Pflege

Sozialministerin plant präventive Hausbesuche

Carola Reimann will der Pflegebedürftigkeit von Senioren mit einem neuen Konzept entgegentreten. Ältere sollen solange wie möglich zu Hause leben können.
16.10.2019, 19:32
Lesedauer: 3 Min
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Sozialministerin plant präventive Hausbesuche
Von Peter Mlodoch
Sozialministerin plant präventive Hausbesuche

Will präventive Hausbesuche bei der Ü-80-Generation starten: Carola Reimann (SPD).

Hollemann/DPA

Mit präventiven Hausbesuchen bei der Ü-80-Generation will Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) einerseits eine Pflegebedürftigkeit verhindern oder zumindest verzögern und andererseits eine gute Versorgung gewährleisten. „Wir wollen Seniorinnen und Senioren dabei unterstützen, so lange wie möglich, so selbstbestimmt und so eigenständig wie möglich zu leben“, betonte Reimann in Hannover. Dabei sollen kommunale Helfer sich die Wohnung und das Umfeld älterer Menschen ab 80 Jahren anschauen, Tipps für die Einrichtung und den Tagesablauf geben, aber auch Angebote im Quartier organisieren. „Das können eine Einkaufshilfe, ein Skat-Club oder eine Häkelgruppe sein“, zählte Reimann einige Beispiele auf.

Im Rahmen eines wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekts möchte die Ministerin ab dem nächsten Jahr die „präventiven Hausbesuche“ auf freiwilliger Basis in einer Großstadt, in einer Kleinstadt und auf dem Lande ausprobieren lassen. 500 000 Euro will das Sozialressort dafür zunächst bereitstellen. „Die Berater müssen nicht zwingend Pflegekräfte sein, sollten sich aber vor Ort sehr gut auskennen“, sagte Reimann. Außerdem müssten sie im Umgang mit ihren Klienten geschult sein, um diese von bestimmten Notwendigkeiten – also letztendlich auch vom Umzug in ein Pflegeheim – überzeugen zu können. „Älter werden ja immer nur die anderen“, beschrieb die Ministerin die Vorbehalte so mancher Senioren gegen Hilfe von außen.

Prävention sei bisher zu wenig im Fokus, erklärte Reimann. Vergleiche man die heutigen Senioren mit früheren Generationen, seien diese viel fitter. „Das Altern ist also beeinflussbar.“

Das Hausbesuch-Konzept ist allerdings nur einer von mehreren Punkten, mit denen die Sozialministerin die Situation der Pflegebedürftigen, aber auch der Beschäftigten in der Branche verbessern will. So plant Reimann, eine gesetzlich verankerte „Beschwerdestelle Pflege“ einrichten. Analog zu den Patientenschutzbeauftragten soll diese Anlaufpunkt für Fälle werden, in denen es schiefläuft. Die Stelle stehe für die Meldung von Missständen offen sowohl für Pflegebedürftige und deren Angehörige als auch für Pflegekräfte, kündigte die Ministerin an. Daneben will die Ressortchefin den Schwund bei Kurzzeit-Pflegeplätzen mit finanziellen Mitteln stoppen. Diese sind etwa nach einem Krankenhausaufenthalt für Alleinstehende gedacht, die sich zu Hause nicht selbst versorgen können. Auch sollen solche Plätze pflegenden Angehörigen einen Urlaub von ihrer anstrengenden Tätigkeit ermöglichen. Problem: Das verursacht wegen des ständigen Wechsels einen höheren Aufwand und mehr Kosten. Die Pflegedienste bevorzugen daher lieber Dauerbetreute. Sieben Millionen Euro aus dem Landesetat sollen künftig Anreize schaffen, auch genügend Anteil an Kurzzeit-Plätzen vorzuhalten. Investitionskostenzuschüsse des Landes für Pflegedienste will die Ministerin an Tariflöhne für die Beschäftigten koppeln. Man müsse den Beruf durch eine gute Bezahlung attraktiver machen, um so dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Auf Bundesebene dringt Niedersachsen auf eine neue Struktur der Pflegeversicherung, um Pflegebedürftige und Angehörige finanziell zu entlasten. „Es braucht eine neue Balance zwischen Versicherungsbeitrag, Steuerzuschuss und Eigenbeteiligung“, meint die Ministerin und fordert dafür drei Komponenten: einen Steuerzuschuss des Bundes, den es anders als bei den Krankenkassen nicht gibt. Dann müsse man die Eigenanteile der Betroffenen fixieren. Bisher zahle die Pflegekasse einen relativ geringen Festzuschuss, für den Rest komme der Pflegebedürftige oder dessen Angehörige auf. „Das muss umgekehrt sein.“ Die dringend erforderlichen höheren Löhne und besseren Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte dürften nicht zu höheren Eigenanteilen bei den Betroffenen führen.

Schließlich spricht sich die Ressortchefin dafür aus, die gesetzliche und die private Pflegeversicherung zusammenzulegen. Anders als bei den Krankenversicherungen seien hier Beiträge und Leistungen absolut gleich; lediglich die Inanspruchnahme falle bei den Privatversicherten geringer aus. Eine Fusion schaffe eine breitere Finanzierungsbasis für alle Versicherten. Bei einem Spitzentreffen mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am 11. November will Reimann für ihre Ideen werben. Dabei weiß die SPD-Politikerin Länder wie Hamburg oder Rheinland-Pfalz hinter sich, erwartet aber gerade beim letzten Punkt, den Kritiker als Einstieg in eine Bürgerversicherung sehen könnten, Widerstand des Bundes. „Hier sind wir schnell im ideologischen Fahrwasser.“

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