Gegen den Wohnungsmangel

Studierende ziehen in Flüchtlingsheime

Gerade am Semesteranfang ist es schwer, ein günstiges Zimmer zu finden. Darum vermietet die Stadt Lüneburg nun freigewordene Plätze in Flüchtlingsunterkünften an Studenten.
27.10.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Serena Bilanceri
Studierende ziehen in Flüchtlingsheime

In dieser Gemeinschaftsunterkunft wohnen Flüchtlinge und Studenten Tür an Tür.

Pressestelle Hansestadt Lüneburg

Gerade am Semesteranfang ist es schwer, ein günstiges Zimmer zu finden. Darum vermietet die Stadt Lüneburg nun freigewordene Plätze in Flüchtlingsunterkünften an Studenten.

Gerade am Semesteranfang ist es schwer, ein günstiges Zimmer zu finden. In vielen Universitätsstädten ist der Wohnungsmangel groß. Die Stadt Lüneburg hat eine kreative Lösung gefunden: Sie vermietet freigewordene Plätze in Flüchtlingsunterkünften an Studenten.

„Die Flüchtlingszahlen sind seit Anfang des Jahres deutlich spürbar zurückgegangen“, erklärt Matthias Eichler, Sprecher des niedersächsischen Innenministeriums. Derzeit seien nur noch 2600 Plätze in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes belegt, im Februar waren es fast 20 000. „Alle Verträge über die Notunterkünfte laufen spätestens zu Beginn des nächsten Jahres aus, und die Unterkünfte werden nicht mehr mit Flüchtlingen belegt“, sagt er, wobei einige Unterkünfte auch in Zukunft als „Reserve“ dienen werden.

Weil weniger Flüchtlinge kommen, sind nicht nur Erstaufnahmeeinrichtungen, sondern auch Gemeinschaftsunterkünfte in manchen Städten unterbelegt. Deshalb vermietet die Stadt Lüneburg jetzt den leerstehenden Wohnraum preisgünstig an Studenten, und plant demnächst noch eine weitere Unterkunft anzubieten. „Wir wollten dem Bedürfnis nach günstigem Wohnraum bei den Studierenden entgegenkommen“, erklärt der Sprecher der Stadt Lüneburg Daniel Gritz.

Mietverträge sind befristet

Für ein Zimmer in der Unterkunft zahle ein Student 150 Euro warm, das entspreche der Hälfte einer üblichen WG-Zimmer-Miete in Lüneburg. Die geplante Miete für die zweite Unterkunft wird allerdings etwas höher ausfallen und bei 256 Euro liegen. Dort „wird der Ausbaustandard höher sein“, führt er aus. Bei der zweiten Unterkunft handelt es sich nämlich um ein Haus, während die erste aus Wohncontainern besteht. Die Mietverträge seien in beiden Fällen zeitlich befristet.

Die Wohncontainer im Stadtteil Rettmer standen nicht leer – einige Flüchtlinge sind dort noch untergebracht und wohnen jetzt Tür an Tür mit den Studenten, die zum größten Teil erst vor Kurzem ihr Studium aufgenommen haben. Gritz erklärt, es handele sich jedoch nicht um gemischte WGs – die Unterkünfte werden als abgeschlossene Wohneinheiten vermietet. „Drei-Zimmer-Wohneinheiten mit Küche und Bad, die ursprünglich für Flüchtlingsfamilien gedacht waren“, bestätigt der Sprecher.

Damit werden Studierende mit Geflüchteten in Kontakt gebracht und ehrenamtliche Hilfe bei der Integration erleichtert. Für die Stadt sei diese Lösung wirtschaftlich sinnvoll. „Halbvolle Unterkünfte verursachen annähernd dieselben Fixkosten wie ausgelastete“, erklärt Gritz. Man müsse sich jedoch auch einige Reserven vorbehalten, falls die Zahl der Flüchtlinge wieder steige.

Studentenwerk begrüßt die Initiative

Der ASTA (Allgemeiner Studentenausschuss) der Leuphana Universität hat die Zimmer vermittelt. „Die Erfahrung ist sehr, sehr positiv, alle sind sehr glücklich mit der Situation“, erklärt der Anti-Rassismus-Referent Benjamin Christodoulou. „Viele Studenten haben Lust, etwas mit den Geflüchteten zu organisieren, obwohl sie vertraglich nicht dazu verpflichtet sind“, sagt er. Zum Beispiel gemeinsame Fußballrunden oder Nachhilfe für die Kinder. Pia Steinrücke, Dezernentin für Bildung in Lüneburg, erklärt: „Wir freuen uns, dass es hier gelungen ist, zwei Gruppen zusammenzubringen, die jeweils in neuer Umgebung in einen neuen Lebensabschnitt starten“. Zwischen Studierenden und Geflüchteten habe sich schnell „ein Miteinander auf Augenhöhe entwickelt“.

Auch das Studentenwerk Ostniedersachsen begrüßt die Initiative. „Das ist ein spannendes Projekt“, sagt die Sprecherin Petra Syring. Mit der Vermietung der ersten Unterkunft habe das Studentenwerk nicht direkt zu tun gehabt, es plane jedoch, sich am Projekt in der zweiten Unterkunft im Stadtteil Oedeme zu beteiligen. „Wir führen gerade Gespräche mit der Stadt, um Detailfragen zu klären“, so Syring.

„Es ist einfach so, dass es am Semesteranfang immer einen großen Andrang von Studenten gibt“, erklärt sie, „dann wird es schon etwas eng“. Die Wohnheime des Studentenwerks seien seit Jahren voll belegt. In Lüneburg, genauso wie in vielen anderen Universitätsstädten, werden günstige, zentral gelegene Wohnungen schnell Mangelware. „Die Studierenden möchten gerne zentral wohnen, aber das Angebot an günstigem Wohnraum ist beschränkt“, sagt die Sprecherin.

Idee wäre auch für Bremen denkbar

In Bremen mangelt es auch an günstigen Wohnungen für Studenten. Wie der WESER-KURIER berichtete, standen Anfang Oktober 950 Studierende auf der Warteliste des Studentenwerks. Die Sozialbehörde bestätigt, dass ein Projekt mit Flüchtlingsunterkünften konkret in Planung sei: In den Gebäuden des geplanten Neubaus in der Anne-Conway-Straße sollen künftig sowohl Flüchtlinge als auch Studenten Unterkunft finden. Die Übergangswohnheime als provisorische Lösung anzubieten, wäre auch denkbar, aber erst wenn die Ressourcen dort frei werden, sagt ein Sprecher der Sozial­senatorin.

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Meinhard Abel, Baureferent für den Städte- und Gemeindebund Niedersachsen, erklärt, dass solche Alternativnutzungen prinzipiell realisierbar seien. „Man muss jedoch kontrollieren, ob das jeweilige Projekt rechtlich zulässig ist“, fügt er allerdings hinzu. Hier gelte es, die Vorschriften des Baurechts zu beachten. Nicht alle Unterkünfte seien für die Vermietung an Studenten geeignet – Gewerbegebiete oder Gebiete im Außenbereich könnten zum Beispiel problematisch sein.

Prinzipiell sei das aber denkbar – solange die Stadt oder die Person auch Eigentümer des Gebäudes sei. Ähnliche Projekte werden auch in anderen deutschen Städten gerade diskutiert: In Jena sollen einige Unterkünfte in Studentenwohnungen umgewandelt werden. In Kiel sind Erstsemester bereits in Flüchtlingsheime provisorisch eingezogen. Auch in Hannover ist von einem ähnlichen Vorhaben die Rede.

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