Verlassene Orte: In der Muna Dünsen lagerten Atomwaffen

Spaziergang zwischen Bunkern

Dünsen. Während des Kalten Kriegs lagerten in der Luftmunitionsanstalt Dünsen im Landkreis Oldenburg atomare Waffen der US-Amerikaner. Heute ist das ehemalige Militärareal für alle zugänglich. Und im Wald rotten Generationen von Bunkern vor sich hin.
22.02.2014, 00:00
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Spaziergang zwischen Bunkern
Von Kathrin Aldenhoff
Spaziergang zwischen Bunkern

Karl Heinz Weinert hat seine Wehrdienstzeit in der Luftmunitionsanstalt Dünsen in keiner guten Erinnerung. Sein Sohn wurde in dieser Zeit geboren; er bekam nur ein paar Tage frei, um nach Hause zu fahren.

Jana Euteneier

Während des Kalten Kriegs lagerten in der Luftmunitionsanstalt Dünsen im Landkreis Oldenburg atomare Waffen der US-Amerikaner. Die Bundeswehr half mit, das Gelände zu bewachen. Heute ist das ehemalige Militärareal für alle zugänglich. Und im Wald rotten Generationen von Bunkern vor sich hin.

Karl Heinz Weinert war glücklich, als er nach zwölf Monaten von hier fort durfte. Von der Luftmunitionsanstalt (Muna) Dünsen wollte er nichts mehr wissen. Von März 1972 bis März 1973 war er dort als Wehrdienstleistender beim 5. Raketenartilleriebataillon 112 stationiert. „Ich habe es als eine sehr harte Zeit empfunden“, sagt der 63-Jährige. Nur selten durften er und seine Kameraden die Kaserne verlassen: Die Zeiten waren gefährlich, Kalter Krieg und die Baader-Meinhof-Gruppe eine ständige Bedrohung. Dünsen als Lager für atomare Waffen des US-Militärs glich einem Hochsicherheitstrakt. Trotzdem ist er zurückgekommen. Die Vergangenheit hat ihn nicht losgelassen.

„Hier passte jeder auf jeden auf“, sagt Weinert. Er läuft den gleichen Weg, den er vor 40 Jahren lief: Von den Kasernenbauten am Ortsende von Dünsen (Landkreis Oldenburg) an einem mit Stacheldraht und Nato-Draht verstärkten Zaun entlang, an der ehemaligen Kampfsporthalle vorbei, rechts um die Ecke. Hinter Bäumen ist ein Wachturm zu erkennen. Dann geht er noch einmal schräg nach rechts: Da war das Tor zur zweiten von insgesamt drei Sicherheitszonen. Es steht noch heute dort. Doch der Zaun, der die Zone eingrenzte, ist nicht mehr da, und das Tor ist verrostet.

In diesen Bunkern lagerte das US-Militär atomare Sprengköpfe.

In diesen Bunkern lagerte das US-Militär atomare Sprengköpfe.

Foto: Jana Euteneier

Weinert geht an dem Tor vorbei und erklärt: Außen am Zaun patrouillierte eine Zivilstreife mit Hunden, innen wachte die Bundeswehr. Und im innersten Bereich, in der dritten Sicherheitszone, waren die US-Soldaten und die atomaren Waffen: Sprengköpfe für die Kurzstreckenrakete Honest John, gelagert in zwei Betonbunkern, mit Erde und Gras getarnt. Aus der Luft müssen sie aussehen wie einfache Hügel. In die innerste Sicherheitszone durften die Bundeswehrsoldaten nur, wenn die Atomwaffen für den Transport verladen wurden.

Heute wacht niemand mehr über das Gelände. Die beiden Betonbunker sehen verloren aus, sie sind Zeugen einer anderen Zeit. Das Rolltor eines der Bunker steht offen. Der Lagerraum ist leer, keine Spur von den Munitionskisten aus Holz. Atomwaffen liegen hier schon lange nicht mehr: Nach Ende des Kalten Krieges wurden sie entfernt, und auch die Bundeswehr verließ Ende der 1990-er Jahre das Gelände.

Ein Offizier erzählte Karl Heinz Weinert, dass die Amerikaner die Kisten zu Übungszwecken zwischen den verschiedenen Lagerstätten hin- und hertransportierten. Beim Verladen der Holzkisten habe keiner der rund 20 Bundeswehrsoldaten, die den Vorgang überwachten, gewusst, ob darin Waffen oder nur Attrappen waren; selbst die Offiziere nicht, meint Weinert. Die Sicherheitsbehörden seien damals nervös gewesen. Und der Kalte Krieg und die Rote Armee Fraktion (RAF) waren auch unter den Soldaten Thema: „Manche hatten Angst vor dem Atomkrieg. Ich hatte mehr Angst vor den Terroristen.“

