Sechs Monate vor der Wahl touren David McAllister und Stephan Weil durchs Land Spitzenkandidaten inszenieren sich

Solider Kümmerer gegen lebenslustigen Landesvater: Der SPD-Herausforderer Stephan Weil sucht sechs Monate vor der niedersächsischen Landtagswahl noch nach geeigneten Rezepten, um CDU-Ministerpräsident David McAllister den Amtsbonus streitig zu machen. Emotionale Themen fehlen beiden Kandidaten noch.
27.07.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Peter Mlodoch

Solider Kümmerer gegen lebenslustigen Landesvater: Der SPD-Herausforderer Stephan Weil sucht sechs Monate vor der niedersächsischen Landtagswahl noch nach geeigneten Rezepten, um CDU-Ministerpräsident David McAllister den Amtsbonus streitig zu machen. Emotionale Themen fehlen beiden Kandidaten noch.

Hannover. Im Sommer geben sich Politiker gern volksnah und touren durchs Land – besonders ein halbes Jahr vor der Landtagswahl in Niedersachsen. Bei ihren Ausflügen zeigen Ministerpräsident David McAllister (CDU) und sein Herausforderer Stephan Weil (SPD) Gesicht und schütteln Hände.

An der Hochwasserschutzmauer in Hitzacker wartet bereits der Shanty-Chor "Die Jeetzel-Staker". Ministerpräsident McAllister (CDU) enthüllt eine Gedenktafel für einen verdienten Ortspolitiker. Dann stellt er sich vor die in Seemannstracht gekleideten Musiker und schmettert fröhlich das angestimmte Niedersachsen-Lied mit. Der Regierungschef ist in seinem Element, zwischen Schützenbrüdern und der ukrainisch-stämmigen Weinkönigin Tetyana "die Weltoffene" scheint ihm die Rolle als bodenständiger, aber lebenslustiger Landesvater besonders leichtzufallen.

Am Tag zuvor erklimmt McAllisters Herausforderer bei der Landtagswahl am

20. Januar 2013, der SPD-Spitzenkandidat Stephan Weil, den "Liebesbankweg" oben in den Harz-Ausläufern über Goslar. Ziel ist die "Steinberg Alm", ein auf bayrisch getrimmtes Ausflugslokal. Ein Mann mit Trachtenhut und Krachlederner spielt auf einer Ziehharmonika bayrische Weisen. Hannovers Oberbürgermeister guckt etwas irritiert; das süddeutsche Ambiente passt schließlich so gar nicht zu Weils Sommertour durch Niedersachsen, mit der sich der 53-jährige Kommunalpolitiker den Wählern im Land bekannter machen und als potenzieller Ministerpräsident präsentieren will.

Und dafür muss der Jurist offenbar noch viel tun. "Ich habe ihn jetzt das erste Mal überhaupt gesehen", sagt Spaziergänger Helmut Gnad aus Liebenburg bei Salzgitter, dessen Familie nach eigenen Angaben eigentlich sozialdemokratisch orientiert ist. Sohn Rüdiger immerhin lässt Hoffnung aufkeimen. Obwohl er sich lieber jüngere Politiker wünsche, werde er wohl Stephan Weil wählen, bekennt der 32-Jährige. "Er ist einfach freundlich."

Amtsinhaber McAllister sind derlei Probleme fremd. Der Bekanntheitswert des 41-jährigen Deutsch-Schotten liegt in Niedersachsen weit über 90 Prozent. Mit schönen Bildern von seiner Sommertour, der er beharrlich jeglichen Wahlkampfcharakter abspricht, will er seine Popularität steigern und den Amtsbonus ausbauen. "Mac ist für alle da", posaunt der Regierungschef heraus. McAllister streichelt im Tierpark Lauenbrück Rehe, er radelt am Elbdeich mit Gorleben-Aktivisten um die Wette oder fragt im Betriebskinderkarten der Verdener Firma Block zwei kleine Mädchen aus. Beim Autozulieferer Continental in Hannover setzt sich der gelernte Jurist geschwind in einen Elektrorennwagen. Rasante Fotos, die McAllister als innovativen Modernisierer darstellen, können ja schließlich nicht schaden.

Der SPD-Konkurrent dagegen verpasst solch eine Gelegenheit. Im Energieforschungszentrum Niedersachsen in Goslar geht der Spitzen-Genosse achtlos an dem Tesla Roadster, einem Sportflitzer mit Elektromotor, vorbei. Stattdessen gibt es zuhauf Fotos von Weil in Wanderkluft. Sich publikumswirksam darzustellen, ist nicht Sache des Stadtoberhaupts und langjährigen Kämmerers. Er pflegt lieber das Image des auf Sparsamkeit und Seriosität bedachten Kümmerers. Während der Ministerpräsident im Bus, der seinen Namenszug und das Niedersachsenwappen trägt, durch die Lande tourt, lässt sich Weil mit seinem Tross von einem Gefährt des kommunalen Verkehrsbetriebs Üstra kutschieren – zu Werkstätten für benachteiligte Jugendliche oder zu Mehrgenerationenhäusern.

Sechs Monate vor der Landtagswahl fehlen beiden Spitzenkandidaten noch die emotionalen Themen. Solide Finanzen und eine Garantie für starke Gymnasien führt der Amtsinhaber ins Feld; sein Herausforderer probiert es mit kleineren Hürden für Gesamtschulen und gerechten Löhnen für gute Arbeit.

Weils Forderung, Gorleben bei einer Suche nach einem Atommüll-Endlager sofort aus dem Topf zu nehmen, torpediert der – eigentlich als Unterstützer herbeigerufene – SPD-Bundeschef Sigmar Gabriel. Für ein glaubwürdiges Verfahren müsse der Salzstock zunächst im Spiel bleiben, erklärt Gabriel bei einem gemeinsamen Auftritt in Goslar kategorisch.

So ganz rund läuft es für den SPD-Kandidaten derzeit noch nicht. Da jubelt Stephan Weil im Internet über eine zweifelhafte Umfrage, die die Roten weit vor den Schwarzen sieht und spricht im Fußballerjargon vom "psychologisch wichtigen Treffer vor der Halbzeitpause". Doch kurze Zeit später verhagelt ihm eine neue, diesmal klassische Wählerbefragung die Siegesgewissheit. 38 zu 33 Prozent steht es dort für die CDU gegen die SPD. Und schon verstummt Weil. David McAllister dagegen kann plötzlich vor Kraft kaum noch gehen: "Mac is back."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+