Ministerpräsident wirbt um Stimmen

Stephan Weil auf Tour durch Niedersachsen

Die Landtagswahl am 15. Oktober dürfte ein Kopf-an-Kopf-Rennen werden: SPD und CDU liegen gleichauf. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) gibt sich optimistisch und tourt derzeit durchs Land.
08.10.2017, 20:57
Lesedauer: 4 Min
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Stephan Weil auf Tour durch Niedersachsen
Von Peter Mlodoch
Stephan Weil auf Tour durch Niedersachsen

Auf seiner Bulli-Tour reist Ministerpräsident Stephan Weil zwischen Küste, Heide und Harz quer durch Niedersachsen, um die Wähler erneut von sich zu überzeugen.

Reuters

Eigentlich ist die gute Laune des niedersächsischen Ministerpräsidenten kaum noch zu toppen. Gerade hat SPD-Landeschef Stephan Weil die neuen Umfrageergebnisse erfahren, die seine Partei kurz vor der Landtagswahl am 15. Oktober nach einem Zehn-Punkte-Rückstand im Sommer mittlerweile gleichauf mit der CDU sehen. Auf der Bulli-Tour zum nächsten Wahlkampf-Auftritt in Gifhorn kommt Weil trotz des miesen Wetters kaum noch aus dem Lachen heraus, macht Witzchen, erzählt lustige Anekdoten aus seinem Leben. Und er lästert über Personalvorschläge und Pannen bei der politischen Konkurrenz, etwa den verpassten Auftritt seines CDU-Herausforderers Bernd Althusmann. Dieser schaffte es nicht rechtzeitig auf das Rote Sofa der NDR-Sendung „DAS!“, weil er das Hamburger Studio mit dem Landesfunkhaus in Hannover verwechselt, aber sich öffentlich mit den vielen Baustellen auf der Strecke herausgeredet hatte. Da kann selbst ein Ministerpräsident seine Schadenfreude nicht verbergen.

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Und nun ploppt in Form eines Fotos die nächste gute Nachricht auf seinem Smartphone auf. Das Bild zeigt eine Wiese im edlen Zooviertel von Hannover, auf der etliche vom Orkan „Xavier“ zerfetzte Wahlplakate herumliegen. Einzig ein lächelnder Weil im lockeren blauen Pulli ragt unversehrt in den dunklen Himmel. „Sturmfest und stark“ ist als Slogan auf dem Riesen-Poster zu lesen. „Das passt doch“, freut sich der Regierungschef über die willkommene Wahlkampfhilfe des Wettergottes, die die Genossen gern schnell in den sozialen Netzwerken verbreiten. Dass der Sturm auch die eigene Terminplanung durcheinander gewirbelt hat, kann man da locker abhaken.

Als bodenständiger Niedersachse zieht der frühere Oberbürgermeister von Hannover derzeit zwischen Küste, Heide und Harz durch die Lande. „Seht her, ich bin doch einer von euch“, lautet die Botschaft, die Weil den Bürgern durchaus erfolgreich vermittelt. Satte 20 Prozentpunkte beträgt der Vorsprung im Direktvergleich mit seinem eher hölzern wirkenden CDU-Mitbewerber. Die große Mehrheit ist mit der Arbeit von Weils rot-grüner Regierung zufrieden. Den Schlussspurt des Wahlkampfs will der begeisterte Langstreckenläufer denn auch mit einer weiteren Personalisierung und dem Ausbau seines Amtsbonus‘ bestreiten.

„CDU-Intrige“ um Twesten ist immer wieder Thema

Und dabei kommt der ehemalige Richter natürlich immer wieder auf die „Intrige“ der CDU zurück, die Anfang August die von ihrer eigenen Partei enttäuschte Grünen-Abgeordnete Elke Twesten mit offenen Armen in ihrer Fraktion empfangen hatte. Der plötzliche Übertritt ließ die rot-grüne Einstimmenmehrheit platzen und löste damit die um drei Monate vorgezogenen Neuwahlen aus. „Die haben viele Tricks drauf, aber wenig Anstand“, polterte Weil einen Monat später auf einem SPD-Sonderparteitag Richtung CDU. Mit 100 Prozent kürten ihn die Genossen daraufhin zu ihrem Spitzenkandidaten.

