WESER-KURIER-Serie - Teil 8 Tierärzte auf Besuch im Schweinestall

Klein Sehlingen·Oldenburg. Gut geht es ihm, dem Redaktionsschwein, das allmählich sein 85. Kilogramm angesetzt haben dürfte. Der Börge, versichert Bauer Thomas Brüns, komme prima ohne Medizin aus. Der Tierarzt ist ebenfalls zufrieden.
16.07.2011, 05:00
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Tierärzte auf Besuch im Schweinestall
Von Justus Randt

Klein Sehlingen·Oldenburg. Gut geht es ihm, dem Redaktionsschwein, das in Klein Sehlingen allmählich sein 85. Kilogramm angesetzt haben dürfte. Der Börge, versichert Bauer Thomas Brüns, komme prima ohne Medizin aus: "Durch das Füttern und weil sie auf der Wiese sind, hat man die Tiere natürlich ganz gut unter Kontrolle." Nicht nur das Redaktionsschwein scheint fit zu sein. "Wir haben einen sehr guten Gesundheitsstand", sagt Veterinärmediziner Friedrich Delbeck vom Schweinegesundheitsdienst (SGD).

Der SGD mit Sitz in Oldenburg ist eine Einrichtung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Sieben Tierärztinnen und Tierärzte kümmern sich um die rund acht Millionen Schweine im Lande - und berät deren Züchter. Auch andere Bundesländer unterhalten Schweinegesundheitsdienste. Sie seien als "Bindeglied zwischen Wissenschaft und Praxis immer mehr bestrebt, auf die Entwicklungen in der Praxis neutral begleitend und fachlich fundiert praktische Antworten zu entwickeln", stellt sich der Dienst selbst vor. "Dabei müssen natürlich ökonomische Zwänge und Marktentwicklungen beachtet werden." Bei Thomas Brüns kommen die sieben Freilandschweine gut zurecht. "Hier gibt es keine Medikamente, im Zweifel wird der Tierarzt geholt", sagt der Landwirt, der seit 2009 Schweine hält. Bislang hat sein Borstenvieh den Doktor nicht gebraucht.

Der sehr gute Gesundheitsstand, von dem beim SGD die Rede ist, bezieht sich auch auf die industrialisierte Form der Schweinehaltung. "Der konventionelle Bereich entwickelt sich immer weiter voran, das muss er auch, sonst hätten wir alle Probleme", sagt Friedrich Delbeck. "Im Herbst und im Frühjahr gibt es immer wieder Influenza-Einbrüche, das ist wie beim Menschen."

Delbeck und seine SGD-Kollegen verstehen sich als "neutrale Partner der Schweineproduktion". Für den Tierarzt bedeutet das, sich für "Nachhaltigkeit" in der Schweinegesundheit einzusetzen. "Dabei verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz von der Fütterung über die Haltung bis zum Management.", sagt Delbeck. "Wenn beim Ferkelerzeuger oder beim Mäster etwas aus dem Ruder läuft, geht es darum, schnellstmöglich herauszufinden, was los ist." Erstes Ziel ist es, die Ausbreitung einer Krankheit im Bestand zu verhindern. Der Schweine wegen - "natürlich geht das in Richtung Tierwohl, denn ohne Tierwohl gibt es keine Leistung" - und aus Kostengründen. "Der Tierarzt verdient zwar an Medikamenten, aber wenn's zu teuer wird, ist er out", sagt Friedrich Delbeck.

Tierärzte würden zusehends als "Medikamentenverkäufer" wahrgenommen, die nicht wirklich an der Verbesserung der Tiergesundheit interessiert seien, hat Professor Thomas Blaha der Agrar- und Veterinärakademie in Horstmar gesagt. Der Trend gehe in Richtung bessere Tiergesundheit bei weniger Medikamenten durch optimierte Haltung und fachärztliche Betreuung. Blaha ist Direktor der Bakumer Außenstelle für Epidemiologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover und Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz (TVT).

Der Verein mit Sitz in Bramsche hat bereits vor zwei Jahren eine überarbeitete Fassung "Ethischer Leitsätze für tierärztliches Handeln zum Wohl und Schutz der Tiere" herausgegeben. "Die Nutztierhaltung, insbesondere die Haltung lebensmittelliefernder Tiere steht durch die nationale und internationale Konkurrenzsituation unter hohem ökonomischem Druck", stellt der TVT in diesem "Codex Veterinarius" fest und fordert "artgemäße Bedingungen, vor allem in Bezug auf Bewegung, Beschäftigung und, falls das zum arttypischen Verhalten gehört, Sozialkontakte" zu ermöglichen. Denn Haltungsbedingungen und -systeme "in der heute weitgehend üblichen intensiven Tierhaltung sind in der Regel den Bedürfnissen der Tiere nur suboptimal angepasst".

Schweine fühlen sich im Stroh wohl

Friedrich Delbeck vom Schweinegesundheitsdienst ist überzeugt davon, dass Schweineställe mit Spaltenboden die "biologische Sicherheit" gegenüber einer Einstreu mit Stroh enorm erhöhten - aus hygienischen Gründen. Bauer Brüns muss von Hand ausmisten - und tut das gern. Seine Schweine fühlen sich wohl, wenn sie im Stroh wühlen und sich ihr Nest bauen können. Martin Hartmann wiederum, Präsident des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte (BbT), hält die "modernen, hellen Ställe mit Spaltenböden aus amtstierärztlicher Sicht für besser als die alten dunklen und feuchten Ställe", in denen noch Stroh lag.

