Niedersachsen

Spinnen bremsen Autofahrer aus

Hannover. Spinnen bremsen Autofahrer in Niedersachsen aus. Die Netze der Tiere können den Sensoren der automatischen Verkehrsbeeinflussungsanlage auf der A2 schlechte Sicht vorgaukeln. Wegen angeblichen Nebels wird das Tempo drastisch gedrosselt.
22.05.2012, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Peter Mlodoch

Hannover. Spinnen bremsen Autofahrer in Niedersachsen aus. Die Netze der Tiere können den Sensoren der automatischen Verkehrsbeeinflussungsanlage auf der A2 schlechte Sicht vorgaukeln; wegen angeblichen Nebels wird dort dann das Tempo-limit drastisch gedrosselt. Wer dagegen verstößt, darf allerdings auf Milde hoffen.

Sonntag spät abends, um 23.08 Uhr auf der A 2 Richtung Berlin, direkt an der Landesgrenze zu Nordrhein-Westfalen: Die Außentemperatur beträgt milde 21 Grad. Zwischen den Anschlussstellen Veltheim und Bad Eilsen leuchten plötzlich die Hinweise an der automatischen Schilderanlage auf. "Nebel" warnen sie grell und beschränken die erlaubte Geschwindigkeit aus dem Nichts heraus auf Tempo 40. Ein Kleinlaster aus Polen, ein ukrainischer Sattelschlepper und mehrere Autos mit Heimkehrern aus dem verlängerten Wochenende gehen in die Eisen.

Doch von Nebelbänken keine Spur – weder über der Talbrücke noch hinter den nächsten Kurven. Trotzdem verbreitet auch die zweite Schilderbrücke die nebulöse Botschaft, das Tempolimit wird wiederholt. Die Autofahrer sind verunsichert, denn der Blick in die Ferne ist in dieser lauen Vorsommernacht kilometerweit ungetrübt. Die Lastwagenfahrer geben als erste wieder Vollgas. Weil die drei Fahrspuren relativ leer sind, entsteht immerhin keine brenzlige Situation.

Der falsche Nebelalarm ist kein Einzelfall. "Das kann immer wieder mal passieren", gibt Hartmut Prüß, Leiter der niedersächsischen Verkehrsmanagementzentrale in Hannover unumwunden zu. Neben kleineren Computerproblemen sorge öfter auch mal die Natur für Funktionsstörungen. "Wenn Spinnen über die Sichtweitenmessgeräte krabbeln und ihre Netze weben, wird eben Nebel diagnostiziert." Das Phänomen sei auch aus Tunneln bekannt, man versuche bereits, die Achtfüßler mit speziellen Duftstoffen zu vertreiben. Auch Hasen, Rehe und Insekten könnten den in regelmäßigen Abständen aufgebauten Sensoren einschränkte Sicht suggerieren.

"Nebel ist eine schwierige Schaltung", sagt Experte Prüß. Das Auftreten der trüben Suppe in Bänken und Schwaden mache das Messen und Auswerten auch so schon kompliziert genug. Wegen der großen Gefahren, etwa von Massenkarambolagen, habe man die Sensoren von vornherein sehr empfindlich eingestellt. Das Motto: Lieber einmal zu viel als einmal zu spät gewarnt. Die Verkehrsleitzentrale sei aber rund um die Uhr besetzt. Die Mitarbeiter dort würden die automatischen Anzeigen der Schilderbrücken permanent mit der Wirklichkeit draußen abgleichen und notfalls nachjustieren.

Angeordnete Tempolimits müssen grundsätzlich eingehalten werden. Wenn diese aber augenscheinlich unsinnig sind, dürfen geblitzte Autofahrer zumindest auf Milde hoffen. Behörden und Gerichte seien aufgrund des Opportunitätsprinzips bei Ordnungswidrigkeiten nicht verpflichtet, Bußgeld einzutreiben, sagt Wolfgang Polacek aus dem Rechtsreferat des niedersächsischen Innenministeriums. "Sie können ein Verfahren jederzeit einstellen." Und dies geschehe in ähnlich gelagerten Fällen bei technischen Pannen auch relativ häufig. Gleichzeitig warnt Polacek die Autofahrer vor faulen Ausreden und bloßen Schutzbehauptungen. Die Anordnungen der automatischen Verkehrsbeeinflussungsanlage und deren Begleitumstände würden ausführlich dokumentiert. Man könne also jederzeit feststellen, ob ein Tempolimit berechtigt gewesen sei.

Die A 2 ist mit 140000 Fahrzeugen pro Tag eine der meist befahrenen Strecken Deutschlands; immer wieder sorgen schwere Unfälle – oft mit Lastwagen – für negative Schlagzeilen. Seit gut einem Jahr wird der Verkehrsfluss auf dem 155 Kilometer langen niedersächsischen Abschnitt zwischen Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt komplett automatisch geregelt. Dazu dienen rund 280 Schilderbrücken und andere Anlagen.

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