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Als Wehrdienstleistender beobachtete er zwei Mal, wie die Munitionskisten verladen wurden. Er stand als wachhabender Soldat auf einem der vier Wachtürme, die ein Rechteck um die Sicherheitszone der Amerikaner bildeten. Heute sind nur noch die Fundamente übrig. Dafür steht ein Wachturm auf dem Gelände, den es zu Weinerts Zeiten noch nicht gab. Innen ist er grün gestrichen, eine enge steile Wendeltreppe aus Metall führt hinauf in die Kabine. Die Fenster sind aus Sicherheitsglas; viele von ihnen sind zersprungen, und die Plastikfolie quillt hervor. In der ehemaligen Hochsicherheitszone wachsen Birken, Kiefern und Gestrüpp wild durcheinander.

Hand in Hand geht Karl Heinz Weinert mit seiner Frau Karin auf den alten Wegen spazieren, 2008 wurden sie für die Öffentlichkeit freigegeben. „Als ich hörte, dass das Gelände offen ist, wollte ich hierhin“, sagt er. „Um einen Schlussstrich zu ziehen.“ Dreimal, schätzt er, sei er in den vergangenen fünf Jahren hier gewesen. Gerne würde er sich mit anderen über die Zeit in Dünsen unterhalten, Erinnerungen austauschen. Mit der Hilfe seines Sohnes sucht er im Internet nach alten Kameraden.

Kampfsport als Zeitvertreib

Er zeigt auf eine einfache Halle, die nah am Weg von den Kasernen zum Lager steht. „Wenn wir Bereitschaft hatten, haben wir hier Sport getrieben“, erzählt Weinert, der nach seiner Dienstzeit wieder als Gärtner gearbeitet hat. Auf dem Dach wächst Moos, und die graue Tür der Halle steht offen. Die Dielen des Holzfußbodens sind morsch, mehrere Fensterscheiben zerstört. Judo hätten sie hier gemacht, erzählt er und sieht sich in der Halle um. Außerdem standen Waffenkunde, Nacht- und Orientierungsmärsche auf dem Dienstplan. Die Soldaten übten im östlichen Teil der rund 150 Hektar großen Anlage. Auf diesem Teil des Geländes hatte Hitler 1935 eine Anlage zur Munitionsherstellung errichten lassen.

Die Bunker scheinen dort aus dem Waldboden zu wachsen. Alle paar Meter tauchen zwischen Weiden, Birken und Efeu Ruinen aus Backstein auf. Eine Buche krallt sich mit ihren Wurzeln in einem der Bunker fest. Weinert nickt zu dem Baum hinüber und sagt: „Die Natur holt sich alles wieder, das ist toll.“ Vorsichtig betritt er einen der niedrigen Ziegelsteinbunker, der nicht weit vom Weg im Wald liegt. Das Bauwerk ist von Efeu überwuchert, die Decke biegt sich bedrohlich. „Die Bösen saßen in den Bunkern, die Guten waren draußen“, erinnert sich Weinert. Die Soldaten übten, sich nachts im Gelände zu orientieren und auf Angriffe aus dem Hinterhalt zu reagieren. Heute hat ein Bauer in einem der Ziegelsteinbunker einen Strohballen gelagert.

An das Produktionsgelände aus den 1930er Jahren grenzt ein weiteres verlassenes Bunkerareal aus Bundeswehrzeiten. Dort war die normale Munition für die Artillerie gelagert. Bäume wachsen auf den künstlichen Erdhügeln, Lüftungsschächte blitzen an manchen Stellen durch das Laub. Auch hier stehen viele Tore offen, an manchen Wänden wechseln sich Kritzeleien mit militärischen Markierungen ab.

In seiner Jackentasche trägt Karl Heinz Weinert seit Beginn des Spaziergangs die Kopien zweier alter Postkarten aus Dünsen. Darauf sind in Schwarz-Weiß mehrere Gebäude zu sehen, unter anderem ein Schullandheim und ein Altenheim. Auf dem Rückweg bleibt er stehen und zieht sie aus der Tasche. „Meinst du nicht auch, dass es das Gebäude sein könnte?“, fragt er seine Frau und zeigt auf ein Haus, das heute im Besitz einer Firma ist. Dann deutet er auf das verblasste Postkartenbild, zählt die Fenster und nickt. Ja, das könnte in den 1950er Jahren das Schullandheim Alter Postweg gewesen sein. Er steckt die Kopien wieder weg. „Wenn man überlegt, dass aus diesem friedlichen Ort ein Militärgelände wurde. Das ist schon traurig.“ Weinert schüttelt den Kopf und geht weiter. Schritt für Schritt lässt er die Luftmunitionsanstalt hinter sich. Bis zum nächsten Spaziergang in die Vergangenheit.

In der nächsten Folge unserer Serie „Verlassene Orte“ führen wir Sie zu einem Expo-Pavillon.

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