Auch Bassumer L 776 dabei SPD kürt schlechteste Landesstraße

Hannover. Niedersachsens Landesstraßen sind in einem erbärmlichen Zustand. Die zehn schlimmsten Buckelpisten hat jetzt eine Jury der SPD-Landtagsfraktion in einem Wettbewerb auserkoren und mit Urkunden prämiert. Platz eins belegt die L 425 in Lauenstein (Kreis Hameln).
05.05.2010, 18:10
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Peter Mlodoch

Hannover. Tiefe Ritzen und Rinnen, riesige Schlaglöcher, hervorlugende Pflastersteine: Niedersachsens Landesstraßen sind in einem erbärmlichen Zustand. Die zehn schlimmsten Buckelpisten hat jetzt eine Jury der SPD-Landtagsfraktion in einem Wettbewerb auserkoren und mit Urkunden prämiert. Die Aktion soll Druck auf die CDU/FDP-Landesregierung machen, damit diese mehr Geld in die Sanierung der maroden Straßen steckt.

'Die Regierung geht mit der Substanz und dem Vermögen des Landes äußerst fahrlässig um', kritisierte SPD-Fraktionschef Wolfgang Jüttner gestern in Hannover. Aufgeschobene Reparaturen führten zu einem immer größeren Unterhaltungsaufwand. Um den Sanierungsstau abzuarbeiten, seien in den nächsten drei Jahren jeweils mindestens 100 Millionen Euro erforderlich. Mit einem Entschließungsantrag im Landtag will die SPD erreichen, dass diese Summen in den kommenden Haushalten eingestellt werden. Im laufenden Etat des Wirtschaftsministeriums sind 73,5 Millionen Euro dafür vorgesehen.

8000 Kilometer Landstraßen mit 1900 Brücken führen durch Niedersachsen; dazu kommen 4400 Kilometer Radweg. 90 Prozent dieser Straßen sind nach Auskunft des Verkehrsministeriums auf eine SPD-Landtagsanfrage schadhaft, bei 44 Prozent sind es sogar mittlere bis starke Schäden. Diese gefährden nicht nur die Verkehrs-sicherheit, sondern sorgen bei Anwohnern für Lärm und Dreck.

So die Ortsdurchfahrt der L 425 in Lauenstein (Kreis Hameln/Pyrmont), die als trauriger Sieger aus dem SPD-Wettbewerb hervorging. Durch den Schwerlastverkehr von und zu dem nahen Steinbruch sind die Fahrbahnränder total verdrückt, unzählige Schlaglöcher entstanden, und es hat sich ein unübersehbares Netz von Rissen in der Fahrbahn gebildet. 'Zweiradfahrern kann man guten Gewissens eine Benutzung dieses Abschnitts nicht empfehlen', sagte Jury-Chef Werner Giesemann von der Gewerkschaft IG BAU.

Als 'Prämie' erhielt Lauensteins Ortbürgermeister Horst Wichmann (CDU) aus der Hand von SPD-Wirtschaftsexperte Gerd Will einen 'Besserungsschein', einen symbolischen Scheck über 800000 Euro, die für die Sanierung veranschlagt werden. 'Der erste Preis macht uns nicht stolz, aber vielleicht geht es jetzt mit dem Ausbau schneller voran', erklärte Wichmann.

Eine zweifelhafte Auszeichnung bekam auch die Ortsdurchfahrt von Bassum. Dort ist die die Fahrbahndecke der L 776 auf mehreren Hundert Metern vom untergründigen Kopfsteinpflaster abgelöst; starker Lastwagenverkehr vergrößert die Schäden. Seit Jahren bemühen sich Anlieger und ein Gewerbebetrieb um Abhilfe; außer einer gründlichen Reinigung kurz vor Besuch der Jury passierte aber nichts. Rund eine Million Euro dürfte die Reparatur kosten; Bassums stellvertretende Bürgermeisterin Luzia Moldenhauer (SPD) nahm einen entsprechenden 'Besserungsschein' mit nach Hause.

Weiterer Spitzenreiter: L46

Spitzenreiter der Kategorie außerörtliche Landesstraßen wurde die L 46 zwischen Ringe und Twist in der Grafschaft Bentheim. 'Fährt ein Auto durch diese Kraterlandschaft, fliegen einem die Fetzen um die Ohren', urteilt die Jury über dieses exemplarische Beispiel dafür, 'wie durch nachhaltiges Nichtstun seit Jahren wertvolles Landesvermögen dem Verfall überlassen wurde'. Nur ein grundlegender Neubau könne dieses Desaster vergessen machen.

Eine zweifelhafte Ehre wäre fast auch der L171 bei Schneverdingen wegen schwerer Querrillen und großflächigen Fahrbahnablösungen zuteil geworden. Doch kurz bevor die Jury auftauchte, wurde eine Baustelle eingerichtet und mit der Sanierung begonnen. 'Da hat wohl jemand läuten gehört, dass diese Straße auf unsere schwarze Liste kommt', meinte Jury-Mitglied Giesemann lächelnd. 'Damit hat unsere Aktion unverhofft einen klaren Erfolg gezeitigt.'

Noch warten müssen dagegen die Einwohner von Visselhövede. Während dort die Instandsetzung der Bundesstraße B 440 konkret vorbereitet wird, ist von einer bevorstehenden Sanierung der L171 nichts zu merken. Der SPD war dies prompt einen Sonderpreis wert.

42 Schlaglochpisten hatten örtliche Politiker, Anwohner und andere Betroffene der SPD als Preis-Anwärter gemeldet - noch vor dem harten Winter und dessen Frostfolgen. Zehn Straßen hat sich die Jury genauer angeschaut. 'Das heißt aber nicht, dass die anderen Straßen weniger gefährlich sind', meinte Will. Die 'prämierten' Straßen müssten jedoch vorrangig saniert werden. 'Die Bevölkerung dort leidet wie ein Hund.'

Die symbolischen Schecks der SPD sind laut Aufdruck spätestens bis zum 30. Juni 2013 einzulösen, also wenige Monate nach der nächsten Landtagswahl. 'Wenn bis dahin nichts passiert ist', betonte SPD-Fraktionschef Jüttner süffisant, 'sind dann wohl wir als Regierung in der Pflicht.'

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+