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„Ich bin mit mir im Reinen“, antwortet der passionierte Teetrinker nun auf Fragen, ob er damals auch ans Aufhören gedacht habe. Fast zeitgleich mit Twestens Wechsel musste sich das VW-Aufsichtsratsmitglied gegen Vorwürfe wehren, er lasse sich seine Regierungserklärungen von dem Wolfsburger Autobauer schreiben. Von einem „Scheiß-August“ spricht der SPD-Chef im kleinen Kreis rückblickend. Schnell sei für ihn aber klar gewesen, dass er sich weder der von der CDU initiierten Umkehr des Wählerwillens noch irgendwelchen Schmutzkampagnen beugen werde. So ist der Frust längst einer Mischung aus Siegeswillen, Selbstbewusstsein und Gelassenheit gewichen. Die legt er bei seiner landauf, landab mit bis zu 350 Teilnehmern gut frequentierten Veranstaltungsreihe „Auf ein Wort mit Stephan Weil“ ebenfalls an den Tag. Bei dem Format können die Besucher, beileibe nicht nur Genossen, ihre Fragen an den Ministerpräsidenten auf einen roten Bierdeckel schreiben. Statt auf großer Bühne die Menschen mit langen Monologen frontal zu beschallen, soll der Kandidat mit potenziellen Wählern direkt ins Gespräch kommen – so die Idee dahinter.

Weil will wieder mit den Grünen

Mehrere Dutzend Wähler sind es auch in Wolfenbüttel, wo Weil gemeinsam mit den örtlichen Landtagsabgeordneten Dunja Kreiser und Marcus Bosse in der Mitte eines Stuhlkreises steht und sich löchern lässt. Es geht um eine Landarztquote, es geht um den Pflegenotstand, es geht um das heimische Bahnprojekt der Weddeler Schleife, es geht um die AfD. Er wolle deren Wähler bei der Bundestagswahl nicht pauschal abstempeln, meint der Landesvater. „Das waren Proteststimmen, oder anders ausgedrückt, ein Tritt ins Hinterteil der etablierten Parteien. Jetzt arbeiten wir daran, dass die AfD nicht in den Landtag kommt.“

Dann scheint es knifflig zu werden. „Warum versuchen wir es nicht mal mit der Linken?“, fragt ein Genosse mit Blick auf die laut aktuellen Umfragen unklaren Mehrheitsverhältnisse. Doch beim Thema Koalition kann Weil inzwischen seine Antworten im Schlaf herunterbeten: keine Ausschließeritis, aber volle Konzentration auf ein eigenes gutes Ergebnis, um die Linken aus dem Parlament fernzuhalten und die erfolgreiche Zusammenarbeit mit den Grünen fortsetzen zu können. Danach sieht es derzeit zwar nicht aus, aber an die andere denkbare Option mag der SPD-Vorsitzende überhaupt nicht denken. Nach viereinhalb Jahren „Dachlatten-Opposition“ durch die CDU sei eine große Koalition ziemlich unwahrscheinlich.

Auch inhaltlich trennen die beiden großen Parteien auf Landesebene Welten, nicht nur bei den Themen innere Sicherheit und Migration. Die Union schimpft über eine skandalös schlechte Unterrichtsversorgung und will der Inklusion wegen zahlreicher Probleme eine einjährige Denkpause verordnen. In Gifhorn bekommt Weil bei Kaffee und Streuselkuchen den Ärger einer 66-Jährigen ab, deren Tochter als Grundschullehrerin hautnah mit den Schwierigkeiten des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne Handicap konfrontiert werde. „Es ist zum Verzweifeln“, ruft die Frau erregt und fordert indirekt den Rauswurf der SPD-Kultusministerin Frauke Heiligenstadt. Weil bleibt ruhig, berichtet von positiven Beispielen, verspricht mehr pädagogische Mitarbeiter, um die Lehrer zu entlasten. So ganz kann er die Gifhornerin damit nicht überzeugen. Aber immerhin ringt sich die Frau einen kleinen Applaus ab und kündigt an, ihre Präferenz für die CDU vielleicht überdenken zu wollen. „Ich weiß noch nicht, wer für unser Land besser ist.“

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