Lent-Kaserne in Rotenburg/Wümme Soldaten wollen Kasernennamen behalten

Die Soldaten der Lent-Kaserne in Rotenburg/Wümme haben mehrheitlich für die Beibehaltung des Kasernennamens gestimmt. Das bestätigte Presseoffizier Marco Meyer am Montag gegenüber dem WESER-KURIER.
15.05.2017, 14:57
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Soldaten wollen Kasernennamen behalten
Von Silke Looden

Die Soldaten der Lent-Kaserne in Rotenburg/Wümme haben mehrheitlich für die Beibehaltung des Kasernennamens gestimmt. Das bestätigte Presseoffizier Marco Meyer am Montag gegenüber dem WESER-KURIER.

Namensgeber Helmut Lent gilt als umstritten, weil die Nationalsozialisten den Jagdflieger der Wehrmacht als Held verehrten. Nachdem der Fall des Bundeswehrsoldaten Franco A. eine Debatte um das Traditionsverständnis in der Bundeswehr ausgelöst hat, könnte der Name nun doch noch von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) kassiert werden. Ähnliches gilt für die Feldwebel-Lilienthal Kaserne in Delmenhorst.

„Die Soldaten haben mehrheitlich für die Beibehaltung des Namens gestimmt“, erklärt Presseoffizier Marco Meyer. Wegen der Diskussion um eine Verherrlichung der Wehrmacht in der Bundeswehr ist Meyer sich jedoch nicht mehr so sicher, ob die Ministerin das Votum der rund 1000 Soldaten akzeptiert: „Ich gehe davon aus, dass die Verteidigungsministerin die Sache noch einmal überdenken wird.“

Im Zuge der Ermittlungen in der Deutsch-Französischen Brigade in Illkirch, wo Franco A. stationiert war, waren Wehrmachtsdevotionalien gefunden worden. Daraufhin hatte die Ministerin erklärt, die Wehrmacht sei in keiner Form traditionsstiftend für die Bundeswehr. Einzige Ausnahme seien einige herausragende Einzeltaten im Widerstand. Aber sonst habe die Wehrmacht nichts mit der Bundeswehr gemein.

Stadtrat sprach sich Beibehaltung des Namens aus

„Angesicht der aktuellen Entwicklung muss die Ministerin das Votum der Soldaten ablehnen“, meint der Sprecher der Bürgerinitiative für eine Umbenennung der Rotenburger Kaserne, Marc Andreßen. Erst vor Kurzem war bekannt worden, dass der Kommandant das Lent-Zimmer in der Kaserne bereits in Wümme-Zimmer umbenannt hatte. Das gefällt der Bürgerinitiative. Sie schlägt den Namen Wümme-Kaserne vor. Zuvor hatte die Bürgerinitiative auch schon den früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt als Namensgeber ins Spiel gebracht. Es gehe darum, Alternativen aufzuzeigen, meint Andreßen. Lent jedenfalls tauge nicht als Vorbild für die Bundeswehr. Der Jagdflieger sei ein Nazi gewesen und habe noch 1944 Durchhalteparolen ausgegeben.

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Der Rotenburger Stadtrat hatte sich dagegen wie die Soldaten für die Beibehaltung des Namens ausgesprochen. Dazu Bürgermeister Andreas Weber: „Rotenburg verbindet eine mehr als 50-jährige Geschichte mit der Lent-Kaserne. Es bringt nichts, den Namen einfach zu löschen. Wir müssen uns kritisch mit der Geschichte auseinandersetzen.“ Weber beruft sich auf eine wissenschaftliche Untersuchung des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften.

Danach sei Lent weder NSDAP-Mitglied noch Hitler-Verehrer gewesen. Die Stadt will eine Informationstafel an der Kaserne anbringen, „damit auch künftige Generationen mehr über Lent erfahren“, so Weber. Er weiß, dass man heute keine Kaserne mehr nach einem Jagdflieger der Wehrmacht benennen würde. „Aber es geht ja nicht um eine Neu-, sondern um eine Umbenennung.“

Seit 1982 rund ein Dutzend Kasernen umbenannt

Unterdessen erklärte das Bundesverteidigungsministerium am Montag während der Regierungspressekonferenz in Berlin, dass die Ministerin bei der Umbenennung von Kasernen „keine einsamen Entscheidungen“ treffen wolle. Kommunen, Vereine, Verbände und politische Entscheidungsträger vor Ort würden in diesen Prozess einbezogen, so Sprecher Jens Flosdorff. Seit dem Traditionserlass der Bundeswehr von 1982 erhielten rund ein Dutzend Kasernen neue Namen. Diese waren zuvor wie die Rotenburger Kaserne nach Angehörigen der Wehrmacht benannt. Bis Ende des Jahres will das Ministerium prüfen, ob der Name der Kaserne noch sinnstiftend im Sinne des Traditionsverständnisses der Bundeswehr ist oder eine Umbenennung zu erfolgen hat.

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„Eine Kaserne prägt ihr lokales Umfeld. Ich halte es daher nach wie vor für richtig, wenn über die Namensgebung von Kasernen vor Ort entschieden wird“, meint die CDU-Bundestagsabgeordnete im Wahlkreis Rotenburg/Heidekreis, Kathrin Rösel. Die Politikerin beruft sich auf einen entsprechenden Erlass des Verteidigungsministeriums aus dem Jahr 2002.

Initiative hält Votum der Soldaten für nicht haltbar

Der SPD-Bundestagsabgeordnete aus dem Wahlkreis, Lars Klingbeil, erinnert die Ministerin daran, dass sie selbst die Beteiligung vor Ort vorgeschlagen hatte. Klingbeil: „Der Zickzackkurs der Ministerin führt zu großer Unsicherheit.“ Die innenpolitische Sprecherin der Linken, Ulla Jelpke, wartet indes seit Wochen auf eine Antwort der Bundesregierung auf ihre Anfrage zur Rotenburger Kaserne: „Offenbar kommt die Bundesregierung vor dem Hintergrund der erneut aufgedeckten Fälle von Wehrmachtsverherrlichung ins Schwitzen.“

Die Initiative gegen falsche Glorie in der Bundeswehr hält das Votum der Soldaten jedenfalls für nicht haltbar. „Das ist ein Schlag ins Gesicht der Ministerin“, sagt der Sprecher der bundesweiten Initiative Jakob Knab. Der Publizist aus Kaufbeuren kämpft seit Jahren gegen eine zweifelhafte Erinnerungskultur in der Bundeswehr. Auch er beruft sich auf den Traditionserlass. Soldaten, die für die freiheitlich demokratische Grundordnung kämpfen, dürften sich die Wehrmacht nicht zum Vorbild nehmen, meint Knab. Die Initiative fordert auch die Umbenennung der Feldwebel-Lilienthal Kaserne in Delmenhorst. Unter der Verantwortung von Diedrich Lilienthal wurden russische Panzer zerstört.

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