: Verfremdung.

Große Naturverbundenheit

Oft habe sie sich gewünscht, stinknormal zu sein. „Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um zu sehen, dass das für mich etwas Schönes ist, dass mein Leben eben anders ist“, sagt Milena. Leute, die das nicht akzeptieren, brauche sie nicht. Heute ist ihr Dippens „Hippiezeit“ vielleicht sogar näher, als dem Vater selbst. Zytanien habe ihr eine große Naturverbundenheit beigebracht, sagt sie. „Du hast eine Weitsicht auf jeden Zusammenhang, Lebewesen und Natur. Viele sehen nicht, was dahinter steckt und was einem das geben kann.“

Was Zytanien den Menschen gibt, können nur die Zytanier sagen. Ein Besuch wirft Fragen darüber auf, was Worte wie „anders“ und „normal“ als Beschreibung eines Lebensstils eigentlich bedeuten. Sofort spürbar ist jedoch die Anziehungskraft dieses Ortes mit seinem morbiden Charme, zwischen blökenden Schafen und einer Discokugel, die sich auf der Bühne still im Wind dreht.

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