Grüne fordern mehr Schutz für Insekten – CDU sieht Verdammung der Landwirte Streit um Artenschwund

Hannover. In ihren Kindheitstagen erinnert sich Niedersachsens Grünen-Fraktionschefin Anja Piel, waren Windschutzscheibe und Kühlergrill nach einer längeren Autofahrt im Sommer mit toten Insekten nur so übersät und verklebt. „Heute muss man sich auf der Autobahn, die auch Grüne gelegentlich nutzen, schon richtig bemühen, um überhaupt noch eine Mücke zu erwischen.
02.03.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Streit um Artenschwund
Von Peter Mlodoch

Hannover. In ihren Kindheitstagen erinnert sich Niedersachsens Grünen-Fraktionschefin Anja Piel, waren Windschutzscheibe und Kühlergrill nach einer längeren Autofahrt im Sommer mit toten Insekten nur so übersät und verklebt. „Heute muss man sich auf der Autobahn, die auch Grüne gelegentlich nutzen, schon richtig bemühen, um überhaupt noch eine Mücke zu erwischen.“ Der bessere Durchblick und die eingesparte Mühe bei der Wagenwäsche mögen die meisten Autofahrer freuen, für die Öko-Partei ist der Befund dramatisch.

Um das drohende Insektensterben zu verhindern, müsse man die Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel erheblich verschärfen, forderte Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) am Mittwoch im Landtag. Außerdem seien weitere Blühstreifen und Schonflächen notwendig, um den Artenschwund bei Bienen, Wespen, Hummeln, Fliegen, Käfern, Schmetterlingen und Zikaden abzubremsen.

„Insekten sind unverzichtbare Bestäuber für Wild- und Kulturpflanzen“, betonte Wenzel. „Sie sichern damit unsere Nahrungsgrundlage und erfolgreiche Ernten.“ Vier Fünftel aller Nutzpflanzen bräuchten die fliegenden Sechsbeiner für ihre Vermehrung.

Doch zwischen 1995 und 2014 sei die Biomasse bei den Fluginsekten um 80 Prozent zurückgegangen, berichtete die Grünen-Abgeordnete Miriam Staudte unter Bezug über eine umfangreiche Studie in Nordrhein-Westfalen. 300 Wildbienen-Arten stünden auf der Roten Liste; sie als Landbewohnerin habe im vergangenen Jahr keine einzige Hummel mehr gesehen. „Kein Wunder, in Niedersachsen sind von 23 Hummelarten nur noch fünf vorhanden.“ Unter dem Rückgang der Bestände wiederum litten Fledermäuse und Singvögel, die und deren Küken auf Insektennahrung angewiesen seien.

Die Industrialisierung der Landwirtschaft nannten Minister und Abgeordnete als Hauptursache für das Insektensterben. Monokulturen, Intensivbewirtschaftung und Düngereinsatz führten zum Verlust von Lebensräumen. Insektizide wie bienentoxische Neonikotinoide, die bis zu 10 000 Mal wirksamer als das 1972 verbotene DDT seien, sowie Herbizide wie Glyphosat täten ihr Übriges. „Statt Hecken aus heimischen Büschen fasst man die Grundstücke jetzt mit Gabionen, diesen mit Stein gefüllten Gitterkäfigen, ein“, kritisierte Staudte allerdings auch die neue Garten-Mode. Der Rest werde versiegelt oder mit Rollrasen ausgelegt. „Droht ein stummer Frühling?“, fragte die Parlamentarierin mit Verweis auf das gleichnamige Sachbuch der Biologin Rachel Carson aus dem Jahr 1962, das als Auslöser der Umweltbewegung gilt.

Im Landtag jedenfalls wurde es daraufhin sehr laut. Wütend protestierten CDU und FDP gegen die ihrer Ansicht nach pauschale Verdammung der Landwirtschaft. Gerade dieser liege doch der Bienenschutz sehr am Herzen. „Aber Schwarz-Weiß-Malerei bringt uns nicht weiter“, meinte der FDP-Abgeordnete und diplomierte Landwirt Hermann Grupe aus dem Weserbergland. Nicht Verbote seien nötig, sondern technische Verbesserungen wie der zielgenaue Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Im Übrigen sei gar nicht nachgewiesen, dass die Pestizide den Artenschwund ausgelöst hätten.

Natürlich gebe es ein Insektensterben, gestand auch CDU-Agrarexperte Frank Oesterhelweg, Landwirt im Kreis Wolfenbüttel, ein. Den Bauern dürfe man jedoch nicht die Schuld dafür in die Schuhe schieben. „Was ist mit dem zunehmenden Auto- und Luftverkehr? Was ist mit den Windanlagen? Was ist mit dem erheblichen Flächenverbrauch?“ Die von Rot-Grün propagieren Blühstreifen-Programme lehnte der CDU-Fraktionsvize als „bürokratisch“ und „unsinnig“ ab.

Agrarminister Christian Meyer (Grüne) warf Oesterhelweg daraufhin die Verbreitung „postfaktischen Unsinns“ vor. Die bürokratischen Vorgaben mache nicht das Land, sondern Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Das niedersächsische Programm sei sehr erfolgreich. Seit man 2016 die Förderung von 540 auf 975 Euro pro Hektar erhöht habe, seien die Blühstreifenflächen von 9500 auf über 15 000 Hektar angewachsen.

„Schwarz-Weiß-Malerei bringt uns nicht weiter.“ Hermann Grupe, FDP-Abgeordneter
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