Dennoch macht sich Hartmann so seine Gedanken. "Noch vor einigen Jahrzehnten waren Tierärzte regelmäßig in die Tierzucht eingebunden und konnten so ihr Fachwissen über die Tiergesundheit einbringen", hatte der BbT-Präsident beim internationalen Veterinärkongress im Mai in Bad Staffelstein gesagt. "Heute müssen Tierärzte Tierschutzprobleme bewältigen, die das Ergebnis einer einseitigen Zucht sind." Was er damit meint? "Die Zucht geht in Richtung hohe Leistung, das hat Auswirkungen auf die Gesundheit der Tiere."

Als Beispiel nennt Hartmann die Zahl der Würfe, die je Zuchtsau zwar zurückgehe. "Aber die Würfe werden größer - die Gesundheit der Jungtiere wird schlechter." Im Jahr 2000 habe die Quote der Totgeburten bei Schweinen 4,7 Prozent betragen, bis 2008 sei sie auf 6,9 Prozent gestiegen. "Es kommt bereits vor der Geburt zu Nahrungskonkurrenz. Ergebnis ist, dass mehr leichtgewichtige Ferkel geboren werden, sagt Hartmann. "Zweimal jährlich wird geferkelt, nach 3,7 bis fünf Würfen in zwei Jahren ist so eine Sau fertig."

Aber nicht nur die Hochleistungsanforderung setzt der Schweinegesundheit zu. "In den vergangenen Jahren haben die gesundheitlichen Probleme weltweit zugenommen", sagt Steffen Hoy. Damit spricht der Professor am Institut für Tierzucht der Universität Gießen das seit circa 20 Jahren bekannte PRRS-Virus und das erst halb so alte Circo-Virus an. Beide stellten die weltweit bedeutsamsten Erreger dar. Gesundheitliche Hauptprobleme für Schweine sieht Hoy in Lungen- und in Durchfallerkrankungen, "meist durch Infektionsgeschehen".

"Konsequente Impfprogramme" gegen viele Erreger und die Konzentration auf interne wie externe Stallhygiene sind aus Sicht des Professors für Tierhaltung unerlässlich. "Das ist etwas, das jeder Betrieb machen kann", sagt Hoy. Bei Thomas Brüns in Klein Sehlingen gibt es keine Programme. Das Redaktionsschwein und die anderen in der kleinen Rotte "sind gleich nach dem Abnahme von der Muttersau geimpft worden, ich glaube, gegen Schnupfen", sagt der Bauer. Jedenfalls sei das vor ihrer Zeit auf seinem Hof gewesen.

Routine-Kontakte mit Tierärzten

Zumindest gegen bakteriell hervorgerufen Erkrankungen lassen sich Antibiotika einsetzen, was bei Schweinen und Rindern seit Jahresbeginn in einer zentralen Datenbank erfasst wird. Die Grünen im niedersächsischen Landtag haben jüngst gefordert, Antibiotikadaten auch von Puten und Hühnern zu erfassen und in den Produktionsstätten zu kontrollieren. "Bei Schweinen war bislang schon jede ärztliche Behandlung nachzuvollziehen", sagt Steffen Hoy. Ohnehin sei es "ein Gebot des Tierschutzes, Tiere, die krank sind, zu behandeln". Zur Vorbeugung, erklärt Professor Hoy, gehörten allerdings einige Routine-Kontakte mit Tierärzten: Schon während der ersten Lebenstage bekommen Ferkel eine Extraration Eisen gegen Blutarmut verabreicht. Als Nächstes werden den Tieren die Ringelschwänze kupiert, damit sie sich, falls mangels vorgeschriebenen Spielzeugs Langeweile im Stall aufkommt, nicht gegenseitig beißen. Das könnte Infektionen zur Folge haben. "Darüber gibt es eine Riesendiskussion", weiß selbstverständlich auch Steffen Hoy.

Und Gleiches gilt für die chirurgische Kastration. Niedersachsens Agrarminister Gerd Lindemann (CDU) setzt sich dafür ein, dass derartige Eingriffe ohne Betäubung spätestens ab dem Jahr 2015 verboten werden. Unterdessen hat die Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz bereits im Frühjahr auf zwei Alternativmethoden hingewiesen. Das eine Verfahren verbindet eine Narkose mit einer Schmerztherapie nach der Kastration. Das andere Verfahren setzt auf chemische Prozesse, um die Hodenfunktion zu unterdrücken und damit den Ebergeruch männlicher Schweine zu verhindern. Ein aktiver Versuch hingegen, die Gesundheit der Schweine und nicht nur ihre Verkmarktbarkeit zu steigern, wird derzeit an der Technischen Universität Braunschweig unternommen. Hormone und Antibiotika als Futterzusatzstoff zur Leistungsförderung sind zwar verboten. Aber als Gesundheitselixier sollen - sobald ausreichend erforscht - Arznei- und Gewürzpflanzen wie Thymian, Salbei, Tollkirsche, Meerrettich, Kapuzinerkresse und beispielsweise Knoblauch in der Schweinefütterung eingesetzt werden.

Davon und auch vom "Oregano-Test" hat Professor Steffen Hoy schon öfter gehört und ist skeptisch: "Bislang liegen keine reproduzierbaren Erkenntnisse darüber vor, ob so Krankheitskeime im Tier reduziert werden." Auch Friedrich Delbeck vom Schweinegesundheitsdienst ist die anthroposophische Pflanzenheilkunde ein Begriff. "Mit der Phytotherapie zur Ernährungsergänzung sind wir der Humanmedizin bereits weit voraus", sagt der Veterinär.

Statt des Kräutergärtners wird das gesunde Redaktionsschwein zweimal einen Tierarzt sehen. Beim regelmäßigen, aber einmaligen Besuch des jeweiligen Schweinebestandes. Und wenn es - wie vorgesehen - dazu kommt: im Herbst, kurz bevor der Schlachter mit seiner Arbeit beginnt.

In der nächsten Folge geht es um den Transport von Schweinen.

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