Die Bauernregelreime der Umweltministerin ärgern nicht allein Niedersachsens Landwirte Stephan Weil kann nur den Kopf schütteln

Hannover/Berlin. Bauernregeln sind eigentlich nichts, worüber man sich im politischen Berlin allzu sehr erregt. Doch dann kam Barbara Hendricks und regte mit spaßig gemeinen Reimen zum Nachdenken über die Landwirtschaft an: „Steh‘n im Stall zu viele Kühe, macht die Gülle mächtig Mühe“, dichtet ihr Umweltministerium, oder: „Ohne Blumen auf der Wiese geht‘s der Biene richtig miese.
06.02.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Teresa Dapp

Hannover/Berlin. Bauernregeln sind eigentlich nichts, worüber man sich im politischen Berlin allzu sehr erregt. Doch dann kam Barbara Hendricks und regte mit spaßig gemeinen Reimen zum Nachdenken über die Landwirtschaft an: „Steh‘n im Stall zu viele Kühe, macht die Gülle mächtig Mühe“, dichtet ihr Umweltministerium, oder: „Ohne Blumen auf der Wiese geht‘s der Biene richtig miese.“

Albern? Schlecht gereimt? Ansichtssache. In jedem Fall schäumen Niedersachsens Bauern, und selbst Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) meldete sich am Sonntag aus Hannover zu Wort. Er findet die Reimerei nicht lustig: Da könne er nur den Kopf schütteln. Die Sprüche seien „ziemlich plump“ und müssten bei den Landwirten schlecht ankommen, sagt er der „Nordsee-Zeitung“ (Montag). Und Weil benannte dann auch gleich das Dilemma der Agrarbranche: „Wir können von den Bauern nicht immer höhere Qualität verlangen, aber nur niedrigste Lebensmittelpreise bezahlen wollen.“

Man sei gern bereit, Anregungen aufzunehmen, hatte die Sprecherin des Landvolks Niedersachsen, Gabi von der Brelie, am Wochenende vorgelegt – aber nicht auf diesem Niveau. Niedersachsens Landvolkpräsident Werner Hilse forderte ebenfalls einen Stopp der „diffamierenden Kampagne“.

Die Reime der Ministerin treffen einen Nerv. Auch für den Berliner Agrarminister Christian Schmidt sind die Sprüchlein offensichtlich eine ernsthafte Provokation. Da werde der gesamte bäuerliche Berufsstand „an den Pranger gestellt“. Der Bauernverband nennt es eine „inhaltliche Bankrotterklärung“. Am Sonntag nun die Antwort aus dem Hause Hendricks, in ungewohnt scharfem Ton: Das sei eine „bewusste Fehldeutung“ der Reime. Inhaltlich habe niemand sie widerlegt. Und: Um „jeden Millimeter an Verbesserungen“ habe sie ringen müssen in den vergangenen Jahren.

Dabei wollte die Umweltministerin doch – nach eigenen Angaben – niemanden auf die Palme bringen mit ihren „neuen Bauernregeln“ auf Plakaten in über 70 Städten und im Netz, sondern Bürger anregen, sich an einer Debatte über die Zukunft der Landwirtschaft in Europa zu beteiligen. Aber warum macht das die Umweltministerin, warum nicht der Landwirtschaftsminister? Das ist der Kern des Konflikts.

Schmidt und Hendricks sind per Du und gehen eigentlich sehr freundlich miteinander um. Inhaltlich geraten die beiden Minister aber regelmäßig aneinander – oft, weil die SPD-Frau vom Niederrhein im Ressort des CSU-Manns aus Franken wildert. Er ist der Minister für Landwirtschaft und Tierhaltung, ihre Aufgabe ist der Schutz von Boden, Wasser, Luft und Klima. Das lässt sich nicht trennen.

Vor der Riesen-Agrarmesse „Grüne Woche“ in Berlin lud Barbara Hendricks kürzlich zum Agrarkongress, wo es um die Zukunft der Landwirtschaft ging. Schmidt sprach dort auch, allerdings als Zweiter. Die Umweltministerin erklärte, warum sie – aus ihrer Sicht – nicht gegen, sondern für die Bauern arbeite: Die deutsche Landwirtschaft stecke in einer wirtschaftlichen Krise, in einer Umwelt-Krise und in einer Akzeptanzkrise.

In Teilen mögen Schmidt und der Bauernverband dieser Analyse sogar zustimmen. Von Kükenschreddern bis Bienensterben, die Landwirtschaft steht unübersehbar in der Kritik. Der wirtschaftliche Druck ist jedenfalls riesig.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+