Wolfsexpeditionen

Touren auf Wolfsspuren

„Der Wolf ist da - was nun?“ Bremen entwickelt sich immer mehr zu Hotspot für Wolfsfreunde und Aktionen rund um das Wildtier.
21.06.2017, 21:44
Lesedauer: 4 Min
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Touren auf Wolfsspuren
Von Justus Randt
Touren auf Wolfsspuren

Die Chance, bei den Expeditionen einen Wolf zu sehen, ist gleich null.

dpa

Bremen dürfte neben Hamburg das letzte norddeutsche Bundesland sein, in dem sich noch kein Wolf niedergelassen hat. Und das dürfte wohl auch so bleiben. Dafür entwickelt sich Bremen gerade zum Hotspot für Wolfsfreunde und Aktionen rund um das Wildtier. Der Naturschutzbund (Nabu) sucht zu Beginn des
neuen Schuljahres Wolfsbotschafter in Bremer Stadtrandschulen.

Thema: „Der Wolf ist da – was nun?“ Das Projekt, das der Nabu zusammen mit dem Wolfcenter Dörverden aufgelegt hat, soll ein Jahr laufen. Die
sogenannten Bürgerwissenschaftler, die sich vom Bremer Flughafen aus zu Wolfsexpeditionen in Niedersachsen aufmachen, sind
dagegen zum Ferienende wieder weg. Dass ihr Einsatz Nachhall haben wird, klingt schon jetzt an.

Bekannte Wolfsregionen

„Terminal 3 am Flughafen Bremen, das ist unser Sammelpunkt“, sagt Matthias Hammer, Gründer und Chef der gemeinnützigen Naturschutzorganisation Biosphere Expeditions. 48 Teilnehmer, „unter anderem aus Singapur, Indien und Australien“, haben bei ihm jeweils eine Woche Ferien auf dem Land gebucht.

„Mit einem herkömmlichen Urlaub in der Lüneburger Heide hat das nichts zu tun“, stellt Hammer klar: In den bekannten Wolfsregionen sollen die Touristen auf den Spuren der Raubtiere wandeln und ihre Funde, beispielsweise Losung, wie der Kot weidmännisch genannt wird, dem niedersächsischen Wolfsbüro beim Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) zur Verfügung stellen.

„Wir sind stolz, das staatliche Monitoring unterstützen zu können“, sagt Matthias Hammer. „Das Interesse an unserer ersten Deutschland-Expedition war sehr groß und zeigt, welch ein Zugpferd der Wolf für unsere Heimat sein kann.“ Aus Sicht der Landesjägerschaft zumindest setzt Biosphere Expeditions klar aufs falsche Pferd.

Als zusätzliche Erkenntnis willkommen

Der Wolfsbeauftragte der Niedersächsischen Jägerschaft, Raoul Reding, hatte schon Ende 2016 in seinem Quartalsbericht zur Wolfsbeobachtung an den NLWKN gewarnt: In manchen Gebieten werde „aus Angst vor Wolfstourismus“ schon nicht mehr jede Meldung weitergeleitet. Und nun sollen Laien auf Spurensuche gehen?

NLWKN-Sprecher Achim Stolz sieht das pragmatisch: „Solche Angebote wie von dem englischen Reiseveranstalter können nur als Ergänzung angesehen werden. Die wichtigsten Stützpfeiler des Wolfsmonitorings in Niedersachsen sind und bleiben die Jägerschaft und die ehrenamtlichen Wolfsberater.“

Aus Sicht des Landesbetriebes sei es natürlich zu begrüßen, wenn sich Menschen für den Wolf interessierten. „Wenn dabei noch etwas abfällt, Spurenfunde zum Beispiel, dann ist das als zusätzliche Erkenntnis willkommen.” Wenn es nach Matthias Hammer geht, sollte niemand seine Gruppen unterschätzen: Die zwölf Expeditionsgruppen, die auf einwöchige Touren gehen, würden zunächst zwei Tage lang intensiv ausgebildet.

Kein Kontakt mit Wölfen

Danach „sind unsere Bürgerwissenschaftler geschult im Erkennen und Dokumentieren von Wolfshinweisen“. Rund 1700 Euro kostet der Kurztrip auf des Wolfes Spuren. „Wissenschaft ist nun mal nicht billig. Und zwei Drittel der Summe fließen in das Projekt“, sagt Hammer. Wildkameras beispielsweise blieben später an Ort und Stelle. Die Kosten der Anreise trägt jeder selbst.

Terminal 3 auf dem Flughafen Bremen als Treffpunkt sei mit Bedacht gewählt: „Wer nicht fähig ist, einen Flug nach Bremen zu buchen, der ist auf der Expedition nicht richtig“, sagt Hammer. Nur die Schlauesten
sehen den Wolf – oder dessen Spuren. Basis der Hobbyforscher ist Gut Sunder, das Naturerlebniszentrum des Nabu Niedersachsen in der Nähe von Winsen.

„Von dort aus fahren die Teilnehmer dann mit dem Auto in Gegenden, in denen der Wolf nachgewiesen wurde oder vermutet wird. Wolfsberater und Schäfer unterstützen sie.“ Um Missverständnissen vorzubeugen und Berichten anderer Medien zu widersprechen, stellt Hammer klar: „Wir bieten keinen Kontakt mit Wölfen an, und wir untersuchen keine Wolfsrisse, dazu sind wir gar nicht kompetent. Und wir sind keine Safarifirma.“

Freude über "Wolfskacke"

Im Gegenteil: „Wir sind brutal ehrlich und sagen, dass die Chance gleich null ist, ein Tier zu sehen. Die Leute, die hier sind, die freuen sich, wenn sie Wolfskacke finden.“ Ganz und gar nicht erfreut ist Helmut Dammann-Tamke, Präsident der Landesjägerschaft: Es sei psychologisch verheerend für die ehrenamtlichen Wolfsberater, die „mit viel Enthusiasmus und Engagement“ bei der Sache seien, „wenn da jetzt so eine Truppe von Sensationstouristen um die Ecke kommt“.

Dabei ist das Expeditionsprojekt nach Angaben von Biosphere in jahrelanger Vorbereitung und enger Kooperation mit einem Wolfsberater entstanden. Wenn der Landesbetrieb für Naturschutz die Wolfsdatengrundlage aufstocken wolle, seien die Jäger – schon vertragsbedingt – erste Ansprechpartner.

Mit den Expeditionen „gegen unser ausdrückliches Votum“ ist für den Jägerschaftspräsidenten „jedenfalls der Bock fett”: Wir geben es auf, im Sinne der Sache zu schweigen.“ Immer wieder gebe es Probleme in der Zusammenarbeit mit dem Landesbetrieb.

Erste Expeditionswoche hat begonnen

Hinter dem Geld für die verstärkte Beobachtung der sogenannten Goldenstedter Fähe sei die Jägerschaft „monatelang hinterhergelaufen“, sagt er. „Und
obwohl wir das immer wieder anmahnen, leitet der Landesbetrieb die von den Bundesforsten auf Truppenübungsplätzen erhobenen Wolfsdaten nicht an uns weiter“, beschwert sich Dammann-Tamke.

Die erste der vier Expeditionswochen hat begonnen, die letzte soll am 21. Juli enden. Bis Mitte Juli dauert die Brut- und Setzzeit. „Das ist doch ein Ding aus dem Tollhaus, in der Zeit Leute in die Natur zu schieben“, sagt Helmut Dammann-Tamke. Matthias Hammer versichert: „Die Leute gehen
immer nur in kleinsten Grüppchen los und bleiben auf den öffentlichen Wegen.“

Das überzeugt den Jägerschaftspräsidenten nicht. „Fragt sich“, gibt er zu bedenken, „wie sie da wissenschaftlich bedeutsame Funde machen sollen.“ Nach Informationen des WESER-KURIER sind Wolfstouren in den Landkreisen Osterholz, Rotenburg, Verden, Celle, Uelzen und im Heidekreis geplant.

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