Folgen des Stillstands bei Tönnies

Niedersächsische Schweinehalter in Not

Weil Tausende Schweine aus Niedersachsen zurzeit nicht bei Tönnies geschlachtet werden können, geraten die Schweinehalter in Not. Die Preise sinken, die Kosten steigen und die Ställe werden immer voller.
06.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Niedersächsische Schweinehalter in Not
Von Marc Hagedorn
Niedersächsische Schweinehalter in Not

Die Niedersächsischen Schweinemäster geraten wegen der anhaltenden Schließung des Tönnies-Werkes in Bedrängnis: Tausende Tiere können zurzeit nicht geschlachtet werden.

Patrick Pleul /dpa-Zentralbild /dpa

Die Schweinemäster in Niedersachsen sind massiv von der anhaltenden Schließung des Tönnies-Werkes im Kreis Gütersloh betroffen. „Die Lage spitzt sich mit jedem Tag zu, an dem der Schlachtbetrieb länger geschlossen ist“, sagt Albert Hortmann-Scholten, Marktanalyst bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen.

Die Stadt Rheda-Wiedenbrück hatte Ende vergangener Woche die Schließung des Betriebes für zwei weitere Wochen bis zum 17. Juli angeordnet. Damit können weiterhin Tausende Tiere aus Niedersachsen zurzeit nicht geschlachtet werden. Das stellt die Schweinehalter vor große Probleme: Die Verkaufserlöse sinken dramatisch, und die Ställe werden immer voller. Laut Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands mit Sitz im niedersächsischen Damme droht "auf Sicht ein großes Tierschutzproblem“.

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Jedes dritte Schwein in Deutschland kommt aus Niedersachsen. Wöchentlich werden in Deutschland um die 970.000 Schweine geschlachtet, rund 110.000 Tiere davon, also mehr als zehn Prozent, bei Tönnies. „Rheda-Wiedenbrück ist der Dreh- und Angelpunkt“, sagt Hortmann-Scholten. Die Landwirtschaftskammer geht davon aus, dass der Anteil an niedersächsischen Schweinen bei Tönnies zwischen 25 und 35 Prozent liegt.

Wilken Hartje betreibt in Syke-Heiligenfelde einen Hof, auf dem er unter anderem 2700 Mastschweine hält. Hartje lässt zwar nicht bei Tönnies schlachten, aber die Folgen der Stilllegung bekommt auch er zu spüren. „Wenn der größte Schlachthof nicht mehr schlachtet, hat das Auswirkungen auf ganz Deutschland“, sagt Hartje. Sieben bis zehn Tage sei er zuletzt mit dem Vermarkten und Verladen von 500 schlachtreifen Tieren im Rückstand gewesen, sagt Hartje. Weil die Tiere deshalb länger als geplant im Stall standen, bedeutete dies höhere Haltungskosten. Bei mehreren Hundert Tieren sind das mehrere Hundert Euro jeden Tag zusätzlich.

Tiere zu schwer, Fleisch zu fett

Mindestens genauso problematisch: Die Tiere werden zu schwer, und ihr Fleisch wird zu fett. „Und das mögen die Kunden nicht“, sagt Hortmann-Scholten. Wenn die Qualität sinkt und es ein Überangebot an Schweinen gibt, können die Schlachtunternehmen den Preis drücken. Am Mittwoch ist der Richtpreis von 1,66 Euro pro Kilogramm auf 1,60 Euro gefallen. Im März hatte er bei 2,02 Euro gelegen.

Die Entscheidung, das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück weiter geschlossen zu halten, ist eine Enttäuschung für die Branche. Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter hatte für ihre 11.000 Mitglieder vergangene Woche vehement einen konkreten Zeitplan für eine Wiederaufnahme der Arbeit bei Tönnies eingefordert. Den gibt es bisher nicht. An diesem Montag wollen die zuständigen Behörden über das eingereichte Hygienekonzept des Unternehmens beraten und haben eine schrittweise Wiederaufnahme für Teilbereiche in Aussicht gestellt. Der Tönnies-Konzern hofft ab Mitte dieser Woche auf einen Neustart.

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Die Schweinehalter würden diesen Schritt begrüßen. Noch sei die Lage in den Ställen unter Kontrolle, sagt Hortmann-Scholten von der Landwirtschaftskammer. Aber mit jedem Tag, an dem Schweine nicht wie geplant geschlachtet werden könnten, steige die Gefahr, dass das sogenannte Stallklima sinke. Konkret: Dass sich die Luftqualität verschlechtert, dass der Infektionsdruck zunimmt und dass die Tiere auf beengtem Raum aggressiver werden und sich verletzen.

Schlachten und Zerlegen ist streng durchgetaktet

Einen Teil der Tiere, die zurzeit nicht bei Tönnies geschlachtet werden können, haben andere Betriebe übernommen. Das entspannt die Lage ein wenig. Hilfreich ist auch, dass die schlachtintensivsten Monate nicht jetzt im Sommer liegen, sondern November, Dezember und Januar sind. „Aber man darf nicht vergessen, dass auch bei den Betrieben, die noch arbeiten, die Kapazitäten oft auf 70 bis 80 Prozent heruntergefahren sind, damit Hygiene-, Abstands- und Sicherheitsmaßnahmen eingehalten werden können“, sagt Hortmann-Scholten. Das Schlachten und Zerlegen in den Betrieben ist streng durchgetaktet, jede Verlangsamung etwa der Bandgeschwindigkeit sorgt für weniger Ertrag.

Diese Entwicklung verfolgt der Deutsche Tierschutzbund seit Jahren kritisch. „Die enge Taktung lässt kaum Spielraum zu. Das merkt man jetzt“, sagt eine Tierschutzbund-Sprecherin. Ihre Forderung: „Es braucht eine radikale Wende der deutschen und europäischen Agrarpolitik, weg von Zentralisierung hin zur Regionalisierung. Es braucht kleinere Schweinemastbetriebe und mehr kleinere, aber ,bessere‘ Schlachthöfe.“ Tatsächlich ist die Zahl der Schweineschlachtungen in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren um rund fünf Millionen Tiere zurückgegangen. Dagegen hat die Monopolisierung stark zugenommen. Die drei großen Unternehmen Tönnies, Westfleisch und Vion beherrschen den Markt.

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