Strafverfolgungsstatistik 2019

Kriminalität in Niedersachsen geht zurück

Die Strafverfolgungsstatistik 2019 zeichnet für Niedersachsen ein unterschiedliches Bild. Die Zahl der Verurteilten stieg zwar im Vergleich zum Vorjahr, langfristig jedoch geht die Kriminalität zurück.
16.10.2020, 05:00
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Kriminalität in Niedersachsen geht zurück
Von Peter Mlodoch
Kriminalität in Niedersachsen geht zurück

Justizministerin Barbara Havliza stellte am Donnerstag die Statistik für das Jahr 2019 vor.

Julian Stratenschulte /dpa

Weniger verurteilte Diebe, Betrüger und Schläger, aber mehr Strafen für Sexualdelikte, Kinderpornografie und tätliche Angriffe auf Polizisten: Die Strafverfolgungsstatistik 2019 zeichnet für Niedersachsen ein unterschiedliches Bild. Danach stieg insgesamt die Zahl der in einem Strafprozess rechtskräftig verurteilten Menschen im Vergleich zum Vorjahr leicht um ein Prozent auf 69 187. Die Zahl der Freisprüche sank dagegen um ein Prozent auf 2785. Dennoch sieht Justizministerin Barbara Havliza (CDU) einen positiven Trend – vor allem im Langzeitvergleich: 2007 setzte es noch 89 395 Verurteilungen. „Die Kriminalität geht in Niedersachsen in vielen Bereichen zurück“, sagte die Ressortchefin am Donnerstag in Hannover.

Bei Mord und Totschlag blieben die Zahlen trotz kleiner Schwankungen in etwa auf dem Niveau der Vorjahre. Die Gerichte in Niedersachsen verurteilten 2019 zehn Mörder wegen eines vollendeten Delikts, sieben wegen eines Versuchs. 40 Menschen, darunter zwei Frauen, wurden wegen Totschlags ins Gefängnis geschickt. Die Zahl der Körperverletzungen sinkt dagegen seit Jahren. 6588 Urteile gab es 2019 – fünf Prozent weniger als 2018 und sogar 39 Prozent weniger als noch 2008. Signifikante Rückgänge gab es auch bei Diebstahl und Unterschlagung (minus drei Prozent gegenüber dem Vorjahr) sowie bei Betrug und Untreue (minus vier Prozent). Damit setzte sich der Abwärtstrend der Vorjahre weitet fort.

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Den Anstieg der Urteile wegen sexueller Nötigung (von 14 auf 32) und wegen Vergewaltigung (von 38 auf 63) führte die Ministerin auf zwei Gründe zurück. Zum einen auf die Verschärfung des Strafrechts, das jetzt klarere Grenzen („Nein heißt Nein“) ziehe. „Ursächlich ist aber auch eine erhöhte Anzeigebereitschaft der betroffenen Frauen“, berichtete Havliza.

Im Kampf gegen Kindesmissbrauch und Kinderpornografie kündigte die Ressortchefin fünf neue Stellen bei den Staatsanwaltschaften und 20 neue Richterstellen für das nächste Jahr an. „Im Bereich der Sexualstraftaten müssen und werden wir genau hinsehen.“

Relativ hoher Anteil an verurteilten Frauen

Bei Attacken auf Polizisten machte sich ebenfalls eine Strafverschärfung bemerkbar. Urteile wegen „tätlicher Angriffe auf Vollstreckungsbeamte“ nahmen um 134 Prozent auf 548 verurteilte Taten zu. Hier hatte der Gesetzgeber 2018 einen eigenen Tatbestand eingeführt, der sich im Vorjahr noch nicht voll in der Urteilsstatistik wiederfand. Auffällig war 2019 dafür mit fast 20 Prozent der relativ hohe Anteil an verurteilten Frauen. „Bei Demos ist es offenbar schick, Widerstand gegen Beamte zu leisten“, versuchte sich der Strafrechtsexperte des Ministeriums, Thomas Hackner, in einer Erklärung. „Das ist aber kein Kavaliersdelikt.“

Einen steilen Anstieg verzeichnete die Justiz auch bei illegalen Autorennen. 19 Urteile hagelte es hier – eine Verdreifachung gegenüber 2018. Hierbei spielte aber ebenfalls ein eigens eingeführter neuer Tatbestand eine Rolle. Frauen zählten nicht zu den Verurteilten. „Das ist ein reines Macho-Delikt“, betonte Hackner.

Überhaupt sind Frauen deutlich weniger auffällig. Ihr Gesamtanteil an den Verurteilten beträgt lediglich 18,42 Prozent. „Kriminalität ist männlich“, meinte denn auch die Ministerin. Die liege unter anderem an einer höheren Gewaltbereitschaft der Männer und einem anderen Rollenverständnis, sagte Havliza unter Verweis auf die kriminologische Forschung.

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Umgekehrt sei bei Männern auch eine höhere „Schamschwelle“ zu verzeichnen. Sie täten sich schwerer als Frauen damit, eine gegen sie ausgeübte Straftat etwa im Bereich der häuslichen Gewalt anzuzeigen, erklärte die Ministerin. Dies zeige sich auch beim strafbaren Nachstellen („Stalking“). Die Zahl der Urteile stieg von 38 auf 43. Aber nur sechs Frauen befanden sich unter den Tätern. „Wir gehen davon aus, dass der Anteil der Frauen deutlich höher ist; aber die männlichen Opfer gehen nur selten zur Polizei“, sagte Havliza.

Von den 69.187 Urteilen waren lediglich 15 Prozent Freiheitsstrafen, von denen wiederum rund 70 Prozent zur Bewährung ausgesetzt wurden. Haft ohne Bewährung gab es in 3110 Fällen – 29 weniger als 2018. In 77 Prozent der Urteile hagelte es eine Geldstrafe. Der Rest endete mit Sanktionen nach dem Jugendstrafrecht. Insgesamt wurden 3321 Jugendliche bis 18 Jahre verurteilt. 5200 Heranwachsende zwischen 18 und 21 Jahren traf ein Gerichtsspruch, davon wurden 3447 nach dem milderen Jugendstrafrecht verurteilt. Nicht in der Urteilszahl finden sich rund 12.000 Strafverfahren, die während des Prozesses vom Gericht eingestellt wurden.

Nur das schwerste Delikt fließt in die Statistik ein

Die Auswertung der Urteile unterscheidet sich erheblich von der jährlichen Kriminalstatistik der Polizei. „Die Polizei zählt Fälle, wir zählen Personen“, sagte Havliza mit Blick auf die letztendlich Verurteilten. Dabei fließe immer nur das schwerste Delikt in die Statistik ein. Steht also ein Mann wegen Vergewaltigung und Diebstahl vor Gericht, zählt nur die Sexualstraftat.

Die Polizei erfasst dagegen alle angezeigten und entdeckten Delikte, auch wenn sie keinen Täter ermitteln kann. In ihrer Statistik tauchen dadurch wesentlich mehr Straftaten als in der Strafverfolgungsstatistik auf. In Bremen wird eine solche nach Auskunft der Justizbehörde nicht veröffentlicht